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Kathedrale von Chartres




Kathedrale von Chartres
UNESCO-Welterbe

Die Kathedrale Notre-Dame de Chartres
Staatsgebiet:  Frankreich
Typ: Kultur
Kriterien: (i) (ii) (iv)
Fläche: 1,06 ha
Pufferzone: 62,41 ha
Referenz-Nr.: 81bis
UNESCO-Region: Europa und Nordamerika
Geschichte der Einschreibung
Einschreibung: 1979  (Sitzung 3)

Die Kathedrale Notre-Dame von Chartres (französisch Cathédrale Notre-Dame de Chartres [nɔtʀə ˈdam də ˈʃaʀtʀə]) in Chartres ist das „Urbild“ der hochgotischen Kathedrale. Die Kathedrale ist der Sitz des Bischofs des römisch-katholischen Bistums Chartres.

Im Jahr 876 weihte Karl der Kahle dort eine Kirche und übergab dem Sanktuarium eine heilige Reliquie, die als Sancta Camisia bezeichnete Tunika, die die Jungfrau Maria bei der Verheißung der Geburt Jesu durch den Erzengel Gabriel – (bekannt als Mariä Verkündigung) – getragen haben soll. Heute ist in der Kathedrale ein ungefähr 30 × 30 cm großes Tuch dieser Tunika zu besichtigen.

Der heutige gotische Neubau begann kurz nach 1194 und dauerte bis 1260 (offizielle Weihe am 24. Oktober 1260). Der Bau ist über 130 Meter lang und 64 Meter breit.

Im Jahr 1908 wurde die Kirche zur Basilica minor erhoben. Bereits 1979 wurde die Kathedrale in das Register des Kulturerbes der Welt der UNESCO aufgenommen. Der Bildhauer Auguste Rodin hat sie die Akropolis Frankreichs genannt.[1]

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung


Chartres ist in mehrerlei Hinsicht einmalig. Die Kirche wirkt in der immer noch relativ kleinen Stadt absolut dominierend, ist in der flachen Landschaft schon von weitem zu erkennen und vermittelt somit selbst heute noch ungefähr den Eindruck, den sie seit dem 13. Jahrhundert auf die Zeitgenossen ausübte, als solch ein Bauwerk wie ein überirdisch-göttliches Symbol in der profanen Umwelt stand. Die Kathedrale einer Stadt war der größte und höchste Raum, zumal damals meist noch keine anderen festen öffentlichen Bauten existierten wie Rathäuser, Theater und Markthallen.

Chartres ist nie zerstört worden. Während an vielen Kathedralen die Portalfiguren im Bildersturm der Hugenotten oder der Französischen Revolution untergingen und zahllose Glasmalereien dem Bedürfnis nach mehr Helligkeit zu Opfer fielen, ist in Chartres der hochbedeutende plastische Schmuck der Kathedrale fast unversehrt erhalten, ebenso nahezu sämtliche 176 Fenster. Daher kann keine andere Kathedrale die Atmosphäre der Hochgotik so intensiv und unverfälscht vermitteln.

In dieser Kathedrale laufen viele entscheidende kunst- und kulturhistorische Strömungen der Zeit des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts zusammen und haben daher schon eine ganze Reihe von Autoren zu ausführlichen Darstellungen und Deutungen veranlasst.

Geschichte


Vorgängerbauten

Das älteste Gemäuer in der Kathedrale ist der keltische Brunnen in der Krypta. Dessen rundes Tunnelrohr endet 33,55 m unter dem Boden der Krypta in einem exakt an den Himmelsrichtungen ausgerichteten quadratischen Becken. Der Brunnen wurde im 17. Jahrhundert zugeschüttet und Anfang des 20. Jahrhunderts von René Merlét wieder ausgegraben. Es gibt Legenden, nach denen Druiden am späteren Ort der Kathedrale eine „virgo paritura“ (Jungfrau, die gebären wird) verehrt hätten.[2]

Der erste Kathedralbau an der Stelle wurde Mitte des 4. Jahrhunderts errichtet, damals zu Füßen der gallo-römischen Ringmauer. Sie wird heute auch Kathedrale des Aventinus genannt, nach dem ersten Bischof der Stadt. 743 oder 753 wurde diese Kirche von westgotischen Truppen unter Herzog Hunald von Aquitanien niedergebrannt.

Der alsbald errichtete Nachfolgebau wurde 858 von wikingischen Seeräubern zerstört; Bischof Giselbert ließ ihn größer wieder aufbauen. Auf Fundamente dieses dritten Kathedralengebäudes sollen sich Mauern der heutigen Chapelle Saint-Lubin (Kapelle des heiligen Leobinus von Chartres) stützen.

Im Jahre 876 vermachte Karl der Kahle der Kathedrale die Sancta Camisia, das Hemd, das Maria bei der Geburt Jesu getragen haben soll. Nach anderen Quellen trug die Jungfrau Maria das Gewand, als der Erzengel Gabriel ihr die Geburt Jesu verkündete. Seither besitzt Chartres eine der wichtigsten Reliquien des Abendlandes. Die daran knüpfenden Marienwallfahrten waren über Jahrhunderte der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt.

Am 5. August 962 ging die karolingische Kathedrale bei einem Krieg zwischen Herzog Richard I. der Normandie und dem Grafen von Chartres in Flammen auf. Der Nachfolgebau wurde am 7. bis 8. September 1020 Opfer eines durch Unfall entstandenen Feuers.

