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Leonardo Boff

Leonardo Boff (* 14. Dezember 1938 in Concordia, Santa Catarina) ist ein brasilianischer katholischer Theologe. Er ist einer der Hauptvertreter der Befreiungstheologie und versucht, seine Kirche auf die Verteidigung der Menschenrechte für die Armen zu verpflichten.

Inhaltsverzeichnis

Leben


Herkunft und akademischer Werdegang

Als Sohn italienischer Einwanderer besuchte Boff die Schule in Concordia, danach in Rio Negro (Paraná) und in Agudos (São Paulo). 1959 trat er dem Franziskanerorden bei.

Er studierte Philosophie in Curitiba und Theologie in Petrópolis (Rio de Janeiro) bei Bonaventura Kloppenburg, Konstantin Koser und Paulo Evaristo Arns. 1964 erhielt Boff die Priesterweihe. Danach war er für Gaststudien an den Universitäten Würzburg, Louvain und Oxford und setzte von 1965 bis 1970 das Studium bei Karl Rahner an der Ludwig-Maximilians-Universität München fort. Dort promovierte er 1970 bei Leo Scheffczyk in Dogmatik; der zweite Gutachter der Arbeit war Joseph Ratzinger. Nach Brasilien zurückgekehrt, trat Boff 1970 die Nachfolge Bonaventura Kloppenburgs als Professor für Systematische Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule (Instituto Teológico Franciscano) in Petrópolis an (bis 1991). Daneben betreute er bei Vozes, dem größten katholischen Verlag in Lateinamerika, der auch viele seiner Bücher herausbrachte, den Bereich Religion und Theologie. Gleichzeitig war er Schriftleiter bei der theologischen Zeitschrift Revista Eclesiástica Brasileira.

Im Jahr 1987 lobte Boff nach einer Reise in die Sowjetunion, der Sozialismus dort garantiere „bessere Voraussetzungen für ein wahrhaft christliches Leben“ als in den kapitalistischen Ländern.[1]

Auseinandersetzungen mit der Amtskirche

Im Jahr 1985 erteilte der Vatikan Boff ein einjähriges Rede- und Lehrverbot (s. u.), durch das er weltweit bekannt wurde. Er nutzte die ihm auferlegte Schweigebuße, um weitere Bücher zu verfassen, die seine Christologie, Ekklesiologie und Sakramentenlehre ausführten.

Nachdem sich Boff weiterhin in verschiedenen Artikeln in der Revista Vozes mit dem Zölibat, der Machtausübung der römischen Kurie und der theologischen Inkompetenz einiger brasilianischer Bischöfe auseinandergesetzt hatte, wurde er 1991 erneut mit einer Disziplinarstrafe belegt. Nach einer Intervention Kardinal Ratzingers und des Bischofs von Petrópolis, José Fernandes Veloso, musste er die Leitung der katholischen Zeitung Revista Vozes niederlegen und seinen Wohnsitz in Petrópolis verlassen. Im September 1991 ließ Boff wissen, dass er seinen Kampf gegen die Hierarchie der katholischen Kirche einstellen werde. Im Juni 1992 trat er schließlich aus dem Franziskanerorden aus und ließ sich in den Laienstand versetzen.

Nach der Niederlegung des Priesteramtes

Nach der Aufgabe seines Priesteramts übernahm er 1992 einen eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Ethik und Spiritualität an der Staatsuniversität in Rio de Janeiro. Er widmete sich nun verstärkt seinen Aktivitäten als Theologe, Autor sowie der Führung von Verbänden und sozialen Bewegungen. Unter anderem dehnte er die Befreiungstheologie auf ökologische Fragen aus, um sie zu einer „Theologie des Lebens“ weiter zu entwickeln.

Boff, der fließend Deutsch spricht, übernahm auch zahlreiche Gastprofessuren, u. a. an den Universitäten Lissabon (Portugal), Salamanca (Spanien), Harvard (USA), Basel (Schweiz) und Heidelberg (Deutschland). Er trat als Buchautor und Redakteur theologischer Fachzeitschriften in Erscheinung und war Mitglied der Theologenkommission der Brasilianischen Bischofskonferenz, der Konferenz der Orden in Brasilien und der Lateinamerikanischen Konferenz der Ordensleute. Er erhielt im Laufe seines akademischen Wirkens zahlreiche Ehrentitel.

2001 erhielt er mit drei anderen Preisträgern den Right Livelihood Award. Er schrieb mehr als 60 Bücher im Bereich der Theologie, Philosophie, Anthropologie und Mystik, darunter ein eigenständiges ökologisches „Weltethos“, eine humorvolle Erklärung der Sakramente, Bücher über die „Logik des Herzens“ und das „Mitgefühl“ als zentrale Ausgangspunkte für sozialistisches Engagement. Er spricht heute nicht mehr von „Befreiung“, sondern vom „Lebensschutz“ für die „Ausgeschlossenen“ und weist auf die gegenwärtige Realität seines Landes hin: Dort erhalte ein Drittel der Bevölkerung – allein 50 Millionen Menschen – keinerlei staatliche Hilfen gegen Kriminalität, Verhungern und Arbeitslosigkeit.

