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Gilgamesch-Epos




Das Gilgamesch-Epos ist der Inhalt einer Gruppe literarischer Werke, die vor allem aus dem babylonischen Raum stammt und eine der ältesten überlieferten, schriftlich fixierten Dichtungen beinhaltet. Das Gilgamesch-Epos in seinen verschiedenen Fassungen ist das bekannteste Werk der akkadischen und der sumerischen Literatur.

Als Gesamtkomposition trägt es den ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. belegten Titel „Derjenige, der die Tiefe sah“ (ša naqba īmuru). Eine vermutlich ältere Fassung des Epos war unter dem Titel „Derjenige, der alle anderen Könige übertraf“ (Šūtur eli šarrī) bereits seit altbabylonischer Zeit (1800 bis 1595 v. Chr.) bekannt.

Die umfassendste erhaltene Version, das sogenannte Zwölftafel-Epos des Sîn-leqe-unnīnī, ist auf elf Tontafeln aus der Bibliothek des assyrischen Königs Aššurbanipal erhalten. Eine zwölfte Tafel mit einem Auszug aus dem eigenständigen Gedicht Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt wurde dem Epos angehängt. Von den einst über 3000 Versen des Epos sind nicht ganz zwei Drittel aus verschiedenen Überlieferungssträngen bekannt.

Das Epos schildert die Geschichte Gilgameschs, eines Königs von Uruk, seine Heldentaten und Abenteuer, seine Freundschaft zu Enkidu, dessen Tod und Gilgameschs Suche nach der Unsterblichkeit. Am Ende muss der Held einsehen, dass Unsterblichkeit nur den Göttern gegeben, Leben und Sterben aber Teil der menschlichen Natur ist. Rainer Maria Rilke nannte es das „Epos der Todesfurcht“.[1]

Das vorhandene Schriftmaterial erlaubt die Rückdatierung der ursprünglichen Fassung bis mindestens in das 18. Jahrhundert v. Chr., reicht aber wahrscheinlich in die Abfassungszeit des Etana-Mythos im 24. Jahrhundert v. Chr. zurück.[2] In immer neuen Anpassungen und Redaktionen wurde das Epos den historischen Bedingungen der jeweiligen Zeit angeglichen. Es war über Jahrhunderte grundlegende Schullektüre im Vorderen Orient und wurde selbst ins Hethitische und Hurritische übersetzt. Noch der um 200 n. Chr. schreibende Römer Aelian erwähnt Gilgamesch, von ihm Gilgamos genannt, als mythischen König der Babylonier.[3]

Inhaltsverzeichnis

Wiederentdeckung


Die ersten Tontafeln mit Fragmenten des Gilgamesch-Epos wurden 1853 von Hormuzd Rassam gefunden. George Smith (1840–1876) übersetzte sie 1872 und gilt daher als der eigentliche Wiederentdecker des Gilgamesch-Epos. Smith übersetzte das Fragment, das sich mit der Überflutung der Erde beschäftigte und sehr große Ähnlichkeiten zum Bericht der Sintflut im Buch Genesis (Gen 7,10–24 EU und Gen 8,1–14 EU ) der Bibel aufweist. Dieses Fragment ist ein Teil der elften und letzten Tafel des Gilgamesch-Epos. Damit wurde die Hypothese gestärkt, dass die Bibel diesen Text in veränderter Form übernommen hatte.

Übersetzung


Der Text des Epos musste aus verschiedenen Fragmenten rekonstruiert werden, wobei größere Lücken (Lacunae) bestehen blieben. Da die verschiedenen Fragmente in verschiedenen Sprachen (altbabylonischem Akkadisch, Hurritisch und Hethitisch) verfasst worden waren, ergaben sich Übersetzungs- und Zuordnungsschwierigkeiten. Einige Textstellen waren nicht erhalten und mussten rekonstruiert werden. Häufig war auch die Bedeutung wichtiger Begriffe nicht bekannt.