Daraufhin ließ Bischof Fulbert einen romanischen Neubau errichten. Die noch heute erhaltene Krypta der fünften Kathedrale entstand noch im selben Jahr. Sie erstreckt sich nicht nur unter dem gesamten Chor, sondern auch schlauchförmig unter der ganzen Länge der Seitenschiffe. Hier ist heute auch ein Museum untergebracht. Die Bauzeit betrug vier Jahre, die Fertigstellung war 1024. Im Jahr 1037 wurde die Weihe vollzogen, acht Jahre nach Fulberts Tod. Schon 1134 gab es in Chartres einen weiteren Stadtbrand, der von der neu erbauten Kirche aber nur die Vorhalle und einen Turm zerstörte. Vor der alten Fassade wurde sofort ein neuer Nordturm gebaut und 1150 vollendet. Zwischen neuem Nordturm und alten Südturm fand das um 1145 entstandene Königsportal seinen Platz. Womöglich wurde es umgesetzt. Um das Datum und die Art und Weise dieser Versetzung streiten sich die Gelehrten, weil davon eine genaue Deutung der einzelnen Elemente abhängt. Sicher bekannt ist nur, dass sie vor 1194 durchgeführt wurde.

Stadtbrand von 1194 und heutiges Bauwerk

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1194 zerstörte ein Stadtbrand die romanische Kirche fast vollständig. Man entschloss sich sofort zu einem Neubau auf den alten Grundmauern, um die Bauzeit möglichst kurz zu halten. Damit waren die Maße der sechsten Kathedrale an dieser Stelle festgelegt. Außer Grundmauern und Krypta wurde auch das berühmte dreiteilige Königsportal, die „Porte Royale“, von der fünften Kathedrale übernommen und ist damit älter als das übrige Bauwerk.

Der Neubau begann also 1194. Der Bau ging laut den Aufzeichnungen zügig voran – bereits 1220 soll die Kathedrale eingewölbt gewesen sein. Querhausportale, Glasfenster und Skulpturen wurden jedoch erst 1260 vollendet, und so wurde erst 66 Jahre nach Baubeginn das neue Gotteshaus geweiht. Bedeutenden Anteil an der Gestaltung hatte der Baumeister Villard de Honnecourt, der auch das berühmte Labyrinth von Chartres entworfen hat.

Architekturgeschichtliche Einordnung

Der für eine gotische Kathedrale schnelle Baufortschritt steht im Kontext jener Zeit und in der besonderen Bedeutung der Kathedrale für die Stadt Chartres: Von 1180 bis 1270 wurden in Frankreich etwa 80 Kathedralen und beinahe 500 Klöster errichtet, man baute also im ganzen Land repräsentative Kirchen geradezu um die Wette.

Die – nach heutigem Maßstab – kleine Gemeinde von weniger als 10.000 Mitgliedern hatte zudem eine besondere Motivation, in so kurzer Zeit ein so großes Gotteshaus zu bauen und zu finanzieren. Chartres war mit seiner Reliquie das Zentrum der Marienverehrung in ganz Europa, und die Stadt glaubte, mit Hilfe Mariens unter besonderem göttlichen Schutz zu stehen. Umso größer war zunächst die Furcht, mit dem Untergang der Stadt durch das Feuer auch dieser weltberühmten Reliquie beraubt zu sein. Nach einigen Tagen wurde offenbar, dass die Tunika in der Schatzkammer unversehrt geblieben war, wohin sie besonnene Priester gerade noch rechtzeitig gebracht hatten. Eine große Erleichterung ging durch die Bevölkerung. Nun sah man in dem Ereignis des Brandes und der „wunderbaren“ Rettung der Reliquie eine himmlische Aufforderung an die Stadt, der Jungfrau und ihrer Reliquie einen neuen prächtigeren Kirchenbau zu widmen. Hier kamen also religiöse Vorstellungen und wirtschaftliche Überlegungen zusammen. Der Pilgerstrom durfte nicht abreißen, wollte die Stadt überleben.

Zu den bedeutendsten gotischen Bauwerken jener Jahre zählen neben Notre-Dame de Chartres die Kathedralen von Soissons und Bourges. Notre Dame in Paris entstand etwas früher und gilt als wichtiger Vorläufer, die später begonnenen Kathedralen von Reims (1211) und Amiens (um 1220) übernahmen wesentliche Merkmale der Chartreser Architektur.

In den deutschen Kulturkreis hielt der gotische Stil erst 1235 mit dem Baubeginn der Elisabethkirche zu Marburg Einzug.

Konkurrenz zwischen Chartres und Bourges

Es hat zu Beginn der klassischen Phase in der Entwicklung der gotischen Architektur zwei grundlegend verschiedene Ansätze gegeben, von denen sich scheinbar nur einer durchgesetzt hat und der wesentlich bekannter geworden ist, und zwar der von Chartres ab ca. 1194. Fast im gleichen Jahr – 1195/96 – aber wurde auch der Grundstein für die Kathedrale von Bourges gelegt, die ein anderes Konstruktionsprinzip – vor allem des Innenraumes – entwickelt hat. Bourges wird häufig in einer Außenseiterrolle gesehen, da der Bau wenig Nachfolge fand. Trotzdem sind einige Fachautoren der Ansicht, dass in Bourges der Ansatz der gotischen Architektur konsequenter durchgeführt worden ist und dass er sich auch, wenn auch nicht so direkt ersichtlich, durchgesetzt hat. Früher galt Chartres als die „klassische“ gotische Kathedrale, ihre Bedeutung ist in der gegenwärtigen Forschung aber zurückgegangen.

