Kurd Laßwitz


Kurd Laßwitz (* 20. April 1848 in Breslau; † 17. Oktober 1910 in Gotha; eigentlich Carl Theodor Victor Kurd Laßwitz) war ein deutscher Schriftsteller. Er publizierte zudem unter dem Pseudonym L. Velatus und gilt als Begründer der deutschsprachigen Science Fiction. Sein Roman Auf zwei Planeten aus dem Jahr 1897 gehört zu den wichtigen deutschen Science-Fiction-Romanen und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Inhaltsverzeichnis

Leben


Kurd Laßwitz – Sohn des Unternehmers und Politikers Karl Wilhelm Laßwitz – studierte Mathematik und Physik an den Universitäten in Breslau und Berlin. Während seines Studiums wurde er 1866 Mitglied der Breslauer Burschenschaft Arminia.[1] Ebenso wurde er Mitglied des Breslauer Mathematischen Vereins.[2] 1873 folgte die Promotion „magna cum laude“ mit einer Arbeit »über Tropfen, welche an festen Körpern hängen und der Schwerkraft unterworfen sind«. Zur öffentlichen Disputation seiner Dissertation legte Laßwitz in programmatischer Absicht die These vor: „Die Naturwissenschaft kann und soll popularisiert werden.“[3] Im Folgejahr legte er das Staatsexamen für den höheren Schuldienst in den Fächern Mathematik, Physik, Philosophie und Geographie ab.

1876 siedelte er nach Gotha über. Dort trat er eine Stelle als Gymnasiallehrer am Ernestinum Gotha an, wo unter anderem Hans Dominik sein Schüler war. Der zeichnete in seinen Erinnerungen dieses Bild seines Lehrers:

"Auch die Lehrer in Gotha waren zum guten Teil Typen und Originale. Der hervorstechendste war wohl unser Mathematiker Kurd Laßwitz, der in der breiteren Öffentlichkeit besonders durch seinen utopischen Roman „Auf zwei Planeten“ bekantgeworden ist. Für die Zeitschrift „Zur guten Stunde“ meines Vaters schrieb er geistreiche technische Märchen, außerdem aber war er Philosph, ein Neu-Kantianer, und verfaßte schwer gelehrte philosophische Werke. Sein Leben war von einer gewissen Tragik umwittert. Er wollte sich ursprünglich der Laufbahn als Hochschuldozent widmen, war aber in Preußen durch seine freisinnigen Anschauungen unmöglich geworden und nun in Gotha als Gymnasialprofessor gelandet. Seine Witze und Bonmots gingen von Mund zu Mund und könnten wohl einen stattlichen Band füllen."[4]

1884 erfolgte die laufbahnübliche Ernennung zum Gymnasialprofessor und 1909 zum Hofrat. Letzteres verdankt er besonders seinem Wirken in der bildungsbürgerlichen „Mittwochsgesellschaft zu Gotha“, die mit populären Vorträgen aus dem Bereich von Naturwissenschaft, Literatur und Philosophie zur Volksbildung beitrug. Die Mittwochsgesellschaft war 1884 gegründet worden, was wesentlich auf der Initiative von Laßwitz selbst basierte. Im Jahr 1884 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.

Ein Kollege von Laßwitz, der am Gymnasium Ernestinum Mathematik, Englisch und Französisch unterrichtete, war der später weltweit bekannte und geschätzte Geophysiker und Pionier der internationalen Sprache Esperanto in Deutschland Adolf Schmidt. Die freie und pazifistische Gesinnung sowie das gemeinsame Engagement in der Mittwochsgesellschaft – Schmidt hielt hier mindestens 21 Vorträge – verband die beiden.[5] Der wie Laßwitz aus Breslau stammende Schmidt erinnerte sich später so an seine Ankunft 1884 in Gotha: „Auf’ s herzlichste wurde ich dann von meinem lieben Vereinsbruder und Landsmann Kurd Laßwitz bewillkommnet. Er führte mich in ein gemütliches Heim, das er mir besorgt hatte, und dann in das Symposium bei Walther am Theater. Hier an dem einen Ende der langen Gaststube … traf ich mit der Mehrzahl meiner künftigen Amtsgenossen zusammen …“[6]

Für Lasswitz war das wissenschaftliche und gesellschaftliche Engagement Schmidts so inspirierend, dass eine der Hauptfiguren in seinem Roman „Auf zwei Planeten“ – nämlich der Wissenschaftler Karl Grunthe, der im Roman das Kant'sche Ideal der freien mündigen Persönlichkeit verkörpert, nach dem Vorbild Schmidts gestaltet war.[7] Rudolf Lasswitz, der Sohn des Autors hatte es 1909 enthüllt: „In dem Mars-Roman ‚Auf zwei Planeten‘ hat mein Vater Kurd Laßwitz … in der Person des Dr. Grunthe ein genaues Abbild von Adolf Schmidt geschaffen.“[8]

Laßwitz korrespondierte mit zahlreichen Geistesgrößen seiner Zeit, mit Ludwig Anzengruber und Martin Buber. Bertha von Suttner versuchte ohne Erfolg, Kurd Laßwitz für ihre Friedensbewegung zu gewinnen, da sie nach Lektüre seiner Werke in ihm einen Geistesverwandten sah.

