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Olga Benario-Prestes


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Olga Benario (* 12. Februar 1908 in München; † 23. April 1942 in der „Euthanasie“-Anstalt in Bernburg) war eine deutsche Kommunistin und ein Opfer des Nationalsozialismus.

Inhaltsverzeichnis

Name


Benario-Prestes hat sich als Namensform durchgesetzt, obwohl ihre Eheschließung in Moskau mit dem Brasilianer Luís Carlos Prestes zweifelhaft ist (so: Morais, 1989). Ihr Ledigenname nach brasilianischem Recht, Olga Gutmann Benário, wurde durch ihre vorgebliche Moskauer Eheschließung zu Olga Benário Prestes. Lediglich der Bindestrich ist deutsche Hinzufügung.

Leben


Weimarer Republik

Olga Benario war jüngstes Kind einer jüdischen Anwaltsfamilie. Ihr Bruder Otto Benario war sieben Jahre älter. Ihr Vater Leo Benario war renommierter sozialdemokratischer Anwalt mit Kanzlei in München, der auch Mittellose in Rechtsstreitigkeiten unterstützte. Die Mutter Eugenie Benario, eine geborene Guttmann, stammte aus der wohlhabenden Münchner jüdischen Gesellschaft.

Da Olga Benario politisch und gesellschaftlich sehr interessiert war, gab der Vater ihr Anwaltsakten über verurteilte Linke zu lesen. Damit wurde der Grundstein für ihre politische Weltanschauung gelegt. Olga Benario besuchte das Münchner Luisengymnasium und begann eine Ausbildung als Buchhändlerin bei dem Verleger und Freund der Familie Georg Müller, die sie allerdings nach zwei Jahren abbrach.[1] Olga Benario war Mitglied der Kommunistischen Jugendgruppe in Schwabing.[1] 1925 folgte sie ihrem späteren Lebensgefährten Otto Braun von München nach Berlin, wo sie für den KJVD in Berlin-Neukölln und für die KPD arbeitete. Sie war Stenotypistin in der sowjetischen Handelsmission. Als sie und Braun wegen Hochverrats verhaftet wurden, erwirkte ihr Vater die Freilassung seiner Tochter.

Braun wurde von Oberreichsanwalt Paul Vogt des Hochverrats und der Spionage angeklagt und inhaftiert. Nach KPD-Angaben führte Olga Benario seine, vom KPD-Nachrichtendienst organisierte, bewaffnete Befreiungsaktion an. Tatsächlich nutzte am 11. April 1928 gegen 8:50 Uhr eine von Hermann Dünow geleitete Gruppe von sieben KJVD-Genossen aus Berlin-Neukölln des M-Apparates der KPD einen Besuchstermin von Benario aus, um Braun aus dem Kriminalgericht Moabit zu befreien.[2] Benario wurde mit Hilfe des geheimen Apparats der KPD in die Tschechoslowakei geschleust. Von dort gelangte sie, mit Otto Braun, nach Moskau.

Sowjetunion

In Moskau erhielt Benario eine militärische Ausbildung. Sie lernte Waffenkunde und Reiten, später auch Fallschirmspringen und Fliegen. 1931 trennte sie sich von Otto Braun und reiste zu einer Mission als „Eva Krüger“ nach Paris. Verhaftet und wieder freigelassen, ging sie über Belgien nach England, wo man sie erneut verhaftete. Der MI5 übermittelte ihre Fingerabdrücke an die Münchener Polizei, die durch Abgleich ihre Identität feststellte.

Brasilien

Ende 1934 wurde Olga Benario in Moskau mit dem brasilianischen Hauptmann Luiz Carlos Prestes bekannt gemacht. Dieser hatte Mitte der 1920er Jahre als Anführer der Coluna Prestes, einer Teilbewegung der Tenentismo, einer Rebellionen der jungen Offiziere des brasilianischen Militärs, gegen die herrschende Oligarchie und die damalige Regierung Bernardes geleitet. Ziel dieser Rebellionen war eine Strukturreform des Landes. Nach dem Fehlschlag dieser Reformbemühungen lebte Prestes seit Anfang der 1930er Jahre im Exil in Moskau.