Westfassade


Der untere Teil der Westfassade stammt aus der Zeit ab 1134. Damals entstanden zunächst der linke Turm und das Portal. Der Südturm folgte 1145–1160. Er hat eine Höhe von 105 Meter. Erst wesentlich später, nämlich 1500–1513, kamen die Obergeschosse des Nordturms mit einer Höhe von 115 Meter im damals aktuellen Flamboyant-Stil hinzu.

Portalanlage

Die Statuen des Chartreser Königsportals von 1145/50 sind die ältesten erhaltenen gotischen Statuen der Kunstgeschichte. Diejenigen von Saint-Denis, die früher geschaffen worden waren, wurden zerstört und sind nur in ihrem Aussehen in Zeichnungen Montfaucons überliefert[3]. Die ganze Portalanlage ist gleichzeitig das erste erhaltene Stufenportal, das sowohl an den seitlichen Gewänden als auch im Tympanon, auf den Türstürzen und den Archivolten Skulpturen aufweist.

Auf uns Heutige wirken diese Standbilder fremdartig, heilig und unnahbar. Doch wenn man genauer hinsieht, lassen sich zahlreiche Details erkennen, die gegen diese „heilige Distanz“ sprechen: Neben der Kleidung ist auch das Haar genau und individuell wiedergegeben ebenso wie der Edelsteinschmuck der Mäntel und Kronen. Eine Aura von höfischem Luxus, von hochkultivierter Gepflegtheit umgibt die königlichen Gestalten, die durchaus diesseitige Züge tragen. Willibald Sauerländer fasst das Grundprinzip der gotischen Plastik Frankreichs folgendermaßen zusammen: „Die Versinnlichung des Religiösen unter den Bedingungen der höfischen Gesellschaft, das war der eigentliche, tiefere Inhalt aller gotischen Kathedralskulptur.“[4]

Diese Figuren sind auch deshalb wichtig, weil das Christentum von seinen Ursprüngen her ein tiefes Misstrauen gegen alles plastische Bildwerk gehabt hatte. Es glaubte hier heidnische Phantasien am Werk, da die antiken Götter in solchen Statuen verehrt wurden. Die Ostkirche diskutierte während der Zeit des Bilderstreites über anderthalb Jahrhunderte lang – von 726 bis ins 9. Jh. hinein –, ob eine Darstellung Gottes überhaupt zulässig sei und entschied dann, dass zumindest eine Darstellung Christi deshalb erlaubt sei, weil er Mensch geworden sei.

Mit dem Sieg des Christentums wurde im westlichen Abendland für lange Zeit die Plastik aus der Kunst verbannt, die im antiken Kunstschaffen mehr als ein Jahrtausend im Zentrum gestanden hatte. Sie verschwindet vom 5. Jahrhundert an für einen langen Zeitraum aus der Geschichte unserer Kultur. Das frühe Mittelalter kannte lange fast überhaupt keine Skulptur. Ihre Wiedergeburt im 11. und besonders im 12. Jahrhundert ist deshalb ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte der christlichen Kunst.

Dieser Prozess ist nur aus dem neuen allgemeinen Bedürfnis nach einer sinnlichen, sozusagen natürlich begreifbaren Vergegenwärtigung der Heilsgeschichte heraus zu verstehen. Es wurde der Wunsch stärker, die Welt auch auf einer rationalen, intellektuellen Ebene zu begreifen, und auch die Kirche konnte sich diesen Veränderungen nicht entziehen[5]. Man wollte in Bildern sehen, was die Kirche lehrte – nicht mehr nur hören.

Seit einigen Jahren wird allerdings ein anderer Aspekt in der Forschung zunehmend betont, der dieses Chartreser Königsportal nicht nur als eine Befreiung der Plastik aus der Einbindung in die Architektur feiert, sondern gleichzeitig daran erinnert, dass es in den Jahrzehnten zuvor an den Kirchenportalen der Romanik wesentlich phantasievollere, belebtere Bilder gegeben hatte. Besonders Horst Bredekamp hat den Gedanken formuliert, dass es sich hier in Chartres im Gegenteil um eine Rücknahme, eine Einschränkung der Phantasie handelt, und zwar auf Grund einer dramatischen Diskussion, die vor allem Bernhard von Clairvaux angestiftet hatte und die sich gegen den Prunk der neuen gotischen Kathedralen richtete.

„In Chartres denaturiert Skulptur in Architektur, um dem phantasietreibenden Abwehrzauber der Romanik die Alternative einer in sich sicheren Weltordnung entgegenzustellen. Mit dem Westportal wurde die Skulptur aus dem Reich der Freiheit in ein theologisch eng gezogenes Dominium überführt.“[6]. Auch Suger von St-Denis bekam die Wut des Bernhard von Clairvaux zu spüren und hat deswegen eine Verteidigungsschrift veröffentlicht.

Es hat tatsächlich zuvor wesentlich bewegtere Darstellungen gegeben, beispielsweise in Vézelay und Autun. Diese Statuen hier sind demnach als Standbilder selber eine Weiterentwicklung, in ihrer Formulierung aber ein gewisser Rückschritt.

Rechtes Portal: Menschwerdung Christi

Die Geschichte, die an der Westfassade erzählt wird, muss von rechts nach links gelesen werden. Das rechte Portal zeigt im Tympanon als Generalthema die Menschwerdung Christi: in der Mitte sieht man Maria auf dem sog. ‚Thron der Weisheit’, der ‚sedes sapientiae’, mit dem Kind zwischen zwei Engeln. Sie ist in dieser Haltung selber dieser Thron, der Sitz für den Gottessohn. Auf dem mittleren Bildstreifen erscheint Christus im Tempel und auf dem Türsturz eine ganze Szenenfolge. Von links nach rechts: die Verkündigung, die Heimsuchung, Joseph, dann die Szene der Geburt in der Mitte mit der Doppelszene „Maria im Wochenbett“ unten und „Christus als Neugeborener in der Krippe“ darüber und anschließend die Anbetung der Hirten. Dem Thema entsprechend sind in den beiden Archivolten Engel und die weltlichen Wissenschaften dargestellt.