Kurd Laßwitz wurde nach einem Schlaganfall 1908 in den Ruhestand versetzt[9] und starb im Alter von 62 Jahren in Gotha, wo er im Krematorium Gotha eingeäschert wurde. Seine Urne ist auf dem Hauptfriedhof in einem von der Stadt gepflegten Ehrengrab beigesetzt.

Rezeption


Laßwitz gilt als einer der Väter der modernen Science Fiction. Er schrieb Bücher über Physik, Erkenntnistheorie sowie Immanuel Kant und bearbeitete eine kritische Ausgabe von Gustav Theodor Fechner, dem Begründer der Psychophysik. Anders als Jules Verne und stärker als Herbert George Wells verwendete Kurd Laßwitz die SF vor allem für belehrende und kritisierende Zwecke. Seine Zukunftsentwürfe sind mutiger als die Werke seiner beiden Kollegen und Zeitgenossen, weil sie weiter in die Zukunft reichen. Daher stößt er nach eigener Aussage immer wieder an die Grenzen „des mit heutigen Begriffen Erklärbaren“. Sein Roman Auf zwei Planeten (1897) mit seinen über tausend Seiten gehört zu den wichtigsten deutschen Science-Fiction-Romanen. Er wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrmals neu aufgelegt. Auf zwei Planeten war eine wichtige Inspiration für den Raumfahrtpionier Eugen Sänger und für den Himmelsmechaniker Karl Stumpff Anlass, sich in seiner Jugend der Astronomie zuzuwenden. Das Werk hatte Anfang des 20. Jahrhunderts, trotz zunächst beschränkter Verbreitung, einigen (noch ungenügend erforschten) Einfluss auf andere Autoren – etwa die des Expressionismus. Sichergestellt ist ein Einfluss auf Georg Heym; Arno Schmidt schätzte den Roman. Eine größere Verbreitung fanden Laßwitz’ Werke erst in den 1920er Jahren.

Wernher von Braun (1912–1977) bekannte in einem Geleitwort zur amerikanischen Ausgabe des Romans: „Ich werde nie vergessen, mit welcher Neugierde und Spannung ich in meiner Jugend diesen Roman verschlang. Und ich glaube, dass seine Lektüre auch heute, wo Elektronen- und Menschenaugen bereits die ersten direkten Eindrücke vom Mond und unseren Nachbarplaneten gesammelt haben, von ganz besonderem Interesse ist. Sie vermittelt uns Heutigen eine Vorstellung des Ideenreichtums des ausgehenden 19. Jahrhunderts, auf dem sich der technische und wissenschaftliche Fortschritt des 20. Jahrhunderts aufbaut und sie läßt uns erahnen, welch faszinierende Möglichkeiten … den nach uns kommenden Generationen des 21. Jahrhunderts offenstehen.“[10]

Die gesellschaftskritischen Texte von Laßwitz gerieten größtenteils in Vergessenheit, nachdem sie von den Nationalsozialisten verboten worden waren, deren Anschauungen mit Laßwitz’ humanistischen und pazifistischen unverträglich waren.

Ein besonderes Verdienst von Laßwitz ist die erstmalige Verwendung des Begriffs Fernschule in seinem kurzen Aufsatz "Die Fernschule" aus dem Jahr 1899. Damit nutzt Laßwitz als erster die bis heute gängige Bezeichnung für Unternehmen des Fernunterrichts.[11]

Ehrungen


Nachlass


Laßwitz’ Nachlass befindet sich in der Forschungsbibliothek Gotha. Er ist durch ein gedrucktes Verzeichnis erschlossen, welches online[17] zur Verfügung steht.

Schriften


Eine auf zwanzig Bände angelegte Werkausgabe erscheint als Kollektion Laßwitz seit 2008 im Verlag Dieter von Reeken, Lüneburg.

