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Literaturtheorie

Literaturtheorie (selten: Literaturphilosophie) ist die wissenschaftliche oder philosophische Begründung der Literaturinterpretation, der Literaturkritik, der Literaturgeschichte und des Begriffs der Literatur ('Literarizität', 'Poetizität', das Literarische, ihre Bestimmung als Dichtung, Poesie usf.) im Allgemeinen. Literaturtheorie ist ein Teilgebiet der Literaturwissenschaft und hat besonders in der Komparatistik eine zentrale Stellung.

Teilgebiete der Literaturtheorie sind nach traditioneller Unterscheidung literarische Ästhetik, literarische Stilistik, literarische Rhetorik. Neben diesen textimmanenten Analysefeldern haben sich allerdings zahlreiche weitere Betrachtungsweisen etabliert, sodass heute übergreifend zwischen text-, autor-, leser- und kontextorientierten Literaturtheorien unterschieden wird.

Übergreifende Themenkreise sind die des Texts, des Autors, des Lesers, der Epoche, des Kanons und der (Fiktionalität).

Literaturtheorie wird manchmal synonym gebraucht mit Poetik. Da poetologische Fragestellungen aber selbst wieder infragegestellt, verglichen, systematisiert etc. werden können, und diesen Praktiken wiederum ein theoretisches Fundament verliehen werden kann, ist es sinnvoll, beide Fachbereiche voneinander zu trennen. Im englischsprachigen Raum wird literary theory oft mit (literary) criticism gleichgesetzt. Hier gilt ähnliches: Versuche der Interpretation von Literatur können selbst wieder Objekt von Theorie[1] werden.

Inhaltsverzeichnis

Methodik


Eine eigenständige ‚literaturwissenschaftliche’ Methode gibt es nicht; jedoch eine Anzahl geisteswissenschaftlicher Traditionslinien, die einen historisch starken Bezug zur Literaturwissenschaft haben. Literaturtheorien müssen wissenschaftstheoretisch ‚weicheren’ Standards als solche der Naturwissenschaften genügen. Grundsätzliche und unerlässliche Komponenten sind aber stets:

Eine Literaturtheorie ist nur so lange allgemeingültig, bis ein literarischer Text auftaucht, der nicht mehr ins Schema passt. Dann muss die Theorie den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Allerdings versucht die Literaturtheorie dennoch zu Aussagen zu kommen, die auf alle Texte zutreffen, also ahistorische Konstanten aufzuzeigen. So hat zum Beispiel der Strukturalismus versucht, Erzähltexte so zu analysieren, dass sich Kriterien finden lassen, die für alle Erzähltexte gelten (Ein Erzähler erzählt ein Geschehen, wobei der Erzähler und das Erzählte zusammen die Grundstruktur aller Erzähltexte ausmachen). Andere Erzähltheorien sehen andere Elemente als typisch für Erzähltexte an (Perspektive, Erzählsituation usw.).

Hauptaufgabe von Literaturtheorie ist es also grundsätzlich, Literaturinterpretation und -geschichte einen möglichst allgemeinen begrifflichen Apparat zu geben. Diese Terminologien können gegliedert werden je nachdem, auf welchen Gegenstandsbereich der Literatur sie sich beziehen, welcher nach dem Modell Jakobsons entweder Sender (Autor), Nachricht (Text), Empfänger (Leser), Code oder Kontext einer literarischen Kommunikationshandlung sein kann.

Typologie


Textorientierte Theorien

Alle Theorien, die den literarischen Text als spezifisches, eigenständiges Gebilde begreifen, d. h. ihn nicht aus sozialen Zusammenhängen oder Entstehungsbedingungen ableiten. Dazu gehören die Gattungstheorie und ihre Unterarten – Erzähltheorie, Plot-Modelle, Dramentheorie, Lyriktheorie –, die Theorie der Intertextualität, der Formalismus und seine Spielarten (Close Reading), die Hermeneutik, die literarische Semiotik sowie in neuerer Zeit die Dekonstruktion, durch deren Einfluss eine Annäherung zwischen text- und kontextorientierten Theorien stattgefunden hat.

Autororientierte Theorien

Zu dieser Gruppe zählen unter anderem biographisch, psychologisch oder psychoanalytisch inspirierte Ansätze und die Produktionstheorien der Empirischen Literaturwissenschaft. Im Vordergrund steht meist der Versuch, die Intentionen eines Textes richtig zu erfassen (‚was will uns der Autor damit sagen’), von der Autorpersönlichkeit auf das Werk (oder umgekehrt) zu schließen, die Beurteilung des Verhältnisses von Einzelwerk und Gesamtwerk und die Darstellung rekurrenter Motive in solchen Werkzusammenhängen (‚Parallelstellenmethode’). Schon seit längerem wird hier getrennt zwischen Theorien des historischen Autors, des impliziten Autors (Wayne C. Booth) und der Autorfunktion (Michel Foucault). Hier finden Übergänge zu Kontexttheorien statt: was als ein Autor angesehen wird, ist historisch variabel.

