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Stendhal




Dieser Artikel behandelt den französischen Schriftsteller. Zur Stadt in Sachsen-Anhalt siehe Stendal, zum Theologen siehe Krister Stendahl

Marie-Henri Beyle, besser bekannt unter seinem Pseudonym Stendhal [stɛ̃dal] (* 23. Januar 1783 in Grenoble; † 23. März 1842 in Paris), war ein französischer Schriftsteller, Militär und Politiker. Zu seiner Zeit eher als Journalist, Kritiker und Essayist bekannt, gilt er heute aufgrund der analytischen Charakterbilder seiner Romane als einer der frühesten Vertreter des literarischen Realismus.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft des Pseudonyms


Beyles Pseudonym Stendhal leitet sich nach einer weitverbreiteten Auffassung von der Stadt Stendal her, die in der Altmark im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt liegt. Als Motivation des französischen Literaten für seine Wahl wird entgegen früherer Auffassung nicht die Verehrung für den Kunsthistoriker und Archäologen Johann Joachim Winckelmann angesehen, dessen Heimatstadt Stendal war, den er aber für einen klassizistischen Pedanten hielt.[1] Beyle wohnte von 1807 bis 1808 in Braunschweig in relativer Nähe von Stendal und unterhielt in dieser Zeit eine enge Beziehung zu Wilhelmine von Griesheim (1786–1861) und ihrer Familie.

Umstritten ist, wie er selbst diesen Namen aussprach, ob (wie heute die meisten gebildeten Franzosen) mit e-Nasal (als wäre die Schreibung Stindal oder Steindal) oder mit a-Nasal (wie Standal), was einige Experten für plausibler halten.

Leben und Schaffen


Jugend

Stendhal war das älteste von drei Kindern von Chérubin Beyle, einem bürgerlichen, aber Adelsambitionen hegenden Anwalt am Obersten Gerichtshof (Parlement) der Provinz Dauphiné. Mit sechs verlor er seine Mutter bei der Geburt der jüngsten Schwester. Auch aufgrund des resultierenden Traumas verargte er es seinem Vater zutiefst, als dieser sich mit der Schwester der Mutter liierte und den Sohn der „Tyrannei“ eines ungeliebten Hauslehrers, eines ehemaligen Geistlichen, aussetzte. Allerdings wurde der Knabe in dieser Zeit zugleich sehr gefördert von seinem Großvater mütterlicherseits, dem schöngeistig interessierten Arzt und Voltaire-Verehrer Gagnon, sowie dessen unverheiratet gebliebener Schwester. Während der Zeit der Schreckensherrschaft (la Terreur) der Jahre 1793 und 1794 sympathisierte er aus Trotz gegen seinen royalistisch eingestellten Vater mit den revolutionären Jakobinern und freute sich geradezu, als jener verhaftet wurde und Gefahr lief, guillotiniert zu werden.

Von 1796 bis 1799 besuchte er die nach einer Schulreform neu eingerichtete Grenobler École centrale – an der er in Mathematik brillierte – und ging dann aus der ihm verhassten engen Provinzstadt nach Paris, um an der neuen École polytechnique zu studieren. Er meldete sich aber nicht zur Aufnahmeprüfung (concours), sondern fing an, Theaterstücke und anderes zu schreiben. Bald danach erkrankte er in seinem kargen und kalten möblierten Zimmer und wurde daraufhin von entfernten Cousins, den etwas älteren Brüdern Daru, in ihr Haus aufgenommen.

Militärzeit

Die Darus gehörten zur näheren Umgebung Napoleon Bonapartes und partizipierten an dessen fulminantem Aufstieg zum Herrscher von ganz Mitteleuropa. Als ihr Verwandter und Protégé profitierte auch Stendhal von dieser Nähe. Er nahm zunächst als blutjunger Leutnant 1799–1800 im 6. Dragonerregiment an Napoleons siegreichem Italienfeldzug teil. Dabei lernte er als Adjutant eines Generals das Land, insbesondere die Stadt Mailand, von der besten Seite kennen und entwickelte sich zum Liebhaber italienischer Kunst, Musik und Lebensart. Allerdings infizierte er sich zugleich in einem Bordell mit Syphilis, deren akutes Stadium ihn 1802 zum Quittieren des Militärdienstes zwang.

