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Tragik der Allmende




Tragik der Allmende (engl. tragedy of the commons), Tragödie des Allgemeinguts, Allmendeklemme oder Allmendeproblematik bezeichnet ein sozialwissenschaftliches und evolutionstheoretisches Modell, nach dem frei verfügbare, aber begrenzte Ressourcen nicht effizient genutzt werden und durch Übernutzung bedroht sind, was auch die Nutzer selbst bedroht.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsgeschichte


Der wörtliche Ausdruck tragedy of the commons wird unter anderem auf Überlegungen von William Forster Lloyd (1795–1852) zur Bevölkerungsentwicklung zurückgeführt.[1] Er geht auf die Rechte der commoners zurück – einzelner Bauern, die gemeinsam das Kroneigentum bewirtschafteten (insbesondere Hirten, die gemeinsam Weideland nutzten). Die deutsche Übersetzung wird von der seit dem Mittelalter bekannten Wirtschaftsform Allmende abgeleitet.

Garrett Hardin

Der Mikrobiologe und Ökologe Garrett Hardin erweiterte den Begriff 1968 in einem Essay für die Zeitschrift Science unter dem Titel The Tragedy of the Commons.[2] Die Tragik der Allmende wäre nach Hardin ein unvermeidliches Schicksal der Menschheit, würde man nur nach technologischer Lösung suchen. Um diesem Schicksal zu entgehen, muss man vielmehr seine Perspektive ändern und das Problem nicht mehr nur als einzelne Individuen, sondern auch als eine Gemeinschaft betrachten und angehen.[3][4] H. Scott Gordon schrieb noch 1954 am Beispiel der Fischerei: „Niemand misst einem Besitz, der allen zur freien Verfügung steht, einen Wert bei, weil jeder, der so tollkühn ist zu warten, bis er an die Reihe kommt, schließlich feststellt, dass ein anderer seinen Teil bereits weggenommen hat.“[5] Hardin, der sich selbst in die Tradition Robert Malthus’ stellt,[6] erweiterte den Begriff zur Metapher für unter anderem Überbevölkerung und forderte neben geregeltem Zugang zum öffentlichen Gut auch eine globale Geburtenkontrolle.

Hardin zufolge werde, sobald eine Ressource uneingeschränkt allen Menschen zur Verfügung steht, jeder versuchen, für sich so viel Ertrag wie möglich zu erwirtschaften. Dies funktioniere solange, wie das Gut nicht erschöpft wird. Sobald jedoch die Zahl der Nutzer über ein bestimmtes Maß hinaus ansteigt, greife die Tragik der Allmende: Jeder versuche nach wie vor, seinen Ertrag zu maximieren. Nun reiche das Gut aber nicht mehr für alle. Die Kosten, die durch den Raubbau entstünden, trage die Gemeinschaft. Für den Einzelnen sei der augenblickliche Gewinn wesentlich höher als die erst langfristig spürbaren Kosten. Doch letztlich trage jeder sowohl zum eigenen als auch zum Ruin der Gemeinschaft bei. „Freedom in a commons brings ruin to all“,[2] so Hardins Schlussfolgerung.

Joachim Radkau

Joachim Radkau[7] findet die Begrifflichkeit in einer ganzen Reihe von Schriften, die seit dem 18. Jahrhundert ein angebliches oder tatsächliches Allmendeproblem diskutierten. Radkau nennt neben der fast sprichwörtlich verwendeten „dürren Allmendekuh“[7] auch die aristotelische Polemik gegen die platonische Polis als Dauerargument der Agrarreformer. So zitiert er Aristoteles mit der Aussage, dass „dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird“, um den althergebrachten bäuerlichen Gemeinbesitz abzuschaffen.[7]

Radkau zufolge hat die Verwendung der Allmende in den Wirtschaftswissenschaften mit der tatsächlichen, durchaus funktionierenden und ökologisch interessanten Allmende wenig zu tun. Die wesentliche Motivation in den Wirtschaftswissenschaften sieht er in der Frühzeit als ideologische Wendung gegen traditionelle Formen des Gemeineigentums und einer zunehmenden, auf Privateigentum basierten Rationalisierung der Agrarwirtschaft, später umgekehrt in der Forderung nach rigiden internationalen Beschränkungen der Ressourcennutzung.[7]

Evolutionstheorie

In der Evolutionstheorie findet das Modell Anwendung als mögliche Erklärung für Evolutionary Suicide.[8]

Das Modell in den Wirtschaftswissenschaften


Güter, von deren Nutzung andere potenzielle Nachfrager nicht ausschließbar sind, jedoch die Nutzungsansprüche der Nachfrager rivalisieren, werden in den Wirtschaftswissenschaften als Allmendegüter bezeichnet.

