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Ultraorthodoxes Judentum




Das ultraorthodoxe bzw. charedische Judentum (hebräisch יַהֲדוּת חֲרֵדִית jahadut charedit) ist die theologisch und sozial konservativste Richtung innerhalb des Judentums.

Inhaltsverzeichnis

Fremd- und Selbstbezeichnungen


Die in nichtjüdischen Medien gängige Bezeichnung „ultraorthodox“ wird von den Anhängern selbst zumeist abgelehnt; sie bezeichnen sich als „streng orthodox“ oder „charedisch“. Die im Hebräischen gebräuchliche Bezeichnung für einen Anhänger dieser Richtung ist ebenfalls Charedi (חֲרֵדִי, Mehrzahl Charedim חֲרֵדִים (im Englischen auch: Haredim), von charada חֲרָדָה „Furcht“, deutsch etwa „Gottesfürchtiger“).

Geschichte und Verbreitung


Das ultraorthodoxe Judentum entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die jüdische Aufklärung und die Emanzipationsbestrebungen der Juden in Mittel- und Osteuropa.

Ultraorthodoxe Juden gibt es sowohl unter den aschkenasischen wie unter den sephardischen Juden, letztere machen jedoch nur rund 20 Prozent aus.[1] Die aschkenasischen ultraorthodoxen Juden teilen sich in chassidische und litauisch-jeschiwische, auch Mitnagdim genannte Gruppen. Äußerlich an ihrem Kleidungsstil erkennbar, unterscheiden sie sich von den übrigen orthodoxen Juden dadurch, dass sie weltlichem Wissen ablehnend gegenüberstehen und ein streng reguliertes, meist auf ein rabbinisches Oberhaupt ausgerichtetes Leben abseits der Mainstream-Gesellschaft, sowohl der jüdischen wie nichtjüdischen, führen.[2]

Die Zahl der ultraorthodoxen Juden wurde 2007 weltweit auf ca. 1,3 bis 1,5 Millionen geschätzt. Davon lebte der größte Teil, ca. 700.000, in Israel. In den USA und Kanada lebten etwa 500.000 ultraorthodoxe Juden.[3] In Europa gibt es im Vereinigten Königreich, in Frankreich, Belgien, Österreich und der Schweiz größere ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaften, die größte davon in England, wo im Jahr 2007 rund 46.500 ultraorthodoxe Juden lebten.[4]

Zentren des ultraorthodoxen Judentums (außerhalb Israels) befinden sich unter anderem in New York, besonders in Brooklyn, in London, Manchester und Gateshead, in Antwerpen, in Straßburg, in Wien und in Zürich.

Die Charedim in Israel


Anteil an der Bevölkerung

In Israel stellen die Charedim geschätzt bis zu 15 Prozent der Bevölkerung.[5] Allerdings verlässt seit den 2010er Jahren eine wachsende Zahl junger Erwachsener, sogenannte „XOs“ (Ex-Orthodoxe), die ultraorthodoxen Gemeinden, nicht zuletzt weil die bisherige Abschottung der Charedim von der säkularen israelischen Gesellschaft sich in Zeiten des Internets nicht mehr wie gewohnt durchsetzen lässt.[6]

Bevorzugte Wohnorte

Die meisten charedischen Einwohner hat Jerusalem, dort prägen sie ganze Stadtviertel, wie etwa Me'a Sche'arim. Auch die Städte Bnei Brak und Bet Schemesch gehören zu den Orten mit großer ultraorthodoxer Bevölkerung. Manche Charedim leben auch in Siedlungen in der Westbank, so etwa in Betar Illit und Modi’in Illit.[7]

Berufstätigkeit

In Israel gehen rund 60 bis 70 Prozent der charedischen jüdischen Männer keiner Arbeit nach, sondern verbringen ihre Zeit ausschließlich in einer religiösen Lehranstalt, der Jeschiwa, mit dem Studium der religiösen Schriften, vor allem Tanach und Talmud. Sie werden manchmal vom Staat finanziell unterstützt.

Manchmal sind die Frauen berufstätig, die mitunter eine bessere Berufsausbildung haben als die theologische Studien betreibenden Männer. In der Regel heiraten sie im Alter von 18 bis 20 Jahren und haben im Durchschnitt sieben Kinder.

Sozialer Status

Etwa 53 Prozent der ultra-orthodoxen israelischen Juden lebten 2018 nach Zahlen des israelischen Zentralbüros für Statistik unter der Armutsgrenze. Gründe dafür sieht das Haredim-Institut für Öffentliche Angelegenheiten in der ultra-orthodoxen Lebensweise, in der Geld und der wirtschaftliche Status einen eher geringen Stellenwert haben. Die Hauptgründe für das niedrige Pro-Kopf-Einkommen sind die niedrige Beschäftigungsrate, das religiös dominierte Bildungssystem, das junge Heiratsalter sowie die großen Familien.[8]

Wehrpflicht

In den Anfangsjahren Israels wurden etwa 400 charedische Juden von der Wehrpflicht befreit. 2012 entschied das Oberste Gericht, dass die obligatorische Befreiung ultraorthodoxer Talmudschüler vom Militärdienst verfassungswidrig ist. Am 12. März 2014 beschloss die Knesset ein Gesetz, das den Umfang von in der Bevölkerung als ungerecht wahrgenommenen Ausnahmen und Aufschüben des Militärdienstes begrenzte. Dadurch stieg der Anteil ultraorthodoxer Juden, die Wehrdienst leisten, stark an. Für 2013 wurde ihre Zahl auf 60.000 bis 70.000 geschätzt.[9] 2017 gab es 2.848 Freistellungen und 27.440 Dienstaufschübe.[10]