Links außen ist ein kleiner älterer Mann mit Schreibpult, Tintenfass und Schreibfedern zu erkennen, darüber eine weibliche thronende Figur mit einem Stab. In beiden sind Aristoteles und die Dialektik zu sehen. Damit wird auf die artes liberales abgehoben, die ‚propaedeutica’ zur Erkenntnis des sedes sapientiae, der höchsten Weisheit im Zentrum der Darstellung.

Bei den Säulenfiguren ist sich die Forschung bei der linken Gruppe besonders unsicher und vermeidet Zuschreibungen. Rechts sind dargestellt von innen nach außen: ein Apostel, ein König und eine Königin.

Dieses rechte Portal ist heute das Eingangsportal in die Kirche. Das Mittelportal wird, wie häufig in solchen Fällen, nur bei besonderen Anlässen geöffnet.

Erwähnt werden muss außerdem, dass in vielen Fällen die einzelnen Szenen nicht mehr der originalen Anordnung entsprechen, sondern bereits im Mittelalter verändert wurden.

Mittelportal: Königsportal

Das Mittelportal zeigt im Tympanon Christus in der Mandorla als Richter des Jüngsten Gerichtes umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten: oben Matthäus als Mensch links, rechts Johannes als Adler, unten Markus als Löwe und Lukas als Stier. Auf dem Türsturz sind wieder die Apostel in einer Reihe abgebildet.

Die Figuren auf den beiden oberen Archivoltenstreifen zeigen die Ältesten des Jüngsten Gerichts, auch die „Apokalyptischen Greise“ genannt.

Die dargestellten Personen des rechten Gewändes konnten bis auf die Figur ganz links (wahrscheinlich ein Prophet oder Patriarch des Alten Testaments) ausnahmsweise annähernd genau zugeschrieben werden: Der zweite von links ist David, dann folgt entweder Batseba, also Davids Gemahlin, oder die Königin von Saba –, und ganz rechts ist Salomo dargestellt, Davids Sohn.

Das linke Gewände zeigt von außen nach innen: eine Königin, einen Patriarchen und einen Propheten.

Die starke Anlehnung dieser Figuren an die Grundform einer Säule wird hier nochmals deutlich, wobei man natürlich an die symbolische Bedeutung der Säule als Trägerin des Glaubens denken muss und von da aus auch eine Verbindung herstellen muss von den hier dargestellten Königen zum französischen König, der sich auch als „Säule des Glaubens“ gesehen hat.

Zur Zeit der Entstehung dieses Portals 1150 ist die Plastik noch weitgehend von der Architektur abhängig und in sie eingebunden, hier in der Form von Säulen. Das wird sich bei den Statuen der Querhausportale 1220, also 70 Jahre später, deutlich ändern.

Günther Binding schreibt zur generellen Systematik in der Gestaltung solcher großen und bedeutenden Portalanlagen: „Die großen gotischen Portale sind deshalb ein Abbild der hierarchischen Ordnung des Gottesreiches: über allem thront Christus als Weltenrichter oder in der Verherrlichung; an den Gewänden die Vorfahren Christi, die Propheten, besonders verehrte Heilige, aber auch Tugenden und Laster; in der Kapitell- und Bogenzone die Passion des Herrn; in den Archivolten die Engelschöre, Kirchenväter, Heilige, Apostel; im Sockel oft Reliefdarstellungen aus dem menschlichen Leben mit Jahreszeiten-, Monats- und Tierkreisbildern.“[7].

Linkes Portal: Himmelfahrt Christi

Das linke Portal zeigt im Tympanon die Himmelfahrt Christi (nach einer anderen Deutung handelt es sich um die Weltschöpfung), rechts und links von zwei Engeln begleitet. Im Bildstreifen darunter verkünden Engel die frohe Botschaft, auf welche die Apostel des Türsturzes darunter lauschen. Auf den beiden Archivoltenstreifen über dem Tympanon sind die typischen Arbeiten des Jahres, die Monatsarbeiten, und die entsprechenden Tierkreiszeichen dargestellt – als Elemente von Zeit und Raum. Das göttliche Heil wird dadurch in Beziehung gesetzt zur Welt. Es ist zu erreichen über das Studium der Weisheit, der artes liberales, die am rechten Portal zitiert sind. Die beiden Nebenportale entsprechen also verschiedenen Sinnschichten. Die Monatsbilder sind als Ergänzung gedacht, als Sinnbilder der praktischen Arbeit zu der der geistigen Erkenntnis, als Hinweis auf den physischen Besitz der Welt.

Die Kapitelle aller Gewändesäulen sind zu einem einzigen, die ganze Portalanlage überziehenden Fries verbunden, dessen ungefähr 40 Szenen auf zwei Stränge verteilt sind, die beide jeweils von der Mitte ausgehen und folgende Themen haben: die Geschichte der Eltern Mariens, die Geschichte Mariens selber und der Kindheit Jesu, dann das öffentliche Auftreten und schließlich die Passion Christi. Diese Geschichten entstammen nicht unbedingt der Bibel, sondern gehören den sog. apokryphen Schriften an. Das sind „verborgene“ Schriften, die nicht in den offiziellen Text der Bibel aufgenommen wurden, aber dennoch als Gottes Wort oder doch zumindest göttliche Inspiration aufgefasst wurden. Im ganzen Mittelalter wurden diese Texte sehr gern gelesen, weil sie sich mit den mehr alltäglichen Aspekten des Lebens Christi und der Heiligen beschäftigten.

