Totenleuchte


Als Totenleuchte im engeren Sinn wird ein im Mittelalter auf Friedhöfen errichtetes freistehendes Bauwerk bezeichnet, das in seinem oberen Teil eine mehrseitig geöffnete Laterne enthält. Häufig wird der Begriff auf Lichthäuschen und Lichtnischen an Gebäuden im Kirchen- und Friedhofsbereich ausgedehnt, in die ebenfalls eine Lichtquelle eingebracht werden kann. Synonyme für beide Bauformen sind Friedhofsleuchte, Kirchhofslaterne und (Arme-)Seelenlicht. Ebenfalls bekannt ist der französische Begriff Lanternes des morts, der in einigen Reiseführern mit „Totenlaterne“ übersetzt wird.

Wie andere vergleichbare, aber meist kleinere Monumente (Wegkreuze, Hosianna-Kreuze etc.) sind die Totenleuchten sichtbarer Ausdruck des Memorialwesens.

Inhaltsverzeichnis

Formen


Kleinere Säulen mit Tabernakel außerhalb von Friedhöfen werden häufig ebenso wie freistehende Totenleuchten als „Lichtsäulen“ bezeichnet. Zur Unterscheidung sollten diese jedoch als „Lichtstöcke“ bezeichnet werden. Aus ihnen entwickelten sich nach Franz Hula Bildstöcke, bei denen der tabernakelartige Aufsatz mit Reliefs, Bilddarstellungen und Kleinplastiken verziert und nicht mehr beleuchtet wurde. Diese beiden Formen von Kleindenkmälern wurden nebeneinander verwendet, gingen ineinander über und tauschten teilweise ihre Funktion. So wurden an Bauwerken, die nicht für eine Beleuchtung ausgelegt wurden, dennoch teilweise Kerzen platziert und Laternen montiert, z. B. am Gedächtnis Allerseelen (Armeseelenlicht). Daher empfahl Hula 1970 bei Unkenntnis, die Begriffe „Nischen-“ oder „Tabernakelpfeiler“ zu verwenden. Hierzu gehören Pest- und Armesünderkreuze sowie ähnliche Bauwerke vor Siechenhäusern und Leproserien.

Nach dieser Differenzierung 1970 von Franz Hula fand sie beispielsweise Mitte der 1990er-Jahre Eingang in den Leitfaden zur Klein- und Flurdenkmaldatenbank für Niederösterreich und Salzburg.[1] Hulas Werk zu Totenleuchten und Bildstöcken in Österreich aus dem Jahr 1948 wurde bisher nicht aktualisiert. Es wird jedoch inzwischen kritisiert, dass Hulas Systematik und Theorie zur Entstehung von Bildstöcken aus Totenleuchten nur für Bildstöcke im Alpenraum, besonders in Österreich gelte und nicht auf andere Landschaften, wie z. B. Franken, übertragen werden könne.[2]

Freistehende Totenleuchten


Hula bezeichnete 1948 diese freistehenden Totenleuchten als die „älteste Form“ des Bildstocks. Er ist charakterisiert durch einen polygonalen (meist achtseitigen) Schaft, ein polygonales mehr- oder gegenseitig geöffnetes Lichtgehäuse sowie einen polygonalen Pyramidenhelm. Hula bezeichnete diese Totenleuchte auch als „französischen Typ“, da die frühesten und gleichzeitig imposantesten Spuren dieser Tradition im Westen Frankreichs zu finden sind:[3][4]

Frankreich
Österreich

Möglicherweise über Zisterziensermönche gelangte das Konzept der Totenleuchten nach Kärnten, wo heute noch acht Exemplare erhalten sind, so die beiden gotischen Säulen aus dem 13. Jahrhundert in Köttmannsdorf und Keutschach am See. Ein weiteres Exemplar, gestiftet im Jahr 1469, befindet sich im oberösterreichischen Lorch, einem Stadtteil von Enns. Die Tutzsäule, eine mit Reliefs aus der Leidensgeschichte Christi geschmückte Totenleuchte von 1381, steht vor der Stiftskirche Klosterneuburg in Niederösterreich.[6] Josef Dünninger bezeichnete sie 1952 jedoch als Pestkreuz und sie wäre damit laut Hula zwar ein Lichtstock, aber keine Totenleuchte.[7] Hula schrieb 1970, dass in einige dieser Friedhofsleuchten noch zu seiner Zeit an Allerseelen brennende Kerzen gestellt und sie daher teilweise auch als „Kerzenturm“ bezeichnet wurden.