Vorübergehend halbwegs gesundet, verbrachte er einige Jahre mit befruchtender Lektüre sowie allerlei fruchtlosen literarischen, geschäftlichen und amourösen Experimenten in Grenoble, Marseille und Paris. 1806, inzwischen war wieder Krieg, schloss er sich erneut den Darus an und avancierte zum Kaiserlichen Kriegskommissar und anschließend zum Verwalter der kaiserlichen Domänen im Département Oker des 1807 gegründeten Königreichs Westphalen, eines kurzlebigen französischen Satellitenstaats, der von Napoleons jüngerem Bruder Jérôme Bonaparte regiert wurde. In seinen Zeugnissen aus und über Braunschweig (1806–1808), das Briefe, Tagebücher und Reisebeschreibungen enthält, lieferte er eine amüsante Beschreibung der Braunschweiger Gesellschaft.[2]

Zwischen 1810 und 1811 setzte er seine Karriere in Paris fort und wurde für kurze Zeit Chef der Verwaltung der kaiserlichen Liegenschaften, vor allem der Schlösser samt ihren Kunstschätzen. 1812 nahm er an Napoleons Russlandfeldzug teil und kam mit der Grande Armée im September bis Moskau. Den anschließenden, äußerst verlustreichen Rückzug überstand er unbeschadet. 1813 war er für kurze Zeit kaiserlicher Intendant in Schlesien.

Danach erlitt er einen weiteren Syphilis-Anfall und nahm in den Jahren 1813 und 1814 einen längeren Urlaub, den er zum Teil in Italien verbrachte, vor allem in Mailand, der Stadt, die er als jugendlicher Offizier lieben gelernt hatte. Den Zusammenbruch des napoleonischen Kaiserreichs erlebte er im heimatlichen Grenoble. Ob tatsächlich sein Adelsbrief fertig zur Unterschrift auf Napoleons Schreibtisch lag, als jener 1814 besiegt wurde und abdankte, ist ungewiss. Immerhin schmückte er später sein meistgebrauchtes und bekanntestes Pseudonym „Stendhal“ – wie so manch anderer Literat jener Zeit – mit einem adeligen „de“.

Mailand

Wie so viele hohe napoleonische Beamte fand auch Stendhal 1814 keinen Platz in der naturgemäß stark verkleinerten Beamtenschaft des „Restaurationsregimes“ unter König Ludwig XVIII. und wurde daraufhin Napoleon-Nostalgiker und Liberaler, d. h. Oppositioneller. Er ging einmal mehr nach Mailand und wurde hier endgültig zum Literaten mit Biographien, kunsthistorischen Werken und Reisebüchern, die er zunächst unter wechselnden Pseudonymen und schließlich unter dem dauerhaft werdenden Namen „M[onsieur]. de Stendhal“ publizierte. So erschienen 1815 die Lettres écrites de Vienne en Autriche sur le célèbre compositeur Joseph Haydn, suivies d’une vie de Mozart et de considérations sur Métastase, et l’état présent de la musique en Italie (1817 neu aufgelegt als Vies de Haydn, Mozart et Métastase). 1817 kam neben der Histoire de la peinture en Italie auch seine Promenades dans Rome, Naples et Florence en 1817 heraus; wegen der Schilderung einer Reizüberflutung in Florenz wurde das Stendhal-Syndrom 1979 nach ihm benannt. Eine Vie de Napoléon, an der er zwischen 1817 und 1818 arbeitete, blieb Fragment und wurde erst postum 1929 gedruckt.

Matilde

Im März 1818 begegnete Stendhal in Mailand mit Matilde (Métilde) Viscontini Dembowski (1790–1825) der großen, leidenschaftlichen und doch letztlich unerfüllten Liebe seines Lebens. Matilde, eine geborene Visconti, stammte aus einer lombardischen Bankiersfamilie und war mit dem ehemals in napoleonischen, nun in österreichischen Diensten stehenden polnisch-italienischen General Jan Dembowski (1773–1823) verheiratet. Die Liebesbeziehung zu dieser selbstbewussten und unabhängigen, seit 1814 von ihrem Ehemann getrennt lebenden Frau absorbierte ihn bis 1824 und „war die große Tragik, die ihn aber für den Rest seines Lebens befruchten, aus dem Kompilator […] endgültig den Romancier Stendhal machen sollte“.[3]

Ganz unmittelbar war Matilde für Stendhal, der von ihren Reizen hingerissen war,[4] ein Inspirationsquell zu dem essayistischen Werk De l’amour (erschienen 1822). Sie war zugleich das literarische Vorbild für weitere Frauenfiguren Stendhals, so für Mathilde de la Mole in Rouge et le Noir, die sicher nicht zufällig den Vornamen der Geliebten trug, oder Bathilde de Chasteller in seinem unvollendeten Roman Lucien Leuwen.

