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Zygmunt Bauman

Zygmunt Bauman (geboren am 19. November 1925 in Posen, Polen; gestorben am 9. Januar 2017 in Leeds, England) war ein polnisch-britischer Soziologe und Philosoph.

Inhaltsverzeichnis

Leben


Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges lebte Bauman im westpolnischen Posen. Bei der deutschen Besetzung floh seine jüdische Familie[1] in die Sowjetunion. Dort besuchte er ein Internat und trat der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol bei. 1942 begann Bauman ein Studium in Gorki. 1944 wurde er mobilisiert, als Inspektor der Miliz nach Moskau abkommandiert und später als Politoffizier bei einem aus deportierten Polen bestehenden Regiment der Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion eingesetzt.[1]

Zwischen 1945 und 1953 war er politischer Offizier (zuletzt als Major) im Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego (Internes Sicherheitskorps des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit), das unter anderem den polnischen antikommunistischen Widerstand bekämpfte. Gleichzeitig war er in den Jahren 1945–1948 unter dem Decknamen „Semjon“ als Agent des Militärischen Informationsdienstes (Informacja Wojskowa) registriert.[2]

Wegen der Westkontakte seines zionistische Positionen vertretenden Vaters wurde er 1953 entlassen. Er selbst lehnte dessen Positionen ab.

Nach 1956 promovierte er und habilitierte sich 1960 an der Universität Warschau. Dort war er bereits seit 1954 Dozent für Soziologie und wurde 1962 als Professor Nachfolger von Julian Hochfeld (1911–1966), der neben Stanisław Ossowski zu seinen akademischen Lehrern gehörte. Anfang Januar 1968 trat er aus Protest aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei aus, deren Mitglied er seit seinen Studienzeiten gewesen war. Nach den März-Unruhen 1968 und der einsetzenden antisemitischen Hetzkampagne verlor er seine Anstellung an der Universität Warschau und emigrierte nach Israel.

1971 erhielt Bauman einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds in Großbritannien, den er bis 1990 innehatte. Bis zu seinem Tod lebte Bauman als emeritierter Professor in Leeds und ging seiner Publikationstätigkeit nach. Er war 61 Jahre lang mit der Autorin Janina Bauman (gestorben 2009) verheiratet. Seit ihrem Tod lebte er mit Aleksandra Jasińska-Kania, der Tochter des ehemaligen polnischen stalinistischen Parteichefs Bolesław Bierut, zusammen.[3]

Werk


Aufgrund politischer Ereignisse musste Bauman zweimal in seinem Leben auswandern bzw. flüchten. Vor den Nazis ist er zusammen mit seiner Familie 1939 in die Sowjetunion geflohen und kämpfte als polnischer Soldat gegen die Wehrmacht. Bauman hat tiefgreifende Erfahrungen mit Krieg, Nationalsozialismus, Stalinismus und Demokratie durchlebt, die er in seinen Theorien vor dem Hintergrund aktueller Transformationsprozesse thematisiert. Totalität, Überwachung, Herrschaft, Ausgrenzung und Anpassung sind immer wiederkehrende Themenmotive in seinen Werken.

Weltweit bekannt auch über die Grenzen seines Fachs hinaus wurde er seit Ende der 1980er Jahre vor allem mit Studien über den Zusammenhang zwischen der Kultur der Moderne und dem Totalitarismus, vor allem dem deutschen Nationalsozialismus und dem Holocaust. Für Bauman war der Holocaust einer von mehreren Wegen, die die europäische Aufklärung einschlagen konnte. Indem er den Holocaust zum integralen – grundsätzlich jederzeit wiederholbaren – Bestandteil der europäischen Moderne erklärte, gelang ihm gleichsam dessen „Historisierung“. In seine Arbeiten zur Entstehung des Holocaust aus der nach nationalen Kriterien geordneten Staatenwelt der Moderne flossen Thesen des Politologen Benedict Anderson ein.