Im Auftrag der Komintern wurde Benario als Prestes’ Leibwächterin zusammen mit ihm nach Brasilien gesandt, wo Prestes die Leitung eines sich vorbereitenden Aufstandes der Aliança Nacional Libertadora (ANL) gegen die autokratische Regierung von Getúlio Vargas übernehmen sollte. Auf der Reise tarnten sie sich als „portugiesisches Ehepaar in den Flitterwochen“. In der Folge wurde aus der Beziehung eine tiefe Liebe.[3] In Rio de Janeiro traf sie Elisabeth "Sabo" Saborowski und deren Ehemann Arthur Ewert, einen ehemaligen Reichstagsabgeordneten, sowie weitere aus der Sowjetunion angereiste Berufsrevolutionäre.

Der Aufstand vom 27. November 1935 schlug fehl, da die Unterstützung der Bevölkerung überschätzt wurde und die Regierungstruppen, offenbar durch Verrat, informiert waren. Benario und Prestes tauchten unter und eine Verfolgungswelle gegen Linke setzte ein; es gab zahlreiche Tote, Tausende kamen in Gefängnisse. Elza Fernandes (1915–1936), die Ehefrau des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Brasiliens, Antonio Maciel Bonfim, wurde als Verräterin verdächtigt, da sie mehrmals verhaftet und wieder freigelassen und dann immer jemand festgenommen worden war. Die Kommunisten beschlossen mit Einwilligung von Prestes, die „Verräterin“ zu beseitigen, und ermordeten sie durch Strangulation.

Nach dem Ehepaar Ewert wurden im Frühjahr 1936 auch Prestes und Benario verhaftet. Im Herbst wurde die schwangere Olga Benario zusammen mit der deutschen Mitverschwörerin Sabo Saborowski auf Anweisung von Vargas nach Deutschland ausgeliefert. Die beiden Frauen wurden von Filinto Müller, Polizeichef von Rio de Janeiro, am 21. September 1936 zur Auslieferung auf das deutsche Schiff La Coruña gebracht. Das widersprach brasilianischem Gesetz, wonach eine Frau, die ein Kind von einem Brasilianer erwartete, nicht ausgewiesen werden durfte.

Zeit des Nationalsozialismus


Im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin brachte sie am 27. November 1936 ihre Tochter Anita Leocádia Prestes zur Welt. Bis zum Januar 1938 blieb das Kind bei der Mutter. Da Luís Carlos Prestes die Vaterschaft erklärte, übergab die Gestapo die Tochter im Jahr 1938 der Großmutter Leocadia Prestes.

Olga Benario wurde im Februar 1938 in das KZ Lichtenburg verlegt, wo sie die nunmehrige Elisabeth Saborowski-Ewert wiedersah. 1939 wurde sie in das KZ Ravensbrück verlegt und dort von der Häftlingslagerleitung zur Blockältesten im Judenblock bestimmt.[4] Prestes’ Mutter erwirkte Papiere zur Ausreise Benarios nach Mexiko, die aber wegen des Kriegsbeginns von London aus nicht mehr zugestellt werden konnten und zurückgesandt wurden.

Benario wurde 1942 zusammen mit anderen Häftlingen des KZ Ravensbrück im Rahmen der „Aktion 14f13“ in der Tötungsanstalt Bernburg vergast. Ihr Vater war 1933 gestorben, ihre Mutter starb 1943 im KZ Theresienstadt.[5] Die Gestapo fälschte den Totenschein und behauptete, dass sie an einer Herzinsuffizienz bei Darmverschlingung und Peritonitis verstorben sei.[6][7] Ihr Bruder Otto Benario wurde am 28. September 1944 im KZ Auschwitz ermordet.[8]

Weiteres


Die Gestapo war durch übereinstimmende detaillierte Berichte, die bis 1933 zurückreichen, von mehreren V-Leuten kommunistischer Herkunft über Arbeit und Aufenthalte von Olga Benario und über ihre persönlichen und Partei-Beziehungen zu verschiedenen Funktionären informiert.