1819 erfuhr Stendhal nach dem Tod seines vermeintlich wohlhabenden Vaters, dass dieser nur ein unerwartet kleines Vermögen hinterlassen hatte, was ihn fortan zur unterhaltssichernden journalistischen Arbeit zwang, zumal auch seinem Essay De l’amour kein kommerzieller Erfolg beschieden war.

Paris

1821 wurde Stendhal wegen seiner Kontakte mit oppositionellen Intellektuellen wie Silvio Pellico oder Alessandro Manzoni von der österreichischen Obrigkeit in Mailand als Verschwörer verdächtigt. Er verließ die geliebte Stadt (in die er nicht wieder zurückkehren sollte) und verlebte einige unstete Jahre in Paris, London und wieder Italien, bis er sich 1824 in Paris niederließ, wo er sich als Journalist, unter anderem mit Kunst- und Musikkritiken, über Wasser hielt. Daneben bewegte er sich in den Kreisen der sogenannten „Ideologen“ um ihren Vordenker Destutt de Tracy, aber auch der Romantiker, an deren Kampf gegen den noch vorherrschenden Klassizismus er mit der Streitschrift Racine et Shakespeare (1823) teilnahm. Ebenfalls 1823 erschien seine Biografie Vie de Rossini. 1825 mischte er sich mit der Schrift Nouveau complot contre les industriels auf Seiten der oppositionellen Saint-Simoniens in politische Diskussionen ein.

Ab 1826 erschienen in The London Magazin unter dem Titel Sketches of Parisian Society, Politics and Literatur insgesamt 29 gut honorierte Aufsätze, in denen er über französische Politik und die Pariser Gesellschaft berichtete. 1827 publizierte Stendhal seinen ersten Roman, Armance, die zarte, um 1820 in Paris spielende Liebesgeschichte der armen jungen Adeligen Armance und des reicheren, offenbar impotenten Octave, der sich nach ihrer Heirat auf einem Schiff in Richtung Griechenland das Leben nimmt.

Seinem novellistischen Debüt ließ Stendhal ein neues Reisebuch folgen (Promenades dans Rome, 1829) und versuchte sich, wie sein jüngerer Freund Prosper Mérimée und andere Autoren, in der neuen Modegattung der Novelle, mit Vanina Vanini (1829), Le Coffre et le revenant und Le Philtre (beide 1830). Im Oktober 1829 hatte er, während einer Reise, in Marseille die Idee zu einem Roman, den er sofort begann und der sein Meisterwerk werden sollte: Le Rouge et le Noir.

Nach der Julirevolution von 1830 schöpfte er wieder Hoffnung auf einen höheren Posten im Staatsdienst, z. B. als Präfekt. Allerdings erhielt er nur den eines Konsuls im damals österreichischen Triest, wo man ihn jedoch bei seiner Ankunft Ende des Jahres als einstigen Verschwörer einstufte und ihm die Zulassung verweigerte. 1831 wurde er schließlich nur Konsul in der kleinen Hafenstadt Civitavecchia im Kirchenstaat, sein häufigster Aufenthaltsort war jedoch das nur wenige Wegstunden von Civitavecchia entfernte Rom.

Ende 1830, einige Monate nach der Julirevolution und durch sie eigentlich obsolet geworden, kam Le Rouge et Le Noir (Rot und Schwarz) heraus. Es ist die tragische Geschichte eines tüchtigen und ehrgeizigen Handwerkersohns. Im von reaktionären Adeligen, intriganten Geistlichen und opportunistischen Bourgeois beherrschten Restaurationsregime gelingt es dem jungen Provinzler Julien Sorel letztlich trotz seiner Begabungen, Verdienste und einiger beachtlicher Teilerfolge nicht, General oder Bischof zu werden (gemäß einer verbreiteten Deutung stehen die beiden Farben des seinerzeit als ebenso rätselhaft wie prätentiös angesehenen[5] Romantitels für die militärische und die klerikale Laufbahn). Er bringt es nur zum Geliebten einer älteren Frau und danach zum Verlobten einer jüngeren Adeligen. Schließlich erleidet er einen heroisch akzeptierten Tod auf dem Schafott.

