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Pedanios Dioskurides


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Pedanios Dioskurides (altgriechisch Πεδάνιος Διοσκουρίδης Pedánios Dioskurídēs, lateinisch Pedanius Dioscurides) aus Anazarbos bei Tarsos in der römischen Provinz Kilikien (heute Landschaft in Kleinasien) war ein griechischer Arzt, der im 1. Jahrhundert in der Epoche des Kaisers Nero (54–68) lebte. Er gilt als bekanntester Arzt der Antike und Pionier der Pharmakologie.

Inhaltsverzeichnis

Leben


Zur Person und zum Leben des Dioskurides ist nur wenig bekannt.[1] Hinweise darauf ergeben sich aus seinem Vorwort zu seiner Materia medica,[2] einer Abhandlung über Arzneimittel. Ausgebildet (von dem Arzt Laecanius Areios von Tarsos)[3][4] wohl in Tarsos, dem bedeutendsten Zentrum botanisch-pharmakologischer Forschung im Römischen Reich, und weitgereist (bzw. ein „soldatenähnliches“ Leben[5] geführt habend), verfasste Dioskurides aufgrund von Autopsie und unter Heranziehung umfangreicher älterer Literatur in griechischer Sprache sein Hauptwerk Περὶ ὕλης ἰατρικῆς Perí hýlēs iatrikḗs, lateinisch De materia medica „Über Heilmittel“. Diese seit dem 6. Jahrhundert (etwa Cassiodor) auch in lateinischen Ausgaben (spätestens um 540 mit dem sogenannten Dioscorides longobardus, dessen erste erhaltene Abschrift[6] im 9. Jahrhundert angefertigt wurde)[7][8] vorliegende Arzneimittellehre ist unterteilt in fünf Bücher, die bereits Galenos (129–199) nach Vollständigkeit und Gründlichkeit als maßgebliches Handbuch anerkannte. Das zweite unter dem Namen Dioskurides überlieferte Werk, Περὶ ἁπλῶν φαρμάκων Perí haplṓn pharmákōn (lateinisch Simplicia „Über die einfachen Heilmittel“), wird nun meist als echt betrachtet; weitere unter Dioskurides’ Namen firmierende Texte verdienen eine eingehendere Prüfung auf ihre Echtheit.

De materia medica


Die dem Areios von Tarsos gewidmete „Materia Medica“ des Dioskurides, die ca. 1000 Arzneimittel umfasst (813 pflanzlichen, 101 tierischen und 102 mineralischen Ursprungs) und 4740 medizinische Anwendungen bietet, gliedert sich in fünf Hauptteile („Bücher“):

  1. Aromatische Kräuter oder Gewürze, Öle, Salben; Pflanzensäfte, Gummis, Harze und Früchte von Bäumen und Sträuchern
  2. Tiere, Teile von Tieren, tierische Produkte (darunter Honig, Milch und Fett), Getreide, Topfkräuter und Gemüse sowie „mit einer Schärfe begabte“ Kräuter
  3. Wurzeln, Säfte, Kräuter und Samen, „die sowohl dem gewöhnlichen als auch dem arzneilichen Gebrauch dienen“
  4. vorher nicht genannte Wurzeln und Kräuter, Schwämme und Pilze
  5. Weinsorten, Mineralien und andere anorganische Substanzen wie Erze, Steine und Erden.[9][10]

Anders als die zuvor übliche alphabetisch oder nach äußerlichen Merkmalen geordnete Behandlung des gesamten Arzneistoffs verwendet Dioskurides erstmals eine Systematik nach der qualitativen Verwandtschaft, der medizinischen Wirksamkeit bzw. pharmakologischen Wirkung der einzelnen Arzneimittel, wobei auch tiermedizinische, (distanzierend zitiert) magische und nichtmedizinische (vor allem den Haushalts- und Kosmetikbereich betreffende) Verwendungen nicht fehlen.[11] Vorbildcharakter für spätere Kräuterbücher (etwa das von Rufinus[12]) bis in die frühe Neuzeit hatte mehr noch Dioskurides’ Methode der Pflanzenbeschreibung: der Name der Pflanze und Synonyme, Herkunft, botanische Beschreibung, medizinische Eigenschaften, (noch im 20. Jahrhundert gültige[13]) Zeitpunkte der Ernte, Zubereitung und Anwendung, gegebenenfalls auch Hinweise auf Lagerung, Aufdeckung von Verfälschungen usw. Bereits die älteste und wichtigste überlieferte Dioskurides-Handschrift, der prachtvoll illustrierte „Wiener Dioskurides“ (Cod. med. gr. 1, ÖNB) von 512/3 n. Chr., bietet zudem (ebenso wie spätere Handschriften) kunsthistorisch wichtige Abbildungen der besprochenen Heilpflanzen. Strittig ist aber, ob Dioskurides selbst seinem Werk schon Illustrationen beigab, ein Verfahren, das auf Krateuas (ca. 100 v. Chr.) – neben Sextius Niger (ca. 30 n. Chr.), Hauptquelle von Dioskurides – zurückgeht und den Erfolg des Dioskurides in Mittelalter[14] und Renaissance entscheidend mitbestimmte. Unabhängig davon wirft die moderne Identifikation der von Dioskurides beschriebenen Pflanzen erhebliche Probleme auf.

