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Siegfried Lenz



Siegfried Lenz (* 17. März 1926 in Lyck, Ostpreußen; † 7. Oktober 2014 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bekanntesten deutschsprachigen Erzähler der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Als Lenz’ wichtigstes Werk gilt der in viele Sprachen übersetzte und verfilmte Roman Deutschstunde (1968), der die Zeit des Nationalsozialismus und einen falsch verstandenen Pflichtbegriff behandelt. Auch seine erste Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Jahr 1955, So zärtlich war Suleyken, wurde aufgrund seiner neuartigen Erzählweise und der Verwendung der ostpreußisch-masurischen Umgangssprache sehr erfolgreich.

Inhaltsverzeichnis

Leben


Siegfried Lenz war der Sohn eines Zollbeamten und wuchs in Masuren auf. Nach dem frühen Tod des Vaters zog seine Mutter mit ihrer Tochter von Lyck weg und ließ den gerade schulpflichtig gewordenen Siegfried bei der Großmutter, die am Ufer des Lyck-Sees wohnte, zurück.[1] 1939 konnte er zunächst im Dorf Saugen (Ostpreußen) an einem „Landjahr“ teilnehmen und sich schließlich zu einem neunmonatigen Kurs für Hochbegabte qualifizieren, der an der Klaus-Harms-Schule in Kappeln in Schleswig-Holstein abgehalten wurde. Während fünf seiner Mitschüler zu einer Napola-Schule überwiesen wurden, besuchte Lenz ein Internat in Samter. Lenz beschreibt später das Internatsleben in Samter, lässt aber die Vorbereitungsphase in Kappeln aus.[2] Nach dem Notabitur 1943 in Samter wurde er zur Kriegsmarine eingezogen.

Soldat

Nach Unterlagen des Berliner Bundesarchivs ist Siegfried Lenz in der Zentralkartei der NSDAP mit dem Antragsdatum 12. Juli 1943 und dem Beitrittsdatum 20. April 1944 verzeichnet.[3] Am 20. April 1945 wurde er in einem Massenbeförderungsverfahren zum Fähnrich zur See ernannt.[4] Lenz wusste nach eigenem Bekunden nichts davon, dass er in einem Sammelverfahren in die NSDAP aufgenommen wurde. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs desertierte er in Dänemark vom Kadettenschulschiff Hansa und geriet auf seiner Flucht in Schleswig-Holstein in britische Kriegsgefangenschaft.[5] Dort wurde Lenz zum Dolmetscher einer britischen Entlassungskommission. In dem 1966 erschienenen Aufsatz Ich zum Beispiel berichtete er sowohl von der Euphorie des 17-jährigen Lenz bei der Einberufung als auch über die spätere Ernüchterung sowie das erlösende Ende der Lügen beim Kriegsende.[6]

Student, Volontär, Redakteur

Nach seiner Entlassung besuchte er die Universität Hamburg, um dort Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft zu studieren. Sein Studium brach er vorzeitig ab und wurde Volontär bei der Tageszeitung Die Welt. Von 1950 bis 1951 war er Feuilleton-Redakteur bei dieser Zeitung. Dort lernte er auch seine Ehefrau Liselotte (* 1918; † 5. Februar 2006[7]) kennen, die später einige seiner Bücher illustrierte. Die Ehe wurde 1949 geschlossen. Der Vorabdruck seines eigenen ersten Romans im Literaturteil der Tageszeitung, die Willy Haas entschied, ermutigte ihn anzustreben, als freiberuflicher Schriftsteller leben zu wollen.[8]

Schriftsteller

1951 veröffentlichte Siegfried Lenz seinen ersten Roman bei Hoffmann und Campe: Es waren Habichte in der Luft. Mit dem Honorar finanzierte er eine Reise nach Kenia; aus der Erfahrung dieses Landes entstand seine Erzählung Lukas, sanftmütiger Knecht, in der unter anderem der Mau-Mau-Aufstand verarbeitet ist. Seit dann lebte Lenz als freier Schriftsteller in Hamburg, später auf der dänischen Insel Alsen und besaß dann für die Sommermonate einen Bungalow in Tetenhusen.[9]

Lenz war regelmäßiger Gast des Literatentreffens Gruppe 47. Er gehörte zum Hamburger Büro des Kongresses für kulturelle Freiheit. Gemeinsam mit Günter Grass engagierte er sich für die SPD und unterstützte die Ostpolitik Willy Brandts. Zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages wurde er 1970 nach Warschau eingeladen. Im Oktober 2011 wurde er Ehrenbürger seiner ostpreußischen Geburtsstadt.[10]

Die Zusammenarbeit mit dem Verlag Hoffmann und Campe leitete Albrecht Knaus.

Lenz war ab 1967 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Ab 2003 war er Gastprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ehrenmitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg.