Erst S. N. Kramer, Sumerologe aus Philadelphia (USA), stellte große Teile der sumerischen Mythendichtungen in einen sinnvollen Zusammenhang. Die erste vollständige deutsche Übersetzung erstellte Alfred Jeremias im Jahr 1891. 1934 wurde das Epos von Albert Schott erneut übersetzt. Schott hat die Personennamen des Epos vereinheitlicht, so dass sich der Name Gilgamesch auch für die älteren Erzählungen durchsetzte, die im Original den Namen dGIŠ-gím-maš verwenden. Das gleiche gilt für die Namenspaare Ḫuwawa/Ḫumbaba und Sursun-abu/Ur-šanabi.

Mit einer neuen wissenschaftlichen Edition stellte der Londoner Altorientalist Andrew R. George im Jahr 2003 die textkritische Erforschung des Gilgamesch-Epos auf eine neue Grundlage. Aus über 100 Textfunden, die inzwischen neu übersetzt worden waren, ergab sich eine Neubewertung des überlieferten Textes. Zusätzlich konnten zwischen 2003 und 2005 fünf weitere Bruchstücke übersetzt werden. Der Assyriologe Stefan Maul legte im Jahr 2005 eine umfassend überarbeitete, neue, poetische Übersetzung vor, die Ergänzungen, persönliche Interpretationen und Erweiterungen zu den älteren Übersetzungen des Gilgamesch-Epos enthält.

Fassungen des Stoffes


Sumerische Erzählkränze

Älteste literarische Bearbeitungen des Gilgamesch-Stoffes stammen aus den sumerischen Städten in Mesopotamien. Aus dieser frühen Zeit sind einige Tontafeln in sumerischer Keilschrift mit Fragmenten mehrerer Texte bekannt:

Fassungen in babylonischer Sprache

Altbabylonisch

Bisher sind nur kleine Bruchstücke bekannt geworden. Es zeichnet sich ab, dass bereits vor der ersten Dynastie Babyloniens beziehungsweise vor der Isin-Larsa-Zeit ein erstes Epos aus den sumerischen Stoffen um Gilgamesch erstellt wurde, das später mehrfach ausgebaut und variiert wurde. Der Held wird in der altbabylonischen Zeit mit dem Zeichen „Giš“ geschrieben, allerdings wohl „Gil“ ausgesprochen.[4]

Inhaltlich lassen sich die Stücke verschiedenen Passagen zuordnen und so in eine Reihenfolge bringen:

Ob darüber hinaus weitere Tafeln zu dieser altbabylonischen Fassung des Epos gehören, ist unklar. Funde weiterer Fragmente deuten darauf hin, dass eventuell zwei oder mehr verschiedene Fassungen dieses Textes existierten.

Neben dem Sintfluthelden Uta-na’ištim gibt es im Altbabylonischen das ältere Atraḫasis-Epos über die Sintflut, das außerhalb der Gilgamesch-Tradition steht.

Mittelbabylonisch

Unter der kassitischen Dynastie verbreitete sich das Epos bis nach Hattuša und Megiddo. Es wurde über das Hurritische auch in das Hethitische übersetzt. Bisher lässt sich noch kein einheitliches Epos rekonstruieren.

Hattuša
Dort wurden mittelbabylonische Fragmente gefunden, die von der Ankunft Enkidus in Uruk und dem Zug zum Zedernwald berichten. Ebenfalls finden sich Spuren vom Abenteuer mit dem Himmelsstier. Die Fragmente brechen mit einem Traum Enkidus von einer Götterversammlung ab. Neben diesen mittelbabylonischen Fragmenten fand sich eine hethitische Nacherzählung, die wohl nicht direkt, sondern über eine hurritische Fassung, von der sich hier ebenfalls eine Spur gefunden hat, angefertigt wurde.[14]
Ugarit: Stück eines neuen Prologs und Fragment aus dem Kampf mit Ḫuwawa.[13]
Megiddo und Ur
Fragmente, die auf den Tod Enkidus Bezug nehmen (Traum von der Unterwelt und Flüche).[13] Diese Stücke sind neu und zeigen die Entwicklung vom sumerischen „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ zur neubabylonischen Fassung.
Nippur und Emar
Bereits bekannte Stücke betreffen die Abreise zum Zedernwald und die dortigen Kämpfe.[13]

