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Parallelgesellschaft

Parallelgesellschaft ist ein soziologischer Begriff. Er beschreibt die gesellschaftliche Selbstorganisation eines sozialen Milieus, das sich „von der Mehrheitsgesellschaft abschottet und ein alternatives Wertesystem befolgt“[1]. Es „kann ethnisch oder religiös oder von beidem zugleich geprägt werden“[2], entspricht dabei nicht den überkommenen Regeln und Moralvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft und wird von dieser mitunter als ablehnend empfunden. Der Begriff überschneidet sich in seinem Bedeutungsinhalt mit Gegenkultur und Subkultur. Er hat seit den 1990er Jahren zusehends Eingang in die wissenschaftliche und öffentliche Integrationsdebatte erhalten und wird kontrovers diskutiert.

Inhaltsverzeichnis

Der Begriff in den Medien


Wortentstehung und Verbreitung

Das Wort Parallelgesellschaft wurde Anfang der 1990er Jahre von dem Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer in die Debatte um Migration und Integration eingebracht, wobei das Wort zunächst kaum Beachtung gefunden hat.[3] Im Jahre 1996 wurde es bereits gelegentlich, aber noch zögerlich verwendet.[4] Populär wurde das Wort erst in den Jahren 2003 und 2004.[3]

Nach der Ermordung des islamkritischen Filmemachers Theo van Gogh am 2. November 2004 erfolgten im Lauf des Novembers Anschläge auf eine Koranschule sowie auf Moscheen, islamische Schulen und auch Kirchen in den Niederlanden. In der folgenden öffentlichen Kontroverse wurde zunächst in den Niederlanden, dann im übrigen Europa das Schlagwort „Parallelgesellschaft“ in den Massenmedien popularisiert. Es wurde oft mit der Auffassung kombiniert, dass die multikulturelle Gesellschaft gescheitert sei und die drohende Spaltung der Gesellschaft politisches Handeln erfordere. 2004 wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) den Ausdruck Parallelgesellschaften bei den Wörtern des Jahres auf den 2. Platz, in Anlehnung an die gesellschaftliche Diskussion um die Integration von zumeist muslimischen Ausländern.[5] Nach dem Terroranschlag am 7. Juli 2005 in London und den Unruhen in Frankreich 2005 wurde das Wort erneut verstärkt im Diskurs verwendet.

Kommentare in der Presse

Im Januar 2007 thematisierte der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba in einem Kommentar im Berliner Tagesspiegel die Debatte über Parallelgesellschaften.[3] Er betont, dass über den Begriff Parallelgesellschaft neue Ängste deutlich werden und dieser auch einen neuen Begriff von Fremdheit darstellt. „Zwei Bilder vor allem sind es, die gegenwärtig die öffentliche Wahrnehmung prägen. Zum einen werden Migranten verstärkt als ethnisch Fremde identifiziert. Als Fremde, die deshalb auch nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören. Zum andern erfahren zunehmend islamistische Gruppen öffentliche Aufmerksamkeit. Seit jenem 11. September scheinen sie den Nährboden zu bilden für einen Terrorismus, der im Namen des Dschihad auch in Europa bereits seine blutigen Spuren von London bis Madrid hinterlassen hat.“[3] Kaschuba erwähnt dahingehend die öffentliche und mediale Dramatisierung und Diskriminierung von Migrantinnen und Migranten, wodurch ein neuer Alarmismus gefördert würde, „(...) der fremde Bedrohung überall sieht und fremdenfeindliche Züge trägt. Dazu gehört auch die Rede von der Parallelgesellschaft. (...) [D]er Begriff produziert selbst eine kulturelle Differenz, die er vorgeblich diagnostiziert. Er zieht eine innere kulturelle Grenze in die Gesellschaft ein, die 'uns' wie 'die anderen' homogenisiert und essenzialisiert“.[3]

Wissenschaftlicher Diskurs


Historische Forschung

Im November 2004 veröffentlichte die Redaktion von Spiegel Online ein Interview mit dem Historiker Klaus J. Bade. Darin brachte Bade zum Ausdruck, dass der Begriff Parallelgesellschaft Merkmale von Populismus aufweist. Er sagte:

„Parallelgesellschaften im klassischen Sinne gibt es in Deutschland gar nicht. Dafür müssten mehrere Punkte zusammenkommen: eine monokulturelle Identität, ein freiwilliger und bewusster sozialer Rückzug auch in Siedlung und Lebensalltag, eine weitgehende wirtschaftliche Abgrenzung, eine Doppelung der Institutionen des Staates. Bei uns sind die Einwandererviertel meist ethnisch gemischt, der Rückzug ist sozial bedingt, eine Doppelung von Institutionen fehlt. Die Parallelgesellschaften gibt es in den Köpfen derer, die Angst davor haben: Ich habe Angst, und glaube, dass der andere daran Schuld ist. Wenn das ebenso simple wie gefährliche Gerede über Parallelgesellschaften so weitergeht, wird sich die Situation verschärfen. Dieses Gerede ist also nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.“[6]

Soziologische Einordnung

Beim Konflikt zwischen Gesellschaft und Parallelgesellschaft geht es um die Interessenkollision zwischen einer alteingesessenen Mehrheit mit wenigen Erfahrungen des sozialen Abstiegs und einer eingewanderten Unterschicht mit bereits konkurrenzfähigen, obwohl schwachen Chancen sozialen Aufstiegs. Es ist zugleich ein sozialer Konflikt einer säkularisierten Mehrheit mit einer ihre mitgebrachten religiösen Traditionen „modernisierenden“ Minderheit.

Der Soziologe Lewis A. Coser bezeichnete 1964 den Streit an einer derart aus der Ökonomie in die Moral verschobenen Konfliktfront als einen unrealistic conflict.[7]

Politikwissenschaftliche Forschung

Im Frühjahr 2006 veröffentlichte die Bundeszentrale für politische Bildung in der politikwissenschaftlichen Fachzeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte eine Aufsatzsammlung unter dem Stichwort „Parallelgesellschaft?“[8] Die Ergebnisse der jeweiligen Studien lassen sich so zusammenfassen:

  1. Es ließen sich Indizien feststellen, dass je religiöser Muslime sind, umso mehr Distanz zu Nicht-Muslimen aufgebaut werde.
  2. Der mit der Debatte um Parallelgesellschaften verbundene Gedanke, dass türkische Migranten und Migrantinnen möglicherweise Clan-ähnliche Strukturen aufbauen und Tendenzen zur Abschottung hätten, konnte nicht bestätigt werden.
  3. Datenanalysen, die zwischen 1999 und 2004 durchgeführt wurden, zeigen, dass die Behauptung von Rückzügen von türkeistämmigen Schichten der Bevölkerung in die eigene Ethnie und der damit verbundene Gedanke eines drängendsten Integrationsproblems nur eine geringe empirische Substanz hat.
  4. Hinsichtlich der Frage nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau würden „mindestens die Hälfte“ der in Deutschland lebenden Türken an türkisch-muslimischen Traditionen festhalten, weshalb deutsche und türkische Demokraten auf Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit und Schutz der Verwirklichung der Grundrechte des Einzelnen bestehen müssten.
  5. Die Migrationsdebatte in den deutschen Medien sei von Vereinfachungen, Verzerrungen und pauschalisierenden Aussagen mitgeprägt.[8]

Siehe auch


Literatur


Historische Ansätze

Philosophische Ansätze

Soziologische Ansätze

Politikwissenschaftliche Ansätze

Presse

Weblinks


Wiktionary: Parallelgesellschaft – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Wissenschaftliche Aufsätze

Wissenschaftliche Essays

Hörfunk

Online-Redaktionen

Einzelnachweise


  1. Ralph Ghadban: „Arabische Clans“, Econ Verlag 2018, S. 114
  2. Ghadban, ebd.
  3. a b c d e Wolfgang Kaschuba: Wie Fremde gemacht werden. In: Der Tagesspiegel vom 14. Januar 2007. Online verfügbar: Tagesspiegel-Archiv
  4. Wilhelm Heitmeyer: Für türkische Jugendliche in Deutschland spielt der Islam eine wichtige Rolle. In: Die Zeit, Nr. 35/1996.
  5. „Parallelgesellschaften“ auf Platz zwei. „Hartz IV“ ist Wort des Jahres 2004. In: rp-online.de. 10. Dezember 2004, abgerufen am 2. Februar 2018.
  6. kulturspiegel. Spiegel Online, 24. November 2004.
  7. Lewis A. Coser: Theorie sozialer Konflikte. Neuwied am Rhein 1965. DNB (Orig. Sociological Theory, 1964.)
  8. a b Aus Politik und Zeitgeschichte. Hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 1–2/2006. (PDF; 1,1 MB)
  9. Interview



Kategorien: Subkultur | Sozialstruktur | Gesellschaftsmodell | Migrationssoziologie

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