Stehen in einer Welt knapper Ressourcen vollkommen rivale Güter frei, also zu einem Preis von null, zur Verfügung (→ Gemeingut), so wird sich im Regelfall eine Rationierung über die Wartezeit einstellen. Die Folge ist ein ressourcenverzehrender Aneignungswettkampf, in dem jeder versuchen wird, der Erste zu sein.[9]

Beispiele für die problematische Nutzung natürlicher Ressourcen, an denen keine exklusiven Verfügungsrechte definiert sind:

Als Motor wirkt, wenn die Nachfrage nach dem Gemeingut stark wächst im Vergleich zum Angebot. Dann tritt durch schnelleren Verbrauch des Gemeinguts eine tragische Eskalation ein. Siehe positive Rückkopplung.

Dies kann unter anderem verursacht werden durch lokal explodierende Bevölkerungspopulationen, die zu versorgen sind. In diesem Fall versagen Lösungsansätze des sozialen Dilemmas, die auf Definition von Verfügungsrechten unter staatlicher Kontrolle oder der Regulierung knapper Ressourcen, z. B. durch Fangquoten oder Emissionsrechtehandel.

Elinor Ostrom

Elinor Ostrom betrachtete in einem viel beachteten Buch Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action (deutscher Titel: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt) die Tragik der Allmende aus institutionenökonomischer Sicht. Ihr zufolge basieren funktionierende Lösungen des Allmendeproblems bei lokalen Allmendegütern oft darauf, dass die betroffenen Individuen die Ressource im Rahmen einer geeigneten Institution verwalten, die auf der Selbstorganisation der Beteiligten beruht. Für das Zustandekommen einer entsprechenden Übereinkunft sei sowohl eine glaubwürdige Selbstverpflichtung der Beteiligten wie auch das Etablieren wirkungsvoller Kontrollmöglichkeiten notwendig. Derartige institutionelle Arrangements auf Gemeindeebene oder genossenschaftlicher Ebene seien oft erfolgreicher als zentralstaatliche Kontrolle oder auch aus Privatisierungen resultierende Marktmechanismen, weil vor Ort vorhandenes Wissen genutzt werden könne.

Es gibt aus Ostroms Sicht daher mehr Lösungen zu dem Allmendeproblem, als von Hardin, aber auch der traditionellen ökonomischen Theorie generell vorgeschlagen wurden. Insbesondere müsse die Reichweite der Theorie, die aus Hardins Artikel entstanden sei, einer Neubewertung unterzogen werden.[10][11] Zwischen den Extremformen Staatsmodell (mit einem „wohltätigen Diktator“) einerseits und Unternehmensmodell (mit einem profitmaximierenden Unternehmer) andererseits gebe es in der Realität eine Vielzahl kollektiver Nutzungsformen, die zu berücksichtigen seien (siehe Artikel zu Commons).

Spieltheorie und Sozialpsychologie

Untersucht wird dieses Verhaltensmuster der individuellen Nutzenmaximierung, die unter Umständen zum gemeinsamen Ruin führt, auch von der Spieltheorie, insbesondere vom Gefangenendilemma und seinen Varianten.[12] Dabei wird unter anderem der Frage nachgegangen, warum Individuen in vielen Fällen trotz hoher individueller Kosten soziale Normen durch altruistische Sanktionen stabilisieren.[13] Die Sozialpsychologie zeigt auch maximenbasiertes, also nicht zweckorientiertes Vertrauen als Lösungsmöglichkeit auf.

Systemtheorie


Aus Sicht der Systemtheorie ist die Tragik der Allmende das Resultat des Verhaltens positiv rückgekoppelter Systeme, deren Tendenz zum „Aufschaukeln“ zu einem Teufelskreis führt. Dieses Verhalten kann auch in einem einfachen mathematischen Modell, der „Logistischen Gleichung“, nachgebildet werden.

Das bedeutet, dass die positive Rückkopplung verstärkend auf sich selbst auswirkt: Je stärker das Allgemeingut genutzt wird, desto knapper wird es – und je knapper es wird, desto stärker ist die Konkurrenz der Nutzer um den verbleibenden Rest. Das führt in eine Abwärtsspirale, sodass letztlich das Allgemeingut nahezu oder vollständig verbraucht ist. Wenn das Überleben der Nutzer davon abhängt, ist es auch dadurch gefährdet bzw. ausgeschlossen. Ein populäres Beispiel ist die von Jared Diamond in seinem Bestseller Kollaps publizierte These des Raubbaus an den natürlichen Ressourcen der Osterinsel, der zur Störung des ökologischen Gleichgewichtes auf der isolierten Insel geführt haben soll und damit zu einer extremen Dezimierung ihrer Bevölkerung.[14]