Verhältnis zum Staat Israel

In seiner Haltung zum Staat Israel ist das ultraorthodoxe Judentum, sowohl in Israel wie außerhalb, gespalten. Manche Gruppierungen lehnen den Staat Israel in seiner heutigen Form ab, da ihrer Ansicht nach nur der Messias einen jüdischen Staat wiedererrichten darf; hierzu gehören u. a. Neturei Karta und die in der Organisation Edah HaChareidis zusammengeschlossenen Gruppen. Andere beteiligen sich trotz ihrer Ablehnung des Zionismus aktiv an der israelischen Politik; Beispiele hierfür sind Agudat Jisra’el und Degel haTora als Vertretung ultraorthodoxer Aschkenasim. Eine dritte Gruppe, besonders sephardische Juden, die von der Partei Schas vertreten werden, befürwortet den Zionismus.

In Israel haben ultraorthodoxe Gruppierungen und Parteien, sowohl zionistische wie nicht-zionistische, seit der Staatsgründung einen bedeutenden politischen Einfluss, da ohne ihre Unterstützung oft keine Regierungsmehrheiten zustande kommen.[11] Einen ebenfalls großen Einfluss auf die israelische Gesellschaft übt das Oberrabbinat aus, dem zwei Oberrabbiner, ein aschkenasischer und ein sephardischer, vorstehen.

Die Einhaltung des Sabbats


Für ultraorthodoxe Juden (wie für alle orthodoxen Juden) ist der Sabbat eines der wichtigsten Ereignisse. Die Einhaltung des Sabbats ist so wichtig, dass gesagt wird: „Der Sabbat wiegt alle Gebote auf, wer den Sabbat vorschriftsmäßig hält, hat damit gleichsam die ganze Thora anerkannt; und wer ihn entweiht, ist, als ob er die ganze Thora abgeleugnet hätte.“[12] Dabei sind insbesondere die Sabbat-Regeln von besonderer Bedeutung. Am Sabbat gibt es 39 verbotene Hauptarbeiten (alles planvolle zielgerichtete Tun, das mit dem Werktag verbunden ist, fällt unter dieses Verbot).[13] Eine Ausnahme ist zum Beispiel, wenn ein Menschenleben gefährdet ist. Um diese Regeln einhalten zu können, ohne auf Annehmlichkeiten verzichten zu müssen, werden gewisse Hilfsmittel erdacht, welche die Regeln nicht verletzen: Für diese Fälle gibt es Erleichterungen, etwa spezielle, auf „indirekter Verursachung“ basierende Lichtschalter.[14]

Literatur


Weblinks


Commons: Ultraorthodoxes Judentum  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Isabel Kershner: Israel’s Ultra-Orthodox Protest Schools Ruling . In: The New York Times. 17. Juni 2010
  2. Nathaniel Deutsch: The Forbidden Fork, the Cell Phone Holocaust, and Other Haredi Encounters with Technology. In: Contemporary Jewry. Jg. 29 (2009), Heft 1, S. 3–19 (DOI:10.1007/s12397-008-9002-7).
  3. „Majority of Jews will be Ultra-Orthodox by 2050“ . Website der University of Manchester. 23. Juli 2007 (englisch)
  4. Britain’s Jewish population on the rise . In: The Daily Telegraph. 20. Mai 2008
  5. studiotlv: Geschlechter-Streit. 16. August 2019 (ard-telaviv.de [abgerufen am 30. Oktober 2019]).
  6. Daniela Segenreich: «Ich kann nicht zurück in die Sklaverei». Jahr für Jahr verlieren die ultrareligiösen Gemeinden in Israel mehr Mitglieder – schuld daran ist vor allem das Internet. In: Neue Zürcher Zeitung vom 26. Juli 2016, S. 35.
  7. Dan Ephron: Israel’s Ultra-Orthodox Problem. In: The Daily Beast. 2. Januar 2012, archiviert vom Original am 2. Januar 2012; abgerufen am 9. November 2018 (englisch).
  8. Haredim trotz hoher Armutsraten sehr zufrieden. In: Israelnetz.de. 20. Dezember 2018, abgerufen am 13. Januar 2019.
  9. handelsblatt.de, Protest gegen Wehrpflicht – Ultraorthodoxe Demonstranten legen Jerusalem lahm, 2. März 2014
  10. Zahl der Haredim in der Armee stark gestiegen. In: Israelnetz.de. 5. Dezember 2018, abgerufen am 28. Dezember 2018.
  11. Peter Lintl: Die Ultraorthodoxen, die Armee und warum sich nichts ändern wird . In: fokus-nahost.de
  12. Schulchan Aruch, 404.
  13. Religiöse Grundlagen: Sabbat auf der Webseite „Jüdische Geschichte und Kultur“ des Lessing-Gymnasiums in Döbeln, abgerufen am 5. September 2016.
  14. Am siebten Tage: Helfer in der Not: Rabbiner Halperin erfindet in Jerusalem schabbattaugliche Technik , Jüdische Allgemeine vom 6. September 2007, abgerufen am 20. November 2017.



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