Späte Jahre

Im Juni 2010 heiratete Siegfried Lenz ein zweites Mal.[11] Im Frühjahr 2014 gab er bekannt, sein persönliches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv Marbach zu überlassen.[12] Im Juni 2014 gründete er eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz im Hamburger Stadtteil Barmbek, die sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Werkes widmen soll. Von dieser Stiftung wird auch seit 2014 der Siegfried Lenz Preis vergeben.[13]

Am 7. Oktober 2014 starb Siegfried Lenz in Hamburg.[14] Er wurde am 28. Oktober 2014 neben seiner ersten Frau Liselotte auf dem Friedhof Groß Flottbek beigesetzt.[15] Zuvor fand eine Trauerfeier in der Hauptkirche St. Michaelis statt.[16] Lenz lebte von 1963 bis zu seinem Tod in einer Villa in Hamburg-Othmarschen, die 2017 abgerissen wurde.[17]

Werk


Neben 15 Romanen verfasste Siegfried Lenz über hundert Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Essays, Reden, Rezensionen und mischte sich immer wieder ins politische Tagesgeschehen ein. Laut Hanjo Kesting gehörte er neben Heinrich Böll und Günter Grass „zu den bestimmenden und herausragenden Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur“. In seinen frühen Jahren war er einer der Wegbereiter des Genres der Kurzgeschichte in der deutschsprachigen Literatur und blieb lange deren herausragender Vertreter. Über Jahrzehnte hinweg finden sich Modellgeschichten wie Das Feuerschiff (1960) im Kanon der Schullektüre. Erst spät etablierte sich Lenz mit Romanen wie Deutschstunde (1968), Heimatmuseum (1978) und Arnes Nachlaß (1999) auch als Meister der langen Prosaform. Noch 1963 urteilte etwa Marcel Reich-Ranicki: „Dieser Erzähler ist ein geborener Sprinter, der sich in den Kopf gesetzt hat, er müsse sich auch als Langstreckenläufer bewähren.“[18]

Zunächst war Lenz vor allem beeinflusst von Ernest Hemingway, der ihm „die Möglichkeit eines Selbstverständnisses“ eröffnete. In den 1960er Jahren distanzierte er sich von Hemingway und wandte sich vor allem seinem „bewunderten Vorbild“ William Faulkner zu.[19] Lenz’ konventionelle Erzählweise, die an Erzähler des 19. Jahrhunderts erinnert, führte zur Kritik, er sei ein Traditionalist und seine Werke seien „altmodisch“. Marcel Reich-Ranicki belegte Lenz mit dem Prädikat „der gütige Zweifler“. Hanjo Kesting beschreibt seine Gelassenheit und seinen Humor als zentrale Eigenschaften, die sein Werk ebenso bestimmen wie „die Haltung des Epikers, die Welt und die Menschen lieber zu verstehen als zu verurteilen“. Dabei blieb Lenz jederzeit auch Pädagoge, der nach eigener Aussage aufzeigen wollte, „daß es richtiges und falsches Handeln gibt“.[20] In einer vielzitierten Rede betonte er: „Ich schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern.“[21]

Kurz vor Lenz’ Tod wurden etwa 80 bisher unbekannte Gedichte gefunden, die zwischen 1947 und 1949 entstanden sein sollen. Thema sind seine Kriegserlebnisse und die Probleme im Nachkriegsdeutschland. Es ist noch offen, ob die Gedichte veröffentlicht werden.[22]

Sein 1951 verfasster Roman Der Überläufer erschien postum im Jahr 2016. Ursprünglich sollte das Werk bereits 1952 veröffentlicht werden, doch zog der Verlag die bereits gegebene Zusage aus politischen Gründen zurück[23] (wie es zum Beispiel 1948 auch Heinrich Böll mit seiner Erzählung Das Vermächtnis ergangen war). Der Roman handelt von einem deutschen Soldaten, der sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Partisanen und damit der Roten Armee anschließt.[24]

Lenz’ Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach.[25] Teile davon sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen, insbesondere das Manuskript zu Deutschstunde.[26]

Auszeichnungen und Ehrungen


In den 1970er Jahren sollte Lenz das Bundesverdienstkreuz erhalten. Er lehnte jedoch mit dem Hinweis ab, dass er Bürger einer Hansestadt sei. Laut Günter Grass war der wahre Grund jedoch, dass auch viele ehemalige Nationalsozialisten den Orden bekommen hatten.[31]

Werke


Romane

Erzählungen und Novellen

Essays, Kinderbücher, Reden

Verfilmungen (Auswahl)