Nach einigen weiteren Erzählungen verfasste Stendhal 1832 die autobiografischen Souvenirs d’égotisme (erst postum publiziert) und begann 1834 den Roman Lucien Leuwen, der, obwohl weit fortgeschritten, unvollendet blieb. Dieser erzählt die Geschichte eines Pariser Bankierssohns, der gewissermaßen die Julien Sorel nicht mögliche Offizierskarriere verwirklichen sollte, unter der Hand jedoch ganz unzeitgemäße Sympathien für den nach 1830 entmachteten Adel entwickelt, sich in eine adelige junge Witwe verliebt, sie aber verlässt, als er sich betrogen glaubt, und danach in Paris als Adlatus eines Ministers die Politik von ihrer schmutzigen Seite kennenlernt, worauf er seinem Autor quasi entgleitet.

Auf Reisen

Hierauf nahm Stendhal erneut sich selbst ins Visier und schrieb 1835 und 1836 an einer wiederum unvollendet gebliebenen Geschichte seiner Jugend (Vie de Henry Brulard). Eine insgesamt dreijährige Beurlaubung nutzte er zu Reisen, aber auch zu ausgiebigen Aufenthalten in Paris, wo er 1835 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde. Im selben Zeitraum verfasste er eine Serie von historischen Novellen, deren Handlung er in die italienische Renaissance verlegte, als seiner Meinung nach die Menschen noch Leidenschaft und Energie besaßen (Chroniques italiennes, 1837–39).

Im November und Dezember 1838 diktierte er in nur 53 Tagen in Civitavecchia den Roman La Chartreuse de Parme, die spannende Geschichte des jungen lombardischen Adeligen Fabrice del Dongo, der dem Napoleon der hundert Tage zur Hilfe zu eilen versucht. Nach diesem kapitalen Fehler bringt er es im reaktionären Oberitalien der Restauration lediglich zu einer Karriere innerhalb der Kirche, und auch das nur dank der Intrigen seiner schönen und energischen jungen Tante. Er wird schließlich Bischof und zugleich der Geliebte der schönen Generalstochter Clélia Conti. Der Roman endet – wie schon die beiden Bücher von Le Rouge et le Noir – mit der später berühmt gewordenen englischen Widmung „To the happy few“. Er wurde von Balzac begeistert in der Revue parisienne besprochen (1840) und war der einzige Bucherfolg Stendhals zu seinen Lebzeiten.

Ende 1839 arbeitete Stendhal an einem neuen Roman, Lamiel, der allerdings ebenfalls Fragment blieb. Nach einem ersten Schlaganfall im März 1841 starb er bei einer zweiten Attacke ein Jahr später in Paris während einer längeren Beurlaubung.

Werke


Zu Lebzeiten veröffentlichte Werke
Posthum erschienene Werke
Fragmente
Werkausgaben
Neuübersetzungen

Literatur


Weblinks


Wikiquote: Stendhal – Zitate
Commons: Stendhal  – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Stendhal – Quellen und Volltexte (französisch)
Wikisource: Stendhal – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise


  1. Hans Mattauch, Nachwort zu „Zeugnisse aus und über Braunschweig 1806-1808“, Bielefeld 1999, S. 263 Anm. 1
  2. Hans Mattauch (Hrsg.): Stendhal: Zeugnisse aus und über Braunschweig (1806–1808). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1999.
  3. Johannes Willms: Stendhal. Hanser, München 2010, S. 181.
  4. Stendhal sprach zum Beispiel von „Mme. M. V., die in ihrer Schönheit der bezaubernden Herodias von Leonardo da Vinci gleicht“. Zitiert nach dem Nachwort von Elisabeth Edl in Stendhal: Die Kartause von Parma, Hanser, München 2007, S. 862, Anm. 15. Stendhal bezieht sich auf ein Gemälde, das man heute Bernardino Luini zuschreibt und als Darstellung der Salome interpretiert. Zum Gemälde siehe Bernardino Luini.
  5. Vgl. das Vorwort von Marie Parmentier in der französischen Ausgabe: Stendhal, Le Rouge et le Noir, Paris (Flammarion) 2013, besonders S. 7–12.
  6. KOLIMO: Korpus der literarischen Moderne. Beschreibung des Projekts auf forText.net.



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