Das rechte Gewände dieses Portals zeigt innen Moses mit den Gesetzestafeln, dann eine Leersäule und einen Torso. Hinter den Figuren sieht man, dass sich hier jeweils zusätzliche reich dekorierte Zwischensäulen verbergen, welche traditionelle Pflanzenverschlingungen und eingebundene Phantasiewesen zeigen.

Im linken Gewände sind von außen nach innen angeordnet: ein König (das Haupt wurde später als Frauenkopf erneuert), einen König und eine Herrscherin.

Die Zahl der Gewändestatuen der ganzen Anlage betrug ursprünglich 24, manche mussten aber inzwischen durch Säulen ersetzt werden; einige der ehemals originalen befinden sich in der Krypta.

Dass dieser Zyklus überhaupt an der Außenseite des Eingangs angebracht wurde, weist darauf hin, dass hier ein Übergang vom profanen Bereich zum kirchlichen liegt. Schon in frühchristlicher Zeit hat man an solchen Stellen auf diesen Übergang hingewiesen, indem man Sprüche auf die Wände malte. Chartres hat hier eines der frühesten Bildprogramme zu bieten. Neu sind auch der immense Umfang und das theologisch geschlossene System der Darstellungen. Die erzählerischen Momente haben nur untergeordnete Bedeutung.

Querhausfassaden


Nordportal (Marienportal)

Auch an den Querhäusern sind sehr ausgedehnte plastische Programme geschaffen worden. Im Gegensatz zur Westfassade haben die Querhäuser überdachte Portalzonen, was die Plastiken jahrhundertelang bis heute hervorragend gegen Witterungseinflüsse geschützt hat. Diese Querhausfassaden greifen das Vorbild von Laon von ca. 1200 auf, was im Westen nicht möglich war, da dort die Fassade nach dem Brand 1194 stehen geblieben war und auf Grund der Verehrung beibehalten wurde.[8]

Das Nordportal hat als generelles Thema das Alte Testament und das Leben Marias – und wird in seiner Gesamtheit deshalb als Marienportal bezeichnet. Dass Maria neben der Figur des Christus überhaupt eine solche Bedeutung erlangen konnte, liegt an der Mystik des Bernhard von Clairvaux, der sie sehr in den Mittelpunkt rückte. Von nun an werden in Frankreich viele Kathedralen nach ihr benannt, nach ‚Notre-Dame’.

Maria ist hier im Tympanon unter einem Thronbaldachin mit Christus dargestellt, der sie segnet. Dies entspricht dem Schema der Marienkrönung, ohne dass eine Krönungshandlung abliefe, weshalb man eher von einem Triumph oder einer Verherrlichung Mariens sprechen kann. Es ist ein repräsentatives Bild; die Figuren sind einander zugewandt und werden von Engeln adoriert. Das theologische Programm sieht hier die Maria als ‚Braut Christi’, als ‚Sponsa Christi’, die in dieser Hinsicht die Ecclesia schlechthin bildet.

Auf dem Türsturz darunter sind der Tod und die Himmelfahrt Mariens dargestellt, Szenen, die nicht in den Bibeltext aufgenommen worden sind. Die Erweiterung dieses Programms, bzw. dieses Gedankens findet an den Archivolten und den Gewändestatuen statt. Links und rechts stehen die Vertreter des Alten Bundes.

Das rechte Portal ist wieder ganz anders. Es zeigt Szenen aus dem Alten Testament, u. a. eine seltene Szene eines Mannes mit Lendenschurz auf einem Hügel. Er steht unter der Drohung eines Ungeheuers: Es ist Hiob. Freunde besuchen ihn in seinem Elend. Hiob steht hier als Prototyp für das Leiden der Kirche unter dem Teufel und ihren Gehorsam zu Christus. Er weist in Worten und Schicksal auf die Passion Christi hin.

Das ganze Programm zeigt verschiedene Gesichtspunkte einer Grundidee: Christus und Ecclesia. Die Kirche triumphiert im Himmel (sponsus – sponsa) und kämpft auf Erden (Hiob).

Die Datierung dieses Portals schwankt in der Fachliteratur. Das einzige gesicherte Datum ist 1204/05, als der Graf von Blois der Kathedrale die Reliquie des Hauptes der hl. Anna stiftete, was offenbar der Anlass war, die hl. Anna als Trumeaufigur zu wählen, statt – wie angesichts des Portalprogramms zu erwarten wäre – der Jungfrau Maria. Diese erscheint nun als Kind (Kopf verloren) auf den Armen ihrer Mutter Anna. Auf dem Doppelpfeiler in der Vorhalle des mittleren Portals rechts (s. Abb. ‘Nordportal‘ rechts oben) stehen auch die Eltern der Muttergottes: die hl. Anna (Buch mit Schließe in der linken Hand) und der opfernde hl. Joachim (mit Weihrauchschwenker). In den Reliefzylindern der beiden Säulenschäfte darunter ist (nach 1. Samuel, Kap. 3 u. 4) die Geschichte von Verlust und Wiedererlangung der (seit der Zerstörung des ersten Tempels durch Nebukadnezar vermissten) alten mosaischen Bundeslade dargestellt. Damit wird die von der hl. Anna unbefleckt empfangenen Gottesmutter Maria als ‘Die Neue Bundeslade im Neuen Tempel von Chartres‘ der alttestamentlichen Bundeslade gegenübergestellt.