Leserorientierte Theorien

Alle Theorien, die von Wirkungen oder Wirkungsabsichten der Literatur handeln. Beispiele sind rhetorikanalytische Modelle, die Rezeptionsästhetik und die Rezeptionsforschung der Empirischen Literaturwissenschaft. In den letzten Jahren hat sich im Zusammenspiel mit der Kognitionswissenschaft zudem ein neurologisch fundierter Zweig der Lesertheorie herausgebildet.

Kontextorientierte Theorien

Alle Ansätze, die Texte primär als Ausdrucksformen historischer und sozialer Zusammenhänge begreifen. Beispiele sind die marxistische Literaturtheorie, der New Historicism, die Kulturwissenschaft, die gendertheoretische Analyse, der Postkolonialismus, die systemtheoretische Literaturwissenschaft, die Theorie des literarischen Feldes sowie der Ecocriticism.

In diesem Bereich haben sich auch zahlreiche interdisziplinäre Zugänge herausgebildet, die etwa nach der gesellschaftlichen Funktion (Literatursoziologie), der psychologischen Funktion (Literaturpsychologie) und der anthropologischen Bedingtheit von Literatur fragen (Literaturanthropologie).

Geschichte


Es ist generell schwierig, die Geschichte der Literaturtheorie abzulösen von der der philosophischen Ästhetik, Poetik, Hermeneutik und Rhetorik. Literaturtheoretische Fragestellungen ergeben sich oft im 'Fahrwasser' solcher größeren ideengeschichtlichen Einheiten, sind aber dennoch von ihnen abstrahierbar.

Allgemein wird die Literaturtheorie in der klassischen griechischen Poetik und Rhetorik verortet; insbesondere bei Gorgias von Leontinoi, Plato und Aristoteles. Mit Sicherheit sind die Normen religiöser Textinterpretation, wie sie Mischnah (Wiederholung) und Midrasch (Auslegung) der jüdischen Tora darstellten, wichtige historische Wurzeln der modernen Literaturtheorie. Als erste Dichtungstheorie gilt gemeinhin Aristoteles Poetik, die bis ins 18. Jahrhundert einflussreich ist. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Poetiken Regelbücher, in der rhetorischen Tradition stehende Anleitungen zum richtigen Dichten. Erst mit der Entstehung des Geniegedankens im 18. Jahrhundert und dem idealistischen Gedankengut der Romantiker wird Dichtung nicht mehr als an klare Regeln (normative Poetik) gebundene Tätigkeit, sondern als individuelle Leistung gesehen. Das hat zur Folge, dass später Dichtung dahingehend analysiert wird, wie sie effektiv wirkt und was sie leistet, nicht ob sie sich an vorgegebene Normen und Konventionen hält.

Ein weiteres frühes Beispiel ist die Schrift Über das Erhabene des Pseudo-Longinus. Elemente einer Literaturphilosophie finden sich bei Cicero und Quintilian. HorazPoetik widmet sich Fragen der Gattungstheorie.

Im Mittelalter dominiert die orthodoxe Theorie vom vierfachen Schriftsinn, welche den Sinn einer Aussage der Bibel streng reglementiert: er darf in wörtlicher, allegorischer, moralischer und anagogischer (heilsgeschichtlicher) Hinsicht gedeutet werden.

Literaturtheorie im modernen Sinne wird erst seit 1915 durch den Russischen Formalismus betrieben, der die erste Schule darstellte, die dezidiert danach fragte, was das Literarische an einem literarischen Text (Literarizität) im Gegensatz zu alltagssprachlichen Texten sei. Ab ca. 1930 wurde der Russische Formalismus weiterentwickelt, als die von Ferdinand de Saussure inspirierten linguistischen Strömungen mit der traditionellen akademischen Philologie kollidierten und das Projekt strukturalistischer Literaturforschung begonnen werden konnte, das mit dem Prager literaturwissenschaftlichen Strukturalismus begann und seinen Höhepunkt im Frankreich der 1950er bzw. 1960er Jahre erlebte.

Seit den 1970er Jahren üben poststrukturalistische Theoretiker (Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Paul de Man) zunehmenden Einfluss auf die Literaturtheorie aus.

Literatur


Anthologien

Einführungen

Geschichte

Lexikon

Weblinks


Anmerkungen


  1. Vgl. etwa René Wellek, Austin Warren: Theorie der Literatur. (1949) Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1963 (= Ullstein Buch. Band 420–421).



Kategorien: Literarischer Begriff | Literaturwissenschaft | Literaturtheorie



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