Neubabylonisch

Das Zwölftafel-Epos wurde im Alten Orient einem Schreiber des Namens Sîn-leqe-unnīnī zugeschrieben, welcher der „Sekretär“ des Gilgamesch gewesen sei.[15] Von der assyriologischen Forschung wird dieser zumeist als Endredaktor verstanden, welcher bei der Endkomposition des Textes auf ältere, fast identische Werke zurückgegriffen und frühestens im 12. Jahrhundert v. Chr. gelebt hätte – beide Annahmen können jedoch nicht bewiesen werden. Die Endversion des Epos mit etwa 3600 Verszeilen wurde vermutlich in Uruk auf elf Tafeln niedergeschrieben. Der Großteil des Werkes ist durch Tontafel-Fragmente aus der Bibliothek Assurbanipals (669 v. Chr.–627 v. Chr.) in Ninive überliefert, denen eine zwölfte Tafel angehängt wurde, welche eine wortgetreue Übersetzung von „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ enthält.

Die hethitische Fassung

Die hethitische Fassung des Epos ist nur sehr bruchstückhaft erhalten (einige Dutzend Bruchstücke von Tafeln), obwohl die Anzahl der Duplikate zeigt, dass das Werk wohl sehr bekannt gewesen sein muss. In der Hauptstadt Hattuša sind außerdem zwei akkadische Versionen gefunden worden, und einige hurritische Fragmente weisen ebenfalls Textbezüge auf.

Gegenüber den mesopotamischen Versionen des Epos ist die hethitische Version deutlich vereinfacht und entbehrt vieler Details sowie einer ganzen Reihe von Nebencharakteren. Die hethitische Version umfasst drei Tafeln, aber der Text ist an vielen Stellen unzusammenhängend, weil von den Tafeln zu wenig erhalten ist.

Das Epos


Gilgamesch war nach sumerischer Überlieferung König der sumerischen Stadt Uruk; zu einem Drittel menschlich und zu zwei Dritteln göttlich. Sein Name bedeutet Der Vorfahr war ein Held beziehungsweise Der Nachkomme ist ein Held. Das Epos erzählt, abhängig von der jeweiligen Fassung, von seinen Helden­taten mit dem von der Göttin Aruru erschaffenen menschenähnlichen Wesen Enkidu (das oft als Freund, mitunter aber auch nur als Diener in den Texten erscheint), thematisiert aber vor allem seine Suche nach Unsterblichkeit.

Eine Reihe anderer altorientalischer Werke weisen auffällige Ähnlichkeiten zur Gilgamesch-Erzählung auf. Dazu zählen auch interessante Parallelen in der späteren biblischen Überlieferung. So erinnert die Figur des biblischen Noach stark an den göttlich auserwählten Helden Utnapischtim.[16] In der Genesis Kapitel 6 EU findet sich auch das Motiv der Söhne Gottes, die sich auf der Erde materialisiert haben und Beziehungen mit Menschenfrauen eingegangen sind. Die dabei gezeugten Kinder werden „Nephilim“ genannt und als eine Art „Halbgötter“ beschrieben, die für ihre übermenschliche Stärke und ihren aufbrausenden und schlechten Charakter bekannt sind.

Es lassen sich auch Entsprechungen im griechischen Götterhimmel mit seinen Titanen und Halbgöttern finden, besonders in den menschlichen Kindern des Zeus, die dieser den Göttersagen zufolge nach Lust und Laune mit sterblichen Frauen gezeugt haben soll.