Normalerweise wird das Portal in die Zeit zwischen 1220/30 gelegt. Man findet aber auch Datierungen um 1205/10. Vielleicht ist in dieser früheren Zeit erst die Planung des umfangreichen Programms entstanden. Um 1220 beginnt in ganz Westeuropa eine neue, klassische Phase in der Geschichte der Bildhauerei, die bis ca. 1270 andauert. Die großen Figurenzyklen hier in Chartres, aber auch die in Reims, Amiens, in Straßburg, Freiberg (1220/30 Goldene Pforte des Domes als erstes vollständiges Statuenportal auf deutschem Boden), Bamberg, Magdeburg und Naumburg entstehen jetzt. Chartres ist das große Vorbild, wo wahrscheinlich ab 1210 das Figurenprogramm der Querhäuser geplant wurde.

Ein Blick auf das linke Portal zeigt, dass sich hier im Vergleich zu den Figuren des Königsportals ein großer stilistischer Wandel vollzogen hat. Aus den überschlanken, „vergeistigten“ Heiligen sind standfeste, lebensnahe Körper geworden. Die Gewänder liegen nicht mehr hautnah auf dem Körper auf, haben mehr Volumen gewonnen und führen ein bewegtes Eigenleben.

Südportal (Jüngstes Gericht)

Das Südportal hat als Sonnenseite im Gegensatz zum Nordportal das Neue Testament zum Thema und besonders das Jüngste Gericht. Die Datierung ist dieselbe wie die des Nordportals, also wahrscheinlich die Planung um 1210 und die Ausführung zwischen 1220 und 1230.

Bei der gewaltigen Ausdehnung dieses plastischen Programms ist klar, dass hier nicht nur ein Bildhauer gearbeitet hat, sondern dass es hier eine ganze Schule gab, dass hier viele Steinmetze zusammenkamen und ein zusammenhängendes Werk geschaffen haben, das in seiner Zeit im ganzen lateinischen Abendland einmalig war, entsprechende Berühmtheit erlangte und für die Entwicklung der Bildhauerei maßgebenden Einfluss hatte.

In diesen Werkstätten mit ihrem ungeheueren Bedarf an Mitarbeitern befanden sich fraglos auch junge Deutsche, die ihre Kenntnisse der neuen Kunst dann nach Straßburg etc. brachten. Wie in diesen gewaltigen Werkstätten alle Altersschichten nebeneinander arbeiteten und verschiedene Stufen der Entwicklung vertraten, waren ebenso weniger begabte neben genialen Bildhauern tätig. Damit war eine enorme Variationsbreite von stilistisch und qualitativ Unterschiedlichem gegeben. Formal Älteres konnte später entstehen als Progressives, was die erhebliche Unsicherheit in den Datierungsfragen verursacht.

Als Beispiel für das kaum entscheidbare Neben- und Nacheinander verschiedener Entwicklungsstufen oder Individualitäten kann ein Vergleich dienen zwischen der rechten Dreiergruppe – die Hll. Stephanus, Clemens und Laurentius – und zwischen dem Hl. Theodor links. Die rechte Gruppe bildet eine Art Handlungseinheit von dem zelebrierenden Papst in der Mitte mit zwei begleitenden Diakonen. Diese Gruppe ist stärker der vergangenen Frontalität und Säulenhaftigkeit verpflichtet als der hl. Theodor links, der als eine der vollkommensten Verkörperungen des ritterlichen Menschenideals im 13. Jh. (1215-70) gilt. Er trägt die zeitgenössische Tracht der Krieger. Unter dem lose fallenden Gewand mit seinen natürlichen Faltenbildungen, die nach unten an plastischer Stärke und Schwere gewinnen, bewegt sich frei der harmonisch proportionierte Körper, der von einem Kettenhemd überzogen ist. Die Füße stehen fest auf einer waagerechten Platte, was bei Clemens und seinen Begleitern nicht der Fall ist. „Nichts Rohes, Gewalttätiges, Ungeschlachtes“ ist mehr in diesem Bild eines Ritters, „der durch seine Schönheit von einer neuen Gesittung, einer neuen Auffassung des Adels zeugt.“[9]

Innenraum


Das Mittelschiff von Chartres ist 1220 vollendet worden. Bei einer Gewölbehöhe von 36,5 Metern hat es die ersten vierteiligen Gewölbe der Gotik und den ersten dreiteiligen Wandaufriss der Hochgotik. Die Emporen, die noch in Laon das Raumbild so entscheidend als dominantes waagerechtes Band bestimmten, konnten durch die Erfindung des Strebewerkes weggelassen werden – zu Gunsten einer stärkeren Betonung der Höhe.[10] Die Kathedrale von Chartres und anschließend die von Bourges überwinden durch ihre Stützsysteme die waagerecht gegliederte Geschossigkeit von Laon und Paris, indem sie die Vertikaltendenz des Raumes hervorheben und die Dienste bis zum Boden durchlaufen lassen, sodass sie nicht den Säulenkapitellen aufgesetzt sind. Die Arkadenzone wird damit nicht mehr vom allgemeinen Höhendrang ausgeschlossen.[11]

Mit dem Weglassen der Empore trat in Chartres etwas ein, das man als „Verflächigung“ bezeichnen kann. Die Empore hatte zuvor – in Noyon, Laon und auch noch in Paris – einen starken raumbildenden Effekt. Zusammen mit den Seitenschiffen darunter ließ sie noch Raumteile hinter der Wand wirksam werden – der Blick ging gleichsam in die Tiefe. Jetzt kommt in Chartres ein anderes Prinzip zur Wirkung, nämlich eine durchleuchtete Flächigkeit, eine „brettartige Gitterwand“.[12]