Literatur


Film


Weblinks


Commons: Siegfried Lenz  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Monika Klein, Siegfried Hirsch: Siegfried Lenz – Spuren im deutsch-dänischen Grenzland. In: Hohenfelder und Uhlenhorster Rundschau. 2/2015, S. 16–18.
  2. Erich Maletzke: Siegfried Lenz: Eine biographische Annäherung. Zu Klampen Verlag, 2014, S. 19f. [1]
  3. Dieter Hildebrandt soll in NSDAP gewesen sein. In: Die Welt. 30. Juni 2007.
  4. Monika Klein, Siegfried Hirsch: Siegfried Lenz – Spuren im deutsch-dänischen Grenzland. In: Hohenfelder und Uhlenhorster Rundschau. 2/2015, S. 16–18.
  5. Kurzvita (Memento vom 24. September 2015 im Internet Archive) bei Radio Bremen vom 8. Oktober 2014. (Archiv)
  6. Der 8. Mai 1945. Ende und Anfang. SRF, 8. Mai 2015, Minute 14:40
  7. http://knerger.de/html/lenzsiegschriftsteller_120.html Foto des Grabsteins
  8. „Literatur ist Selbstzeugnis“ Siegfried Lenz im Gespräch mit Ulrich Wickert. In: Über die Phantasie und das Alter. Hommage zum 85. Geburtstag. Hoffmann und Campe, Hamburg 2001, S. 7–26.
  9. Erich Maletzke: Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung. Klampen Verlag, Springe 2006, ISBN 3-934920-88-8, S. 172 f.
  10. Siegfried Lenz wird Ehrenbürger seiner Heimatstadt. In: Die Welt. 18. Oktober 2011.
  11. Siegfried Lenz heiratet langjährige Nachbarin. Spiegel Online, 13. Juni 2010.
  12. Siegfried Lenz vertraut sein persönliches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv an. Undatierte Mitteilung auf der Homepage des Verlags Hoffmann und Campe (abgerufen am 2. Juli 2014).
  13. Siegfried Lenz gründet Stiftung und lobt hoch dotierten Preis aus. In: Hamburger Abendblatt vom 18. Juni 2014 (abgerufen am 2. Juli 2014).
  14. Schriftsteller Siegfried Lenz ist tot. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Oktober 2014 (abgerufen am 7. Oktober 2014).
  15. knerger.de: Das Grab von Siegfried Lenz und seiner Frau
  16. Helmut Schmidt: „Ich werde ihn sehr vermissen“. In: Hamburger Morgenpost online, 28. Oktober 2014, abgerufen am 28. Oktober 2014.
  17. Wohnhaus von Schriftsteller Siegfried Lenz in Othmarschen wird abgerissen. shz.de, 16. November 2017
  18. Hanjo Kesting: Der Geschichtenerzähler – Siegfried Lenz. In: Ein Blatt vom Machandelbaum. Deutsche Schriftsteller vor und nach 1945. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0274-7, S. 185–186, 190–191, Zitat S. 191.
  19. Ute Müller: William Faulkner und die deutsche Nachkriegsliteratur. Königshausen und Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-2970-4, S. 201.
  20. Hanjo Kesting: Der Geschichtenerzähler – Siegfried Lenz. In: Ein Blatt vom Machandelbaum. Deutsche Schriftsteller vor und nach 1945. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0274-7, S. 191–193.
  21. Walther Killy: Gediegene Deutschstunden für die ganze Welt. In: Der Spiegel. Nr. 12, 1976, S. 202 (online ).
  22. Lübecker Nachrichten. 7. September 2014, S. 30.
  23. a b Volker Weidermann: Der Feind im Buch. In: Der Spiegel. 9/2016 vom 27. Februar 2016, S. 116–119.
  24. Heide Soltau: Wiederentdeckung Roman von Siegfried Lenz. , ndr.de, 25. Februar 2016, abgerufen am 29. Februar 2016.
  25. Bericht im Tagesspiegel.
  26. Pressefotos der neuen Ausstellung. (Memento vom 23. September 2015 im Internet Archive)
  27. Ehrensenatorinnen und Ehrensenatoren der Universität Hamburg (Memento vom 8. Dezember 2015 im Internet Archive)
  28. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1988 an Siegfried Lenz (PDF).
  29. Alster Schleusenwärter: Die Ehren-Schleusenwärter
  30. Siegfried Lenz wird Ehrenbürger in Polen. RP Online vom 27. September 2011; abgerufen am 30. September 2011
  31. Lübecker Nachrichten, 8. Oktober 2014, S. 3
  32. Ein Taucher sucht Arbeit und gerät in existenzielle Konflikte. Lenz schreibt das mit kühlem Verstand auf. Armgard Seegers über einen großen Roman der Wiederaufbau-Zeit. Hamburger Abendblatt vom 5. September 2009, geladen am 23. Juli 2018
  33. Polonaise fauchen. In: Süddeutsche Zeitung, 6. Dezember 2011, Seite 2/8



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