Der Inhalt des Zwölftafel-Epos


Tafel I

Gilgamesch, der Held der Geschichte, ist zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch. Er besitzt außergewöhnliche physische Kräfte, wird als furchtloser und ungehobelter Tatmensch geschildert und herrscht als König in Uruk. Sein Werk ist dessen gewaltige Stadtmauer, auf der eine Stele von seinen Taten kündet. Sein despotischer Regierungsstil und die bedrückenden Lasten, die mit seinen Bauprojekten verbunden sind, führen insbesondere zur Verärgerung der Frauen von Uruk, die sich bei der Göttin Ištar beschweren.[17] Um den Herrscher zu bändigen, erschafft die Muttergöttin Aruru gemäß der Anordnung des Himmelsgottes An, Vater der Ištar, aus Lehm Enkidu, der zunächst als wildes, menschenähnliches Wesen in der Steppe bei Uruk mit den Tieren der Wildnis zusammenlebt.[17] Gilgamesch erhält mittels zweier Träume Kenntnis von Enkidu. Gilgameschs Mutter Ninsun, Traumdeuterin und Wissende der Zukunft, weist Gilgamesch auf die bevorstehende Ankunft des Enkidu in Uruk hin, der später sein Bruder werden wird. Gilgamesch ist von Ninsuns Mitteilung erfreut und erwartet ungeduldig die Ankunft Enkidus.

Ein Fallensteller[18] entdeckt Enkidu, der als Schützer der Wildtiere die Herde vor den tödlichen Anlagen des Fallenstellers bewahrt. Dessen Vater rät ihm, nach Uruk zu gehen und Gilgamesch um die Entsendung der Dirne[19] Šamḫat zu bitten, die durch sexuelle Verführung von Enkidu seine Herde ihm entfremden soll.[20] Gilgamesch wiederholt die Worte des Vaters vom Fallensteller bezüglich Šamḫats, die mit dem Wissen um den ursprünglichen Götterauftrag, Enkidu nach Uruk als Widerpart von Gilgamesch zu führen, sich mit dem Jäger in die Steppe begibt.[21] Als Enkidu Šamḫat entdeckt, erliegt er ihren Verführungskünsten. Nach dem folgenden einwöchigen Liebesspiel flieht, wie vom Vater des Fallenstellers vorhergesagt, Enkidus Herde in die Weiten der Steppe und lässt ihn allein. Šamḫat kann Enkidu überzeugen, mit ihr nach Uruk zu gehen.

Tafel II

Während eines Zwischenaufenthaltes in einem Hirtenlager nahe Uruk lernt Enkidu die menschliche Nahrung und das Bier kennen.[22] Zuvor hatte er im Beisein von Šamḫat den Verstand erworben.[23] Enkidu wandelt sich unter anderem durch das Wirken eines Barbiers endgültig zu einem Menschen.[24] In Uruk angekommen, treffen Enkidu und Gilgamesch aufeinander. Der sich anschließende Kampf endet unentschieden. Ermüdet von der Auseinandersetzung, sinken die beiden Helden nieder und schließen Freundschaft. Gilgamesch und Enkidu nehmen sich vor, gemeinsam eine Heldentat zu vollbringen und Ḫumbaba, den Hüter des Zedernwaldes, zu töten, um in Ištars Wald Zedern zu fällen.

Tafel III

Gilgameschs Mutter Ninsun bittet angesichts der bevorstehenden Gefahren den Sonnengott Šamaš um Hilfe und erklärt Enkidu durch Adoption zu ihrem Sohn. Zusätzlich versieht sie Enkidu im Nacken mit ihrem göttlichen Zeichen als Schutzsymbol.

Tafel IV

Nunmehr als Brüder machen sich Gilgamesch und Enkidu auf den Weg. Fünf Tage sind sie unterwegs, graben abends einen Brunnen und Gilgamesch bittet jeden Abend um einen Traum, aus dem er jedes Mal erschrocken erwacht. Enkidu deutet seine Träume und beruhigt Gilgamesch auf diese Weise. Schließlich verkündet Šamaš, dass Ḫumbaba außerhalb seines schützenden Waldes sei.