„In Laon bedingen – noch im Sinne der Romanik – Raum und plastisches Volumen einander und bringen sich gegenseitig zur Geltung. An ihre Stelle tritt in Chartres eine durchleuchtete, durch wesentlich lineare Werte definierte Flächigkeit.“[13]

Chartres besitzt das mit 16,40 Metern breiteste Mittelschiff in Frankreich. Seine Breite war keine willkürliche Entscheidung, sondern durch die Maße der Vorgängerkirche festgelegt, auf deren Grundmauern man aufbaute. Auf diesem Fundament setzten die Gewölbe nun zu viel größerer Höhe an. Dennoch sollten dem künstlerischen Leitgedanken des durchleuchteten Raumes folgend die tragenden Wände weitgehend entfallen. In Chartres erscheint zuerst jener dreigeschossige Aufriss, der für die Kathedralen der klassischen Gotik kanonisch werden sollte. Damit kam die Gotik auf das Aufrisssystem ihrer Anfangszeit in Sens zurück, allerdings in deutlich veränderter Gestalt.

Die Fensterzone ist von gleicher Höhe wie die der Arkaden. Beide stehen damit wieder im Verhältnis von 1:1 – wie das Vierungsquadrat. Dieses Zahlenverhältnis galt im 12. Jahrhundert als vollkommen und seine geometrische Darstellung so als das Abbild der Gottheit. Die Kirche besitzt noch ein dunkles Triforium. Die Doppelfenster des Lichtgadens mit der darüberliegenden Rose wurden von 1215 bis 1240 gebaut und gelten als direkte Vorstufe zum Maßwerk der Kathedrale von Reims aus dem Jahr 1220.

Die Tatsache, dass Chartres wieder vierteilige Gewölbe hat wie in den frühgotischen Zeiten, bedeutet aber nicht, dass hier auch die alten Formen aufgegriffen werden. Denn die Gewölbe überspannen in Chartres wesentlich schmalere Joche, die doppelt so breit sind wie tief. Die frühgotischen vierteiligen Gewölbe waren dagegen nahezu quadratisch. Damit kommt nun auch in die liturgische Prozession vom Eingang auf den Altar zu eine neue Dynamik.[11] Hier sind die gleichen Prinzipien wirksam, die schon zu Beginn der Gotik zuerst die Fassade optisch in Bewegung versetzten und dann den Innenraum von der Schwere der Mauer befreiten und in ein System von Kraftlinien verwandelten. Und jetzt wird hier in Chartres durch die schnelle Aufeinanderfolge schmaler Joche eine rhythmische Bewegung suggeriert, die nicht mehr viel mit der gemessenen Gravität in romanischen Mauern zu tun hat.

Man hat von Chartres behauptet, hier sei zum ersten Mal die Architektur nur mehr als Gerüst für die insgesamt 176 Fenster aufgefasst.[15] Die Fenster übernehmen in Chartres in etwa die Funktion, die zuvor der hinteren Raumschichtung zukam, wandeln jedoch den Blick in ein dunkles Inneres zu dem in ein helles Äußeres. Chartres besitzt unter allen gotischen Kathedralen den größten Bestand an erhaltenen Originalfenstern. Die Fensterflächen überspannen 2600 m² und wurden überwiegend in der Zeit von 1215 bis 1240 geschaffen, die Westfenster unter der Rose schon 1150, sie haben also den Brand von 1194 überstanden. Die Kathedrale ist mit insgesamt über 10.000 Figuren in Glas und Stein ausgestattet.

An den Querhäusern hat man erst später im oberen Teil des Lichtgadens große Maßwerkfenster eingezogen, die als einzige nicht aus dem 13. Jahrhundert stammen. Bei der immensen Größe des Raumes fällt dieser kleine Stilbruch aber nicht sonderlich auf.

Chartres hat für die Gestaltung seiner mächtigen Stützen eine besondere Form entwickelt, bei der schlanke Begleitsäulen vor den Längs- und Querachsen eines Pfeilers stehen. Man bezeichnet diese Form als kantonierten Pfeiler. Damit wurde außerdem ein Effekt möglich, dessen Ursache vielen Besuchern nicht sofort auffällt. Wenn man vergleicht, erkennt man, dass hinsichtlich der Form der Pfeiler und der jeweils vorgelegten Dreiviertelsäulen ein alternierender Wechsel stattfindet: das eine Mal ist der Pfeiler achteckig und hat vier vorgelegte runde Dreiviertelsäulen, das andere Mal sind einem runden Pfeiler vier achteckige Säulen vorgelegt – eine sehr raffinierte Idee, die dem Jochsystem des Langhauses einen leichten, kaum spürbaren Rhythmus gibt.[16]

Ausstattung


Orgel

Die Geschichte der Orgel in der Kathedrale von Chartres lässt sich bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen, ein schriftlicher Auftrag zum Bau einer Orgel ist auf das Jahr 1349 datiert. Über das damalige Instrument selbst ist nicht viel bekannt; es hatte zunächst wohl nur ein Manualwerk. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Orgel mehrfach reorganisiert und erweitert; sie erhielt so weitere Manualwerke und im 18. Jahrhundert auch ein Pedal. Nach einem Brand in der Kathedrale im Jahre 1836 wurde das beschädigte Instrument durch den Orgelbauer Gadault 1844 restauriert und war mit drei Manualwerken und einem Pedal ausgestattet. Das schon 1840 als „monument historique“ klassifizierte Orgelgehäuse blieb auch bei einer umfassenden Aufarbeitung des mechanischen Werks durch die Orgelbauer Gutschnritter-Mercklin 1911 erhalten.