Komik der Allmende


Carol M. Rose beschrieb 1986 die sogenannte Komik der Allmende (englisch comedy of the commons)[15]. In gewissen Fällen könne das Ausnutzen einer Ressource sich für die Allgemeinheit als positiv darstellen. Dies sei der Fall wenn die jeweilige Ressource – nach dem Prinzip: „Je mehr desto besser“ – bei größerer Beanspruchung größere Gewinne erzielt. Rose nennt Tanzveranstaltungen als Beispiel, bei denen eine größere Beteiligung von Individuen eine höhere Vielfalt der potentiellen Tanzpartner, eine bessere Atmosphäre und einen größeren Gemeinschaftssinn erzeugt. Andere Beispiele wären der Markt oder Wikipedia.

Das Problem bei der Komik der Allmende liegt in der mangelnden Investition oder „underinvestment“. Diese bezeichnet den Unwillen der Beteiligten die Ressource zu beanspruchen, gerade zu deren Beginn. Am Beispiel der Tanzveranstaltung zeigt sich dies anhand einer leeren Tanzfläche, da keiner der Gäste bereit ist, die erste Person auf der Tanzfläche zu sein.

Rezeption


Clemens Knobloch zufolge handelt es sich bei Anti-Allmende-Konzeptionen (Lloyd 1833/Hardin 1968) um Narrative zum Zweck der Legitimierung von Einhegungen („Privatisierungen“) aus dem Enclosure Movement.[16]

Siehe auch


Literatur


Weblinks


Einzelnachweise


  1. William Forster Lloyd: Two Lectures on the Checks to Population. Oxford University Press, 1833
  2. a b Garret Hardin: The Tragedy of the Commons . Science Nr. 162 (1968), Seiten 1243–1248
  3. Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons. In: Science. Band 162, Nr. 3859, 13. Dezember 1968, ISSN 0036-8075 , S. 1243–1248, doi:10.1126/science.162.3859.1243 , PMID 5699198 (sciencemag.org [abgerufen am 3. Mai 2018]).
  4. Yanling Guo: Hardin und sein "The Tragedy of the Commons". In: LinkedIn. 30. April 2018 (linkedin.com [abgerufen am 3. Mai 2018]).
  5. H. Scott Gordon: The Economic Theory of a Common-Property Research: The Fishery. In The Journal of Political Economy, 1954, vol. 62, no. 2
  6. Garrett Hardin: The Social Contract. The Feast of Malthus Living within limits. 1998, Seiten 181–187
  7. a b c d Joachim Radkau: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. C.H. Beck, 2002, ISBN 3-406-48655-X, Seiten 15, 55 und 90ff.
  8. Daniel J. Rankin, Katja Bargum, Hanna Kokko: The tragedy of the commons in evolutionary biology. (PDF-Datei; 493 kB) In: Trends in Ecology and Evolution Nr. 22 (2007), Seiten 643–651
  9. Manfred Tietzel, Christian Müller: Ordnungspolitische Implikationen der Vertragstheorie. Erschienen in Ordnungstheorie und Ordnungspolitik: Konzeptionen und Entwicklungsperspektiven. Lucius & Lucius, 2000, ISBN 3-8282-0145-8, S. 316
  10. Elinor Ostrom et al.: Revisiting the Commons: Local Lessons, Global Challenges. In: Science 284 (1999), S. 278.
  11. B. Bärmann: Wann klappt Selbstorganisation? keimform.de, 29. Juni 2009 (Kurzdarstellung)
  12. Yanling Guo: A Reconsideration of Inter-Group Cooperation with Defect Problem. ID 2996583. Social Science Research Network, Rochester, NY 31. August 2016, doi:10.2139/ssrn.2996583 (ssrn.com [abgerufen am 3. Mai 2018]).
  13. (Memento des Originals vom 7. Februar 2009 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Pitsoulis: Ressourcenmanagement auf der Grundlage sozialer Sanktionen, economag.de Nr. 2/2007
  14. Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt am Main 2005, S. 103 ff.
  15. Carol M. Rose: The comedy of the Commons: Custom, Commerce, and Inherently Public Property. The University of Chicago Law Review, 1986, abgerufen am 6. Januar 2020.
  16. Clemens Knobloch: „The Tragedy of the Commons“ – Anatomie einer Erfolgsgeschichte. In: Die Kultur des Neoevolutionismus. Zur diskursiven Renaturalisierung von Mensch und Gesellschaft (Hg. Deus, Dießelmann, Fischer, Knobloch). Bielefeld 2015, S. 170.



Kategorien: Volkswirtschaftslehre | Spieltheorie | Evolution



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