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Höflichkeit

Die Höflichkeit oder Zivilisiertheit ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll. Ihr Gegenteil ist die Grobheit oder Barbarei.

Sozial gehört sie zu den Sitten, soziologisch zu den sozialen Normen. Das Wort hat sich aus dem Begriff „höfisch“ entwickelt, das die Lebensart am frühneuzeitlichen Hof bezeichnete.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines


Im Gegensatz zur Freundlichkeit, mit der man vertraute Menschen behandelt, ist die Höflichkeit stark durch gesellschaftliche Normen und Umgangsformen geprägt und drückt sich oft durch respektvolle Distanz aus. Je nach Kultur und Epoche finden sich sehr unterschiedliche Ausprägungen dessen, was als höflich gilt. Allgemein gültige Höflichkeitsregeln, die für alle Kulturen gelten, lassen sich daher nicht finden. Eine zusammenfassende allgemeine Definition lautet in an Arthur Schopenhauer angelehnter Formulierung: „Höflichkeit ist ein sprachliches oder nichtsprachliches Verhalten, das zum normalen Umgang der Menschen miteinander gehört und den Zweck hat, die Vorzüge eines anderen Menschen indirekt zur Erscheinung zu bringen oder ihn zu schonen, wenn er vielleicht nicht vorzüglich sein will.[1] Die zugehörigen Verhaltensformen bezeichnet man – technisch, das heißt nicht moralisch wertend – entweder als negative oder als positive Höflichkeit: „‚negative Höflichkeit‘, die auf Schonung und Entlastung des anderen bedacht ist“, im Gegensatz zur „‚positive[n] Höflichkeit‘, die Sympathie, Aufmerksamkeit und Neugierde für den anderen zeigt.“[2] Eine solche gerade nicht distanziert-kühle Höflichkeit wird auch als „Herzenshöflichkeit“ bezeichnet (vgl. das Taktgefühl). Der französische Moralist Joseph Joubert sagte dazu: „Für den Menschen ist seine Güte der schönste Schmuck, der ist nicht ausreichend Mensch, wer nicht ausreichend gut erzogen ist.“

Historisch entwickelte sich die Höflichkeit im Prozess der Zivilisation (Norbert Elias) im spätmittelalterlichen Übergang zur Neuzeit, zuerst bei Hofe, wo die Rohheit und Gewalttätigkeit des Feudaladels zur höfischen Courtoisie des Hofadels gebändigt wurde.

Höflichkeit ist eine Strategie im Rahmen des von Erving Goffman geprägten Begriffs des Facework.[3]

Beispiele


Einige wenige Beispiele von Höflichkeitsnormen, die in den meisten westlichen Gesellschaften allgemein gängig sind:

Moralphilosophische Definitionen und Empfehlungen


Der Moralphilosoph Friedrich Paulsen gab folgende klare und prägnante Definitionen und Empfehlungen:

Höflichkeit als Beachtung des jeweiligen Verkehrs-Zeremoniells:
Sei höflich, d. h. gewöhne dich daran, das Verkehrszeremoniell zu beachten, das die Gesellschaft, d. h. hier die Gesamtheit derer, die durch geselligen Verkehr miteinander verbunden sind, wie jede Organisation hervorbringt. Durch das Verkehrszeremoniell wird allgemein verbindlich vorgeschrieben, wie der einzelne sich im geselligen Verkehr benehmen soll, wann und wie er

Es ist die Aufgabe des Verkehrszeremoniells, den Störungen vorzubeugen, die im geselligen Verkehr durch Ungeschick und disziplinlose Selbstsucht hervorgerufen würden.

Anstand:
Wahre den Anstand, d. h. verletze niemanden. Der Anstand gebietet, zu vermeiden, was dem anderen abstoßend, widerwärtig, ekelhaft sein könnte.

Höflichkeit im engeren Sinne (humanitas):
Erstrebe Höflichkeit im engeren Sinne (humanitas). Der Höfliche kommt dem Fremden mit Zeichen von Achtung und Wohlwollen entgegen und erklärt damit, dass er mit ihm auf einen friedlichen und freundlichen Verkehr einzugehen bereit sei.

Rücksichtslosigkeit und ihre Unterarten:
Meide Rücksichtslosigkeit, das Gegenteil der Höflichkeit. Sie zeigt sich entweder in

Höflichkeit in verschiedenen Kulturen


Judentum

Eine zentrale Rolle spielen Höflichkeit und gute Umgangsformen (hebr. Derech Eretz, דרך ארץ) in der jüdischen Kultur. Die jüdische Religion gebietet es dem Gläubigen, Gott zu ehren, indem er auf die Gefühle anderer Rücksicht nimmt und sensibel dafür ist. Zu den sozialen Feinheiten, zu denen der Einzelne angehalten ist, zählt insbesondere, dass er Menschen, die er kennt, grüßt, dass er sie zu sich nach Hause einlädt (Hachnasat orchim), und dass er über andere – Abwesende eingeschlossen – respektvoll spricht. Höflichkeit und gute Umgangsformen gelten als essenzielles Element einer stabilen und gesunden Gemeinschaft.[5]

Siehe auch


Literatur


Weblinks


WiktionaryWiktionary: Höflichkeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise


  1. Harald Weinrich: Lügt man im Deutschen, wenn man höflich ist? Mannheim–Wien–Zürich: Bibliographisches Institut/Dudenverlag 1986, S. 24 (Hervorhebung i. Orig.). Vgl. Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena: Kleine philosophische Schriften. Bd. 1. In: Ders., Werke in fünf Bänden. Hrsg. von Ludger Lütkehaus. Zürich: Haffmans 1991. Bd. 4, S. 453 sowie Manfred Beetz: Höflichkeit. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 3. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994, Spalte 1476 f.
  2. Weinrich: Lügt man im Deutschen, wenn man höflich ist?, S. 9
  3. Erving Goffman: On face-work: An analysis of ritual elements in social interaction. In: Psychiatry 18 (1955), S. 213–231.
  4. Formen der Höflichkeit und Unhöflichkeit in verschiedenen Sprachkulturen untersucht Silvia Bonacchi (Universität Warschau) in ihrer Studie (Un)Höflichkeit. Eine kulturologische Analyse Deutsch-Italienisch-Polnisch .(Preprint, PDF )
  5. Teaching Your Children about Derech Eretz ; Derech Eretz Precedes Torah (Memento des Originals vom 15. Dezember 2011 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.; Interpersonal Relating & Mitzvos: Derech Eretz (Civil, Polite and Thoughtful Behavior)



Kategorien: Umgangsform | Tugend | Höfische Gesellschaft


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