Das heutige Orgelwerk wurde in den Jahren 1969 bis 1971 durch den Orgelbauer Danion-Gonzalez erstellt. Seitdem hat das Instrument 68 Register auf vier Manualen und Pedal mit nachstehend aufgeführter Disposition. Die Trakturen sind elektropneumatisch. Der in zweijährigem Turnus stattfindende Concours international d’Orgue – Grand Prix de Chartres gehört zu den bedeutendsten Orgelwettbewerben.[17]

I Grand-Orgue C–g3
01. Montre 16′
02. Bourdon 16′
03. Montre 08′
04. Flûte 08′
05. Bourdon 08′
06. Prestant 04′
07. Flûte 04′
08. Doublette 02′
09. Fourniture II
10. Fourniture III
11. Cymbale IV
12. Cornet V (ab g0)0
13. Bombarde 16′
14. Trompette 08′
15. Clairon 04′
II Positif C–g3
16. Montre 08′
17. Flûte 08′
18. Bourdon 08′
19. Prestant 04′
20. Flûte 04′
21. Doublette 02′
22. Nazard 223
23. Tierce 135
24. Larigot 113
25. Cornet V(ab c1)0
26. Plein-jeu IV
27. Cymbale III
28. Cromorne 08′
29. Trompette 08′
30. Clairon 04′
III Récit C–g3
31. Principal 08′
32. Cor de nuit 08′
33. Gambe 08′
34. Voix Céleste 08′
35. Flûte 04′
36. Viole 04′
37. Doublette 02′
38. Sesquialtera II
39. Plein jeu IV
40. Cymbale III
41. Voix Humaine 08′
42. Basson Haubois0 08′
43. Bombarde 16′
44. Trompette 08′
45. Clairon 04′
Tremblant
IV Echo C–g3
46. Principal 08′
47. Bourdon 08′
48. Flûte 04′
49. Doublette 02′
50. Nazard 223
51. Tierce 135
52. Piccolo 01′
53. Cymbale III0
54. Trompette 08′
55. Clairon 04′
Pédalier C–g1
56. Principal 32′
57. Montre (=Nr. 1)0 16′
58. Soubasse 16′
59. Montre 08′
60. Bourdon 08′
61. Principal 04′
62. Flûte 04′
63. Flûte 02′
64. Plein jeu V
65. Basson 08′
66. Bombarde 16′
67. Trompette 08′
68. Clairon 04′

Glocken

Im Nordturm der Kathedrale hingen einst sechs Glocken, darunter drei „Bourdons“. Die beiden größten und ältesten Glocken der Kathedrale wogen schätzungsweise 15 und 10 Tonnen. Im Jahre 1793 wurden die Glocken zu Kriegszwecken eingeschmolzen.

Im Nordturm der Kathedrale hängen heute 6 Glocken, die überwiegend in den Jahren 1845 gegossen wurden. Sie haben die Schlagtöne g0, h0, d1, e1, fis1 und g1.[18][19]

Besonderheiten


Von den zahlreichen Besonderheiten der Kathedrale von Chartres seien hier nur einige wenige erwähnt:

Literatur


Weblinks


Commons: Kathedrale von Chartres  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Frayling, Christopher: Geheimnisvolle Welt - Eine Reise durch das Mittelalter, vgs Köln 1995, S. 57, ISBN 3-8025-1301-0.
  2. Hans-Egon Müller: Notre-Dame von Chartres: über Sinn und Geist der gotischen Architektur. Books on Demand, 2003 (google.de ).
  3. Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Gotik. Architektur – Skulptur – Malerei. Köln 1998, S. 301
  4. Sauerländer, Willibald in: Funkkolleg Kunst, Studienbegleitbrief 1, 1984, S. 155
  5. Sauerländer, Willibald in: Funkkolleg Kunst, Studienbegleitbrief 1, 1984, S. 139
  6. Zitiert in: Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Gotik. Architektur – Skulptur – Malerei. Köln 1998, S. 302
  7. Architektonische Formenlehre. Darmstadt 1980, S. 101
  8. Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Gotik. Architektur – Skulptur – Malerei. Köln 1998, S. 54
  9. Sauerländer, Willibald in: Funkkolleg Kunst, Studienbegleitbrief 1, 1984, S. 155.
  10. Binding, Günther: Architektonische Formenlehre. Darmstadt 1980, S. 126 ff.
  11. a b Pevsner, Nikolaus: Europäische Architektur von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 3. Auflage 1997, S. 160.
  12. Nußbaum, Norbert: Deutsche Kirchenbaukunst der Gotik. Entwicklung und Bauformen. Köln 1985, S. 24.
  13. Simson, Otto von: Die gotische Kathedrale. Darmstadt 1956 3. Auflage 1979, S. 288.
  14. Vgl. Malcolm Miller: Chartres Cathedral. ISBN 0-85372-792-9, S. 49.
  15. Simson, Otto von: Die gotische Kathedrale. Darmstadt [1956] 3. Auflage 1979, S. 283.
  16. Eine Vorstufe dazu findet sich in Ilbenstadt, s. Binding, Günther: Was ist Gotik? Eine Analyse der gotischen Kirchen in Frankreich, England und Deutschland 1140 – 1350. Darmstadt / Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000, S. 230.
  17. Ausführliche Informationen zur Orgel
  18. Informationen zu den Glocken (französisch)
  19. Videoaufnahme des Geläutes




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