Ob Olga Benario, wie sie gegenüber der Gestapo stets behauptete, mit Luis Carlos Prestes verheiratet gewesen war, erscheint zweifelhaft. Laut den 2016 in einer literarischen Bearbeitung durch Robert Cohen veröffentlichten Gestapodokumenten aus Moskauer Archiven[9] konnten weder Benario noch Prestes oder irgendwelche offiziellen Stellen in Moskau, Paris oder Brasilien die entsprechenden Dokumente beibringen. Die Ehe wurde wohl lediglich behauptet, um eine Abschiebung aus Brasilien zu verhindern und später zu ermöglichen, dass zumindest die Tochter Anita an die Mutter von Prestes übergeben werden konnte.

Die Tochter Anita Leocádia Prestes, eine Historikerin, lebt in Brasilien.

Ehrungen


In der DDR wurden Schulen, Kindergärten und Straßen nach Olga Benario benannt. Zusammen mit Hilde Coppi und Liselotte Herrmann war sie Symbol für von den Nazis ermordete Mütter, die ihre Kinder im Frauengefängnis Barnimstraße zur Welt gebracht hatten.

An Olga Benario erinnern die Galerie Olga Benario[10] und ein Stolperstein vor ihrem Wohnhaus Innstr. 24 / Ecke Donaustraße in Berlin-Neukölln, der Jugendfilmclub Olga Benario in Frankfurt (Oder), eine Jugendherberge in Gräfenroda (Thüringen), eine Senioreneinrichtung in Schwedt, eine Kita in Sellin auf Rügen sowie Straßen unter anderem in Berlin-Prenzlauer Berg, Jena und Bernburg (Saale). Im Februar 2019 eröffnete in ihrer Heimatstadt München das linke Zentrum Barrio Olga Benario[11]. Die Skulptur Tragende von Will Lammert auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück hat Olga Benario zum Vorbild.

Medien


Literatur


Weblinks


Commons: Olga Benario-Prestes  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. a b c Anna-Jutta Pietsch: Jakob-Klar-Straße 1 - Das Elternhaus von Olga Benario. In: Ilse Macek (Hrsg.): Ausgegrenzt, entrechtet, deportiert : Schwabing und Schwabinger Schicksale : 1933 bis 1945. Volk Verlag, München 2008, ISBN 978-3-937200-43-9, S. 309–312.
  2. Bernd Kaufmann: Der Nachrichtendienst der KPD 1919–1937. Dietz, Berlin 1993, S. 162.
  3. Vgl. Olga Benario, Luiz Carlos Prestes: Die Unbeugsamen. Briefwechsel aus Gefängnis und KZ. Herausgegeben von Robert Cohen. Wallstein, Göttingen 2013.
  4. Erika Runge: Sich der Wehrlosigkeit widersetzen (Gespräch mit Doris Maase). In: Kürbiskern, Heft 4, 1975, S. 147.
  5. Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945). Bundesarchiv
  6. Akte Nr. 166. Dokumente aus der Gestapo [“O. Benario”]*: Auszug aus der Karteikarte über die kommunistis.. . germandocsinrussia.org. S. 56. Abgerufen am 10. April 2016.
  7. Akte Nr. 166. Dokumente aus der Gestapo [“O. Benario”]*: Auszug aus der Karteikarte über die kommunistis.. . germandocsinrussia.org. S. 55. Abgerufen am 10. April 2016.
  8. Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945). Bundesarchiv
  9. Robert Cohen: Der Vorgang Benario. edition berolina, Berlin 2016.
  10. über Olga Benario Galerie Olga Benario
  11. Barrio Olga Benario – Neuer Raum für Solidarität und Widerstand in München. Abgerufen am 11. Dezember 2019 (deutsch).
  12. Olga (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) auf Kinomorgen.de
  13. Nicole Strecker: Aufrecht bis zum letzten Augenblick. (Memento vom 27. August 2008 im Internet Archive) In: Kölnische Rundschau, 16. Oktober 2001



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Quelle: Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Olga Benario-Prestes (Autoren [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0


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