Im ökologischen Reservat Jardim Araras bei Petrópolis lebt er mit der Menschenrechtlerin Marcia Maria Monteiro de Miranda und ihren sechs Kindern aus erster Ehe zusammen.

Der „Fall Boff“


Nachdem Boff bereits seit 1971 vom Vatikan wegen seiner „Irrlehre“ unter Beobachtung gestanden hatte, kam es mit dem Erscheinen von Kirche: Charisma und Macht (1981; dt. 1985) zum offenen Konflikt mit der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre. In dem Werk, das den Untertitel „Eine militante Ekklesiologie“ trug und eine Sammlung mehrerer früherer Schriften darstellte, polemisierte Boff u. a. gegen hierarchische und undemokratische Kirchenstrukturen und forderte eine revolutionäre und eindeutig auf der Seite der unterdrückten Klasse stehende Kirche. Die Publikation führte zum „Fall Boff“ (siehe Literatur): Sein zweiter Doktorvater, der Franziskaner Bonaventura Kloppenburg, warf ihm öffentlich Häresie vor. Als Boff daraufhin an Ratzinger schrieb, den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, und ihn um Rat bat, erhielt er im Mai 1984 eine Vorladung nach Rom. Im September fand das Geheimgespräch mit der Kurie statt. Obwohl Boff danach rehabilitiert zu sein schien, wurde ihm von der Kongregation am 9. Mai 1985 für ein Jahr ein Rede- und Lehrverbot („Bußschweigen“) auferlegt.[2][3] 1986 erhielt er die Lehrerlaubnis einen Monat vor Ablauf der Frist zurück.

Kern des Konflikts zwischen Boff und der Glaubenskongregation war nicht – wie bei anderen Befreiungstheologen – der Vorwurf eines Marxismus in christlicher Tarnung: vielmehr standen betont theologische Aussagen seines Buchs im Zentrum der vatikanischen Kritik. Denn er hatte die „wahre Kirche“ des Heiligen Geistes gegen die „falsche“ Kircheninstitution mit ihren Machtansprüchen über die Gläubigen gestellt und dabei ausdrücklich auf die Reformation Bezug genommen. Er kritisierte den dogmatischen Sakramentalismus und stellte ihm die lebendige, prozessuale Kirche der Armen gegenüber: In ihr – konkret in Gestalt von über 100.000 Basisgemeinden allein in Brasilien – fand er das echte „Sakrament des Heiligen Geistes“ mit dem „Charisma“ als „Organisationsprinzip“ (Kapitelüberschriften).

Ratzingers Vorladung benannte bereits die Konfliktpunkte: Er warf Boff vor, dass

Nach seiner Rechtfertigung vor der Kurie erklärte Boff, dass er das Dogma als Schutz vor Häresie anerkannt habe; jedoch sei es der lebendige Heilige Geist selber, der die Kirche vor häretischer Erstarrung in „zeitlosen Wahrheiten“ schütze. Die zeitlose Auffassung des Dogmas könne nur zum Verlust des Glaubens führen. Boff kritisierte die gesellschaftliche Funktion der Kirchenhierarchie weiterhin scharf und warf ihr seinerseits „religiöse Ausbeutung“ der Hoffnungen des armen Volkes vor. „Von oben“ angebotene Vergebung zeigten ein paternalistisches Sakramentsverständnis: „Die Kirche der Reichen für die Armen verneint die Macht des Volkes, sich zu befreien.“ Die Kurie verweigere den Dialog mit dem Volk selbst; europäisch geprägte Theologen könnten die reale Glaubenserfahrung der Armen in den Slums nicht nachvollziehen. Ihre Dominanz könne nur zu weiterer Marginalisierung der Armen, politischer Machtkonzentration und kirchlich-institutioneller Hybris führen. Dagegen wollte er die Macht der Kirche im „Dienst“ der lebendigen, sich verändernden Kirche der Armen, die ihr Leben mit dem Volk teilt und Privilegien abbaut, begründen.

Auszeichnungen


Zitate


Siehe auch


Werke (Auswahl)


Literatur


Weblinks


Commons: Leonardo Boff  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Zitiert nach dpa-Meldung von 12. August 1987, abgedruckt in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. August 1987, S. 3: Boff lobt Lebensumstände der Christen in der Sowjetunion
  2. El País: El Vaticano condena al teólogo Boff al "silencio voluntario" , 10. Mai 1985
  3. Der Spiegel: Er ist die Gegenreformation in Person , 13. Mai 1985
  4. a b Gerhard Dilger: Weltsozialforum im Zeichen der Wirtschaftskrise. In: Der Standard. 27. Januar 2009, abgerufen am 30. Januar 2009.
  5. Stern Nr. 30/2008 vom 27. Juli 2008, S. 154
  6. Interview Frankfurter Rundschau, 27. Dezember 2016



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