Die Arzneimittelkunde des Dioskurides, in zahllosen, immer wieder neuen Bearbeitungen, Paraphrasen und Übersetzungen (lateinisch, syrisch, arabisch, englisch, hebräisch, türkisch und mehr) verbreitet, behauptete für über 1600 Jahre uneingeschränkt ihre autoritative Geltung in Abendland und Orient auf dem Gebiet der Pharmazie, der Pflanzen- und Drogenkunde und ist als eines der einflussreichsten Werke in der Geschichte der Medizin und Pharmakologie überhaupt zu betrachten. Der Aufstieg der organischen Chemie im 19. Jahrhundert verdrängte seine Nutzung auch aus der Alltagspraxis von Kräuterkunde, pharmazeutischer Herstellung und Anwendung.

Ehrung in der botanischen Taxonomie


Charles Plumier benannte ihm zu Ehren die Gattung Dioscorea[15] der Pflanzenfamilie der Yamswurzelgewächse (Dioscoreaceae). Carl von Linné übernahm später diesen Namen.[16] Auch die Pflanzengattungen Discoreophyllum Engl. und Dioscoreopsis Kuntze aus der Familie der Mondsamengewächse (Menispermaceae) und Dioscoridea Bronner aus der Familie der Weinrebengewächse (Vitaceae) wurde ihm zu Ehren benannt.[17]

Ausgaben und Übersetzungen


Editionen

Faksimile/Kommentar

Übersetzung

Literatur


Weblinks


Wikisource: Pedanios Dioskurides – Quellen und Volltexte
Commons: Pedanius Dioscorides  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 34 f.
  2. John Scarborough, Vivian Nutton: The preface of Dioscorides’ De materia medica: Introduction, translation, commentary. In: Transactions and studies of the College of Physicians of Philadelphia. Band 4, 1982, Nr. 3, S. 187–227.
  3. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft: Areios .
  4. John Marion Riddle: Dioscorides on Pharmacy and Medicine. 1985, S. 7.
  5. John Marion Riddle: Dioscorides on Pharmacy and Medicine. 1985, S. 2–4.
  6. Hermann Stadler: Der lateinische Dioscorides der Münchener Hof- und Staatsbibliothek und die Bedeutung dieser Übersetzung für einen Teil der mittelalterlichen Medizin. In: Janus. Band 4, 1899, S. 548–550.
  7. Hermann Stadler (Hrsg.): Dioscorides Longobardus. (Cod. Lat. Monacensis 337). Der langobardische Dioskorides des Marcellus Virgilius. Aus T. M. Aurachers Nachlass herausgegeben von Konrad Hofmann und ergänzt von Hermann Stadler. In: Romanische Forschungen. Band 1, 1883, S. 49–105 und 413 f. (von Hermann Rönsch); Band 10, 1899, S. 181–247 und 369–446; Band 11, 1900, S. 1–121; Band 13, 1902, S. 161–243; und Band 14 (Indexband), 1903, S. 601–636 (Vgl. auch www.worldcat.org .)
  8. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 81–85.
  9. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 39.
  10. Ulrich Stoll: Dioskurides, Pedanios, 1. Jh. n. Chr. 2005, S. 309–312 (‚De materia medica‘ – Inhalt und Aufbau).
  11. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. S. 38–51.
  12. Lynn Thorndike, Francis S. Benjamin Jr. (Hrsg.): The herbal of Rufinus [= Liber De virtutibus herbarum …], edited from the unique manuscript. Chicago 1945; anastatische Nachdrucke ebenda 1946 und 1949 (= [nur die Nachdrucke] Corpus of mediaeval scientific texts. Band 1).
  13. Varro E. Tyler, L.R. Brady, J.E. Robbers: Pharmacognosy. 8. Auflage. Philadelphia 1981.
  14. Vgl. auch John M. Riddle: Dioskurides im Mittelalter. In: Lexikon des Mittelalters. Band 3, 1986, Sp. 1095–1097.
  15. Charles Plumier: Nova Plantarum Americanarum Genera. Leiden 1703, S. 9.
  16. Carl von Linné: Genera Plantarum. Leiden 1742, S. 479.
  17. Lotte Burkhardt: Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen – Erweiterte Edition. Teil I und II. Botanic Garden and Botanical Museum Berlin, Freie Universität Berlin, Berlin 2018, ISBN 978-3-946292-26-5 doi:10.3372/epolist2018.








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Stand der Informationen: 03.07.2020 08:21:38 CEST

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