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Wolfgang Schleidt

Wolfgang M. Schleidt (* 18. Dezember 1927 in Wien) ist ein österreichischer Forscher auf dem Gebiet der klassischen Ethologie. Er war Direktor des Konrad Lorenz Instituts für vergleichende Verhaltensforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und gilt als einer der Begründer der Bioakustik.[1]

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk


Wolfgang Schleidt wuchs in Wien auf und wurde, kaum 17 Jahre alt, im Sommer 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Während eines Luftangriffs im April 1945 verursachte in nächster Nähe eine Explosion ein Schalltrauma, das sein Gehör nachhaltig schädigte. „Das Glück im Unglück: Die Empfindung für Töne am obersten Ende der Tonskala war erhalten geblieben, und durch die Taubheit im darunterliegenden Bereich drangen extrem hohe Töne besonders deutlich durch. Schleidt konnte plötzlich wahrnehmen, was den meisten Menschen verborgen bleibt: Geräusche im Ultraschall.“[1]

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs studierte Schleidt in Wien Zoologie und Anthropologie und wurde zu einem der ersten Mitarbeiter der 1945 von Otto Koenig und Lilli Koenig gegründeten Biologischen Station Wilhelminenberg. Zu seinen Aufgaben zählte u. a., einen jungen Turmfalken aufzuziehen, den er mit gefangenen Mäusen füttern musste. Bei gefangenen Rötelmäusen fiel ihm auf, dass sie im Gehege des Falken extrem hohe Töne fiepten, was allerdings weder Otto Koenig noch der damals ebenfalls in Wien studierende Irenäus Eibl-Eibesfeldt zu bestätigen vermochten. Daher entschloss sich Schleidt, eine Apparatur zu konstruieren, mit deren Hilfe er hochfrequente Lautäußerungen in einen für jeden Menschen hörbaren Frequenzbereich umwandeln konnte. So entstand 1949 aus andernorts weggeworfenen Radioteilen sein erster funktionsfähiger Apparat zur Aufnahme und Registrierung hochfrequenter Mäusetöne. Mit Hilfe einer Galtonpfeife konnte er zudem die Reaktion seiner Mäuse auf ein menschengemachtes Signal testen. Ihm gelang der Nachweis, „dass der Ultraschall die Sprache der Mäuse ist, […] dass der Zweck der Fieptöne die Verständigung ist.“[1] Bis dahin war zwar schon die Echoortung der Fledermäuse bekannt und dass Hunde durch Pfeifen im Ultraschallbereich gelenkt werden können, durch seine 1948 publizierte Fachveröffentlichung Töne hoher Frequenz bei Mäusen öffnete Schleidt aber die Tür zu einem neuen Forschungsgebiet, der Bioakustik.[2] Die Schaltpläne seiner Apparatur wurden zwei Jahre später ebenfalls publiziert.[3] Für seine Doktorarbeit untersuchte Schleidt am Beispiel von Rötelmäusen u. a. angeborene Auslösemechanismen in der Kommunikation von Müttern und ihren Neugeborenen, was ihn rasch zu einem international anerkannten Experten speziell für die Ultraschall-Kommunikation bei Nagern machte.