Während Bauman in den 1990er Jahren zahlreiche Arbeiten zum Diskurs der Postmoderne vorlegte, befasste er sich zuletzt vor allem mit der neuartigen Kontingenz, die die Lebensverhältnisse der „liquiden“, also „verflüssigten“ Moderne kennzeichnet. Zur Betonung des „flüssigen“ Zustandes der Gegenwart charakterisiert Bauman den Unterschied zwischen der „schweren“ Moderne und der „leichten“ Postmoderne, exemplarisch an dem Phänomen der Macht. In Anlehnung an den Entwurf des Panopticon als Schlüsselmetapher moderner Machtverhältnisse von Michel Foucault bezeichnet Bauman den heutigen Zustand der Macht als „post-panoptisch“. Dabei greift er Gedanken von Richard Sennett auf.[4] Macht bewegt sich für Bauman in der Postmoderne mit der Geschwindigkeit elektronischer Signale, ist also schwer greifbar, exterritorial und physisch unabhängig. Sie rinnt im Sinne von Bauman durch Raum und Zeit, aber vor allem hält sie sich nicht an die nationalen Grenzen, die einst in der Moderne durch Kriege, Grenzkontrollen und von Machtblöcken streng verteidigt wurden.

In seinem Werk Gemeinschaften entwickelt er diese Ansätze weiter: Die Eliten üben keine direkte Kontrolle mehr aus und die verpflichtende Kraft von Bindungen und Normen lässt nach. An deren Stelle treten die Versuchungen und Verlockungen des Überflusses: Die von außen gelenkte Marschkolonne wird vom Schwarm ersetzt. Die liquide Moderne kennt keine Vision eines gerechten Endzustands der Welt mehr. Die Eliten ziehen sich aus der Welt zurück, geben ihre Ambitionen zur Aufrechterhaltung der sozialen Normen und zur Schaffung einer neuen Ordnung auf und werden quasi exterritorial. Macht beruht nunmehr nicht mehr auf Herrschaft, sondern auf Gruppenidentität durch Distanzierung, auf dem Bestreben, sich abzugrenzen und oberflächliche Differenzen zur Geltungmachung individueller Rechte zu nutzen. Entlang der Differenzen bilden sich neue Gemeinschaften, die sich mit universalistischem Anspruch auf die Menschenrechte berufen. Eine Folge sind die heftigen „Anerkennungs-Kriege“, also extreme Emanzipations- und Identitätskämpfe, welche die Postmoderne prägen: Die Verteidigung kleiner Gemeinschaften erscheint wichtiger als alle anderen Verpflichtungen und führt zu Ausgrenzungen und Einschränkungen der Freiheit. Diese Identitätskämpfe bergen fundamentalistische Züge, wenn sie nur als Selbstverwirklichung betrieben werden.[5]

Auszeichnungen


Bauman erhielt 1989 den Amalfi-Preis sowie 1998 den Theodor-W.-Adorno-Preis. 2010 wurde er mit dem Prinz-von-Asturien-Preis in der Kategorie Kommunikation und Humanwissenschaften (gemeinsam mit Alain Touraine) geehrt. 2013 verweigerte Bauman die Annahme der Ehrendoktorwürde der Universität Breslau, nachdem es Vorwürfe gegeben hatte, er habe sich nie für seine Mitwirkung im stalinistischen Repressionsapparat entschuldigt.[6] 2014 verlieh ihm die Deutsche Gesellschaft für Soziologie den Preis für ein „hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk“; Laudator war Ulrich Beck.[7]

Werke


Polnische Periode

Britische Periode

Literatur


Englischsprachig

Deutschsprachig

Weblinks


Commons: Zygmunt Bauman  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Quellen


  1. a b Zygmunt Bauman im Munzinger-Archiv, abgerufen am 11. Januar 2017 (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. Piotr Gontarczyk: Towarzysz „Semjon“. Nieznany życiorys Zygmunta Baumana. (pdf; 7,9 MB) In: Biuletyn IPN 6/2006. Institut für Nationales Gedenken (IPN), S. 74–83, archiviert vom Original am 26. November 2013; abgerufen am 10. Januar 2017 (polnisch).
  3. Córka Bolesława Bieruta zdradza nieznane fakty nt. swojej rodziny. Onet.pl, 17. Dezember 2012, abgerufen am 10. Januar 2017 (polnisch).
  4. Zygmunt Bauman: Flüchtige Moderne. Frankfurt am Main 2003, S. 18; siehe auch Ders.: Gemeinschaften. Frankfurt 2009, S. 59 f.
  5. Zygmunt Bauman: Gemeinschaften. Frankfurt am Main 2009, S. 91 ff.; 172 f.
  6. Sabine Adler: Bürde statt Würde. Polen streitet über einen Ehrendoktor für den Philosophen Zygmunt Bauman. Deutschlandfunk-Sendung „Campus & Karriere“, 23. August 2013, abgerufen am 10. Januar 2017.
  7. Living in Times of Interregnum. 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie: Abschlussvorlesung, 10. Oktober 2014, abgerufen am 10. Januar 2017.



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