Starrachse



Die Starrachse ist eine Bauform der Radaufhängung von PKW, Geländewagen und Nutzfahrzeugen. Bei ihr sind die Räder einer Achse über einen starren Achskörper miteinander verbunden.[1] Der Achskörper wird von Blattfedern, Lenkern und Gelenken relativ zum Aufbau geführt. Die Starrachsaufhängung ist ein Mechanismus mit zwei Freiheitsgraden. Während die Starrachse in Personenkraftwagen von der Einzelradaufhängung fast völlig verdrängt wurde, ist sie bei Nutzfahrzeugen nach wie vor zu finden.

Bei ungefederten Fahrzeugen wie z. B. Baggern ist nur eine Achse fest mit dem Fahrzeugkörper verbunden. Die andere Achse ist quer zur Fahrtrichtung pendelnd aufgehängt und hat demnach nur einen Freiheitsgrad.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte


Starre, an Wagen angebrachte Achsen gab es bereits in der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr., den einachsigen Streitwagen mit Deichsel ab dem 2. Jahrtausend v. Chr.[2] Die Entwicklung der lenkbaren Starrachse als Drehschemel durch die Kelten und Römer fällt in die Zeitenwende,[3] ebenso der federnd aufgesetzte Wagenkörper. Auch bei der Achsschenkellenkung, 1816 von Georg Lankensperger patentiert, wurde ursprünglich eine Starrachse verwendet, deren neuere Version die Faust- und Gabelachse im Nutzfahrzeugbereich ist. Die von der Kutsche übernommenen Starrachsen mit Längsblattfedern mussten an der Vorderachse durch andere Lösungen ersetzt werden. Die Längsbewegung der Achse durch die Längenänderung der Blattfedern führten bei Unebenheiten zu ungewollten Radeinschlägen und zu Stößen an der Lenkung (siehe Škoda 4 R/6 R). Die ab etwa 1920 eingeführten Bremsen an der Vorderachse beanspruchten die Blattfedern, die vielfach den Belastungen nicht mehr gewachsen waren.[4]

Von der Möglichkeit durch die Radaufhängungsgeometrie die fahrdynamischen Eigenschaften des Fahrzeugs zu beeinflussen, wurde ausgiebig Gebrauch gemacht. Bei der Schwebeachse wurde durch das hoch liegende Momentanzentrum die Seitenneigung bei Kurvenfahrt stark reduziert. Da diese Maßnahme aber auch negative Auswirkungen z. B. auf den Fahrkomfort hat, wurden in der weiteren Entwicklung zusätzliche Kriterien wie die Fahrsicherheit und andere berücksichtigt.

Bauteile


Zur Starrachse gehören neben den Elementen der Radführung Federung, Dämpfung und Bremsen. Bei angetriebenen Achsen noch Differential, sowie die Antriebswellen. Bei gelenkten Achsen das Lenkgestänge. Die Räder komplettieren die Achse.

Starrachsführung


Da die Räder über eine gemeinsame Achsbrücke verbunden sind benötigt die Starrachführung zwei überwiegend vertikale Bewegungsmöglichkeiten gegenüber dem Aufbau (Federwege links/rechts, Freiheitsgrade), damit für jedes Rad Bodenkontakt möglich wird. Die einfachste Möglichkeit dies zu realisieren wäre die Verbindung des Achskörpers mit dem Aufbau durch ein Drehschubgelenk nach Art eines Gleitsteins. Die ursprünglich eingesetzten Blattfedern die sowohl Führung und Federung der Räder übernahmen, wurden mit den zunehmenden Ansprüchen an die Radführung durch Lenker ersetzt. Da der starre Achskörper im Raum 6 Freiheitsgrade hat, genügen 4 Stablenker mit Kugelgelenken um den geforderten Freiheitsgrad zwei sicherzustellen. Beispiel dafür ist der Ford Taunus Baujahr 1970 oder der Ford Mustang mit 3 Längslenkern und Panhardstab.[5] An Stelle der Kugelgelenke werden Gummilager eingesetzt, die eine ausreichende Winkelbeweglichkeit aufweisen. Statt vier Einzellenkern können zwei Einzellenker, meist in der oberen Lenkerebene, durch einen Dreieckslenker auch Reaktionsdreieck genannt ersetzt werden.

Eine kinematisch exakte Lösung ist auch die Zentralgelenk- oder Deichselachse mit einem Kugelgelenk und Querführung durch ein Wattgestänge. In moderner Form auch als „Omega-Achse“ oder beim Mercedes W169 als „Parabelachse“, die Platz für eine Reserveradmulde bietet, ausgebildet. Bei Sport- oder Rennwagen erfolgte die Querführung durch einen Gleitstein, so beim Alfa Romeo GTA. Eine weitere Möglichkeit der Querführung, die die asymmetrische Führung durch den Panhardstab vermeidet, ist das Scott-Russell-Gestänge das aber nur selten zur Anwendung kam.