Wenige Exemplare aus den Anfängen der österreichischen Totenleuchtenkultur in der Mitte des 13. Jahrhunderts sind noch der Romanik zuzuordnen, der Großteil jedoch der Gotik. Das Ende der Errichtung von Totenleuchten wird auf das frühe 17. Jahrhundert datiert.[8]

Südtirol
Deutschland

Die älteste Totenleuchte Deutschlands ist die 1268 im Friedhof des Zisterzienserklosters Pforta errichtete Totenleuchte.[9] Gelegentlich wird dieser Titel auch der Mordsäule für den Bischof Konrad von Querfurt beim Würzburger Dom zugewiesen. Das kurz nach dem Mord errichtete Bauwerk ist laut Hula jedoch nur ein Lichtstock.[7]

Lichthäuschen und -nischen


Es gibt auch Leuchten, die an der Innenwand einer Kapelle, Kirche oder eines Beinhauses angebracht waren, wie z. B. im Kreuzgang im Augsburger Dom. An der Außenwand angebrachte Totenleuchten nennt man „Lichterker“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Totenleuchten auch zum Gedenken an die Kriegsopfer errichtet. Die Totenleuchte am Paderborner Dom brennt beispielsweise nur am 17. Januar, 22. März und 27. März. Dies waren die Tage der schwersten Luftangriffe auf Paderborn im Jahr 1945.[10]

Siehe auch


Literatur


Weblinks


Wiktionary: Totenleuchte – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Totenleuchten  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Leitfaden zur Klein- und Flurdenkmaldatenbank für Niederösterreich und Salzburg (Memento vom 16. Dezember 2013 im Internet Archive), Kategorie 1520–1540, Zugriff am 10. September 2012
  2. Stefan Popp: Bildstöcke im nördlichen Landkreis Würzburg: Inventarisierung und mentalitätsgeschichtliche Studien zu religiösen Kleindenkmalen , Dissertation, Universität Würzburg, 2004, S. 43 ff.
  3. Yvonne Leiverkus: Köln: Bilder einer spätmittelalterlichen Stadt, Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-23805-8, S. 293, Vorschau in der Google-Buchsuche
  4. koettmannsdorf.at: Pfarrkirche St. Georg (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive), abgerufen am 11. September 2012
  5. a b c d e lanterne des morts. 25. März 2015, abgerufen am 7. Mai 2021.
  6. Totenleuchte. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 15, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 776.
  7. a b Josef Dünninger: Bildstöcke in Franken in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 4, 1952, S. 32
  8. Leitfaden, S. 33
  9. Peter Gerlach: Die Totenleuchte von Schulpforta und die französischen Totenleuchten. peter-gerlach.eu, August 2007, archiviert vom Original am 10. November 2013; abgerufen am 23. Dezember 2017.
  10. diekneite-paderborn.de: Die Totenleuchte am Dom (Memento vom 27. Oktober 2012 im Internet Archive), Zugriff am 12. Mai 2012









Kategorien: Bestattung (Christentum) | Leuchter (Christentum) | Totenleuchte




Stand der Informationen: 04.11.2021 05:22:17 CET

Quelle: Wikipedia (Autoren [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Veränderungen: Alle Bilder und die meisten Designelemente, die mit ihnen in Verbindung stehen, wurden entfernt. Icons wurden teilweise durch FontAwesome-Icons ersetzt. Einige Vorlagen wurden entfernt (wie „Lesenswerter Artikel“, „Exzellenter Artikel“) oder umgeschrieben. CSS-Klassen wurden zum Großteil entfernt oder vereinheitlicht.
Wikipedia spezifische Links, die nicht zu Artikeln oder Kategorien führen (wie „Redlink“, „Bearbeiten-Links“, „Portal-Links“) wurden entfernt. Alle externen Links haben ein zusätzliches FontAwesome Icon erhalten. Neben weiteren kleinen Designanpassungen wurden Media-Container, Karten, Navigationsboxen, gesprochene Versionen & Geo-Mikroformate entfernt.

Wichtiger Hinweis Da die gegebenen Inhalte zum angegebenen Zeitpunkt maschinell von Wikipedia übernommen wurden, war und ist eine manuelle Überprüfung nicht möglich. Somit garantiert LinkFang.org nicht die Richtigkeit und Aktualität der übernommenen Inhalte. Sollten die Informationen mittlerweile fehlerhaft sein oder Fehler in der Darstellung vorliegen, bitten wir Sie darum uns per zu kontaktieren: E-Mail.
Beachten Sie auch : Impressum & Datenschutzerklärung.