Literatur


Biografien und Monografien
Lexika
Artikel
Hörfunk

Weblinks


Wikisource: Kurd Laßwitz – Quellen und Volltexte
Commons: Kurd Laßwitz  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Werke online

Einzelnachweise


  1. Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 439–442.
  2. Wilhelm Lorey: Das Studium der Mathematik an den deutschen Universitäten seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Leipzig/ Berlin 1916 (=Abhandlungen über den mathematischen Unterricht in Deutschland, Bd. III, Heft 9), S. 140.
  3. Andreas W. Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848–1914. Oldenbourg, München 2002, S. 459.
  4. Hans Dominik: Vom Schraubstock zum Schreibtisch – Lebenserinnerungen. Verlag Scherl, Berlin 1943, S. 26.
  5. Helmut Roob, Peter Schmidt: Adolf Schmidt (1860-1944), Handschriftlicher Nachlass des Geomagnetikers und Bibliographie seiner Veröffentlichungen verzeichnet und erschlossen von Helmut Roob und Peter Schmidt. Forschungsbibliothek Gotha, Gotha 1985, S. 61.
  6. Jubiläumsausgabe des „Ernestinum“ 1936. Zitiert in Helmut Roob: Utopie und Wissenschaft. Gotha 1998, S. 43.
  7. Fritz Wollenberg: Adolf Schmidt – ein Pionier der Geophysik und des Esperanto als literarische Figur. In: Die Rolle von Persönlichkeiten in der Geschichte der Plansprachen – Beiträge der 19. Jahrestagung der Gesellschaft für Interlinguistik e. v., 27.–29. November 2009 in Berlin. Interlinguistische Informationen, Beiheft 17. Sabine Fiedler (Hrsg.), Berlin 2010, S. 133–162.
  8. Rudolf Laßwitz: Adolf Schmidt, der Geophysiker. In: Gothaer Gedenkbuch. 2. Band und Heimaterinnerungen an Dorf und Stadt von Dr. Gottlob Schneider, Bruno Volger Verlagsbuchhandlung, Leipzig-Gohlis 1909, S. 124.
  9. Helmut Roob, Peter Schmidt: Adolf Schmidt (1860-1944), Handschriftlicher Nachlass ... S. 11.
  10. Kurd Laßwitz: Two planets. A novel abridged by Erich Laßwitz. Translated bei Hans H. Rudnick. Afterword by Mark R. Hillegas. Carbondale, Edwardsville: Southern Illinois University Press 1971. Zitiert in Helmut Roob: Utopie und Wissenschaft. Gotha 1998, S. 46. Der Anfang des Geleitworts von Wernher von Braun befindet sich auf der vorderen Umschlagseite der amerikanischen Ausgabe von 1971: Wernher von Braun: "I shall never forget how I devoured this novel with curiosity and excitement as a young man ...". Es folgt der Hinweis, dass der Text auf der hinteren Umschlagseite fortgesetzt wird.
  11. Zur Herkunft des Begriffs Fernschule .
  12. a b Laßwitzweg. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins
  13. Kurd Lasswitz (1848–1910)
  14. Asteroid Lasswitz
  15. Kurd-Laßwitz-Preis
  16. kurd-lasswitz-stipendium. gotha.de
  17. online auf db-thueringen.de









Kategorien: Autor | Sachbuchautor (Physikalisches Werk) | Literatur (19. Jahrhundert) | Literatur (20. Jahrhundert) | Literatur (Deutsch) | Literatur (Deutschland) | Science-Fiction-Literatur | Roman, Epik | Kurzgeschichte | Erzählung | Person als Namensgeber für einen Asteroiden | Mitglied der Leopoldina (19. Jahrhundert) | Burschenschafter (19. Jahrhundert) | Person (Breslau) | Person (Gotha) | Deutscher | Geboren 1848 | Gestorben 1910 | Mann




Stand der Informationen: 23.02.2021 07:52:02 CET

Quelle: Wikipedia (Autoren [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

Veränderungen: Alle Bilder und die meisten Designelemente, die mit ihnen in Verbindung stehen, wurden entfernt. Icons wurden teilweise durch FontAwesome-Icons ersetzt. Einige Vorlagen wurden entfernt (wie „Lesenswerter Artikel“, „Exzellenter Artikel“) oder umgeschrieben. CSS-Klassen wurden zum Großteil entfernt oder vereinheitlicht.
Wikipedia spezifische Links, die nicht zu Artikeln oder Kategorien führen (wie „Redlink“, „Bearbeiten-Links“, „Portal-Links“) wurden entfernt. Alle externen Links haben ein zusätzliches FontAwesome Icon erhalten. Neben weiteren kleinen Designanpassungen wurden Media-Container, Karten, Navigationsboxen, gesprochene Versionen & Geo-Mikroformate entfernt.

Wichtiger Hinweis Da die gegebenen Inhalte zum angegebenen Zeitpunkt maschinell von Wikipedia übernommen wurden, war und ist eine manuelle Überprüfung nicht möglich. Somit garantiert LinkFang.org nicht die Richtigkeit und Aktualität der übernommenen Inhalte. Sollten die Informationen mittlerweile fehlerhaft sein oder Fehler in der Darstellung vorliegen, bitten wir Sie darum uns per zu kontaktieren: E-Mail.
Beachten Sie auch : Impressum & Datenschutzerklärung.