Nachdem Konrad Lorenz 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in seine Familienvilla in Altenberg in Niederösterreich zurückgekehrt war, durfte Schleidt dort einziehen und – zunächst unbezahlt – mithelfen, das fünfstöckige Gebäude in ein Zoologisches Institut umzuwandeln. Er konnte seine Studien zum Thema Schallwahrnehmung fortsetzen, widmete sich mit Heinz Prechtl aber auch einer ganz anderen Fragestellung: Wie gelingt es Säugetieren, die Mutterbrust zu finden? Im Mai 1950 beschrieben Prechtl und Schleidt den heute allgemein bekannten „Suchautomatismus (seitliches Pendeln mit dem Kopf)“, ein Verhaltensmuster, das bei Maus, Ratte und Säugling nahezu identisch ist.[4] 1950 wurde Schleidt Wissenschaftlicher Assistent von Konrad Lorenz und baute mit diesem sowie mit Ilse und Heinz Prechtl und Irenäus Eibl-Eibesfeldt zunächst die Max-Planck-Forschungsstelle für vergleichende Verhaltensforschung in Buldern / Westfalen auf und später von 1955 bis 1958 das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen. In Seewiesen war Schleidt jahrelang auch für die Abwicklung vieler „bürokratischer“ Notwendigkeiten zuständig, ihm wird zudem die Erfindung des Ortsnamens Seewiesen für das Gelände am Eßsee zugeschrieben.[1] Schleidt erforschte hier in den folgenden zehn Jahren u. a. mit Hilfe von Attrappen, anhand welcher Merkmale Enten, Gänse und Truthühner Fressfeinde erkennen, und er analysierte die Balzbewegungen der Truthühner. Er veröffentlichte beispielhafte quantitative Untersuchungen angeborener Verhaltensweisen, und seine darauf begründeten Überlegungen betreffend die Rolle von Signalen bei der Erhaltung sozialer Bindungen als „tonische Kommunikation“ fanden besondere Beachtung.[5]

Von 1965 bis 1985 war er Professor an der University of Maryland, College Park und Leiter der ersten ethologischen Forschergruppe an der Ostküste, die sich vor allem mit Bioakustik und Kommunikationsforschung befasste. 1985 kehrte er nach Wien zurück und war bis 1992 Direktor des Konrad Lorenz Instituts für vergleichende Verhaltensforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Seit 1989 war er zudem außerordentlicher Professor an der Universität Wien, stand aber wegen seiner Schwerhörigkeit seit dem Ende des Sommersemesters 2003 den Studenten nur noch per E-Mail zur Verfügung.

Schleidt war ein loyaler „Kumpan“ von Konrad Lorenz und hat sich nach dessen Ableben in der Diskussion um dessen politische Vergangenheit wiederholt zu Wort gemeldet. Schleidts Kritik der vorherrschenden Theorien betreffend die Domestikation der Hunde und sein Hinweis auf die Möglichkeit einer Koevolution von Menschen und Wölfen fand 2003 ein erstaunlich weites Echo.[6][7]

Als „Privatgelehrter“, wie er sich heute selbst nennt, arbeitet er auf seinem Bauernhof in Moosbrunn, Niederösterreich.

Schriften (Auswahl)


Weblinks


 Commons: Wolfgang Schleidt  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. a b c d Alwin Schönberger: Wolfgang Schleidt – Der Tonmeister. In: Alwin Schönberger: Grenzgänger. Österreichische Pioniere zwischen Triumph und Tragik. Brandstätter Verlag, 2015, ISBN 978-3850338974
  2. Wolfgang Schleidt: Töne hoher Frequenz bei Mäusen. In: Experientia. Band 4, Nr. 4, 1948, S. 145–146, doi:10.1007/BF02164342
  3. Wolfgang Schleidt: Überlagerungsverstärker für Ultraschall. In: Radiotechnik. Band 26, 1950, S. 11–12
  4. Heinz Prechtl und Wolfgang M. Schleidt: Auslösende und steuernde Mechanismen des Saugaktes. In: Zeitschrift für vergleichende Physiologie. Band 32, Nr. 3, 1950, S. 257–262, doi:10.1007/BF00344527
  5. Wolfgang M.Schleidt: Tonic communication: Continual effects of discrete signs in animal communication systems. In: Journal of Theoretical Biology. Band 42, Nr. 2, 1973, S. 359–386, doi:10.1016/0022-5193(73)90095-7
  6. Wolfgang M. Schleidt und Michael D. Shalter: Co-evolution of Humans and Canids: An Alternative View of Dog Domestication: Homo Homini Lupus? In: Evolution and Cognition. Band 9, Nr. 1, 2003, S. 57–72, Volltext (PDF)
  7. Wolfgang M. Schleidt: Is humaneness canine? In: Human Ethology Bulletin. Band 13, Nr. 4, 1998, S. 1–4.



Kategorien: Zoologe | Verhaltensforscher | Hochschullehrer (College Park, Maryland) | Hochschullehrer (Universität Wien) | Schüler von Konrad Lorenz | Österreicher | Geboren 1927 | Mann



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