Häufig sind auch Starrachsführungen, die nicht den geforderten Freiheitsgrad 2 besitzen. Aus Bauraumgründen können oft nur Längslenker verwendet werden, so dass zur Querabstützung entweder ein Panhardstab oder ein Wattgestänge zum Einsatz kommt. Die Verzwängung beim Federn wird durch die Elastizitäten in den Gummilagern gering gehalten. Bei der Vorderachse der Mercedes G-Klasse bis 2018 sind die beiden Längslenker jeder Seite zu einem schmalen Dreieckslenker mit einem Anlenkpunkt am Aufbau zusammengefasst. Die Querabstützung übernimmt ein Panhardstab. Die Achsführung mit einem Längslenker pro Fahrzeugseite findet sich auch bei der Hinterachse (Schleppachse) des Citroën Traction Avant. Zur Querabstützung wurde ein Schräglenker eingesetzt, der die Asymmetrie durch einen Panhardstab vermeidet.

Kinematisch unterbestimmte Starrachsen haben mehr als die geforderten zwei Freiheitsgrade. Dazu zählen Starrachsen mit längs liegenden Blattfedern, die sowohl Federungs- als auch Führungsaufgaben übernehmen. Auch in Kombination mit unteren Längslenkern und Panhardstab verdrehen Drehmomente beim Beschleunigen und Bremsen die Achse um sich selbst und verformen die Blattfedern S-förmig.[6] Diese unerwünschte Verdrehung kann zu Schwingungsproblemen führen, so dass diese Aufhängung bei PKW nur selten verwendet wird. Bei schweren LKW teilweise dennoch eingesetzt um die Belastung der Längslenker zu reduzieren.

Unterscheidungsmerkmale


Starrachsen unterscheidet man bezüglich:

Bauformen


Starrachsen gibt es in folgenden Bauformen:

Bei modernen, hinteren Zentralgelenkachsen ist der Achskörper in der Draufsicht Omega- oder U-förmig gestaltet. Dies reduziert den Platzbedarf der Achse beim gleichseitigen Einfedern und schafft Platz für Gepäck, eine Reserveradmulde oder eine Motor/Getriebeeinheit.

Vor- und Nachteile


Die Starrachse als Radaufhängung ist einfach und robust. Sie findet sich bis heute bei Nutzfahrzeugen wie Lastwagen oder bei Geländewagen. Fast alle modernen PKW haben an der Vorderachse Einzelradaufhängung, als Hinterachse wird die Starrachse immerhin noch bei 22,5 % aller Fahrzeugen unter 3,5 t eingesetzt.[9] Bei der NASCAR-Rennserie ist durch das Reglement eine Starrachse vorgeschrieben.[10]

Vorteile gegenüber Einzelradaufhängung

Nachteile gegenüber Einzelradaufhängung

Literatur


Einzelnachweise


  1. Konrad Reif, Karl-Heinz Dietsche: Kraftfahrtechnisches Taschenbuch. 27. Auflage. Vieweg+Teubner, 2011, ISBN 978-3-8348-1440-1 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Albert Neuburger: Die Technik des Altertums. Reprint der Originalausgabe von 1919, Reprint-Verlag, Leipzig 1977, ISBN 3-8262-1400-5, S. 215.
  3. Peter Pfeffer u. a.: Lenkungshandbuch. Springer Vieweg Verlag, 2. Auflage 2013, ISBN 978-3-658-00976-2, S. 9.
  4. Olaf von Fersen: Ein Jahrhundert Automobiltechnik. Nutzfahrzeuge. VDI-Verlag, Düsseldorf 1987, ISBN 3-18-400656-6, S. 371.
  5. Metin Ersoy, Stefan Gies (Hrsg.): Fahrwerkhandbuch: Grundlagen – Fahrdynamik – Fahrverhalten – Komponenten ... 5. Auflage. Springer Vieweg, 2017, ISBN 978-3-658-15467-7, S. 683–688 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Matschinsky, S. 20.
  7. Olaf von Fersen: Ein Jahrhundert Automobiltechnik. Nutzfahrzeuge. VDI-Verlag, Düsseldorf 1987, ISBN 3-18-400656-6, S. 167.
  8. Karl-Heinz Dietsche u. a.: Kraftfahrtechnisches Taschenbuch. S. 858.
  9. Bernd Heißing u. a.: Fahrwerkhandbuch. S. 430.
  10. Michael Trzesniowski: Rennwagentechnik. 2. Auflage. Vieweg+Teubner, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-8348-0857-8, S. 384.
  11. Bernd Heißing u. a.: Fahrwerkhandbuch. S. 429–430.









Kategorien: Fahrwerkstechnik




Stand der Informationen: 31.07.2021 12:10:52 CEST

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