Tafel V

Gilgamesch und Enkidu finden Ḫumbaba, können ihn nach schrecklichem und gefahrvollem Kampf mit der Hilfe von Šamaš überwinden. Der von dreizehn Winden des Sonnengottes festgehaltene Ḫumbaba bittet um sein Leben, wird aber, weil er Enkidu beleidigt hatte, schließlich getötet, wobei er kurz vor seinem Ende noch Enkidu verflucht. Aus einer gefällten Zeder fertigen sie eine Tür für den Tempel des Enlil.

Tafel VI

Als Ištar den zurückgekehrten Helden Gilgamesch erblickt, verliebt sie sich in ihn. Doch Gilgamesch weist sie zurück. Erbost darüber geht sie zum Göttervater Anu und verlangt, den Himmelsstier auszusenden, um Gilgamesch zu töten. In Uruk angelangt, richtet das Ungeheuer schlimme Zerstörungen an. Der Stier tötet Hunderte von Uruks Männern, bis Enkidu und Gilgamesch den Kampf aufnehmen und ihn töten. Gilgamesch prahlt, nennt sich den gewaltigsten aller Helden und verhöhnt Ištar. In der folgenden Nacht schreckt Enkidu aus einem Traum auf.

Tafel VII

Ihm träumt, die versammelten Götter seien sich einig, dass die beiden jetzt zu weit gegangen sind. Sie beschließen, die beiden zu bestrafen, indem sie Enkidu sterben, Gilgamesch aber leben lassen werden. Enkidu erkrankt. Sein Schicksal vor Augen verflucht er die zederne Tür, die er für Enlil gefertigt hat, er verflucht den Fallensteller und die Dirne Šamḫat, derentwegen er die Wildnis aufgegeben habe. Als Šamaš ihn darauf hinweist, dass er ohne diese Wendung Gilgamesch nie kennengelernt und zum Freund gewonnen hätte, verzeiht er ihnen. Bereits in der ersten Nacht seines Todeskampfes träumt er von einem Dämon, der ihn in die Unterwelt verschleppt zu Ereškigal, die Enkidu mit ihrem akkadischen Beinamen Irkalla nennt. Enkidu bittet im Traum Gilgamesch um Hilfe, der diese jedoch aus Angst verweigert. Nach zwölf Tagen stirbt Enkidu.

Tafel VIII

Gilgamesch trauert um seinen Freund, beklagt seinen Verlust. Er gibt eine Statue Enkidus in Auftrag, bahrt den Freund auf und sucht die Geschenke für die Götter der Unterwelt aus, die einzeln aufgezählt werden. Schließlich lässt er für den Grabbau den Fluss aufstauen, in dessen Mitte der Freund bestattet werden soll.

Tafel IX

Der Tod Enkidus macht Gilgamesch seine eigene Sterblichkeit bewusst, eine Aussicht, die ihn in Furcht und Verzweiflung treibt. So begibt er sich auf eine lange Wanderschaft, um in der Fremde das Geheimnis des Lebens zu finden. Er will nicht sterben wie Enkidu, und hofft, dass ihm sein unsterblich gewordener Urahn Uta-napišti dabei helfen kann. Auf der Suche nach diesem berühmten Weisen irrt er zunächst durch die Weite der Steppe und kommt schließlich ganz im Osten zum Berg Mašu. Dort befindet sich das Tor zum „Weg der Sonne/des Sonnengottes“ – in der modernen Forschung bisweilen als Tunnel aufgefasst, da auf seinem allergrößten Teil absolute Finsternis herrscht. Zwei Wesen, die halb Mensch, halb Skorpion sind, bewachen den Eingang des Wegs und fragen Gilgamesch nach seinem Begehren. Er erklärt ihnen, dass er Uta-napišti nach Leben und Tod fragen wolle. Sie antworten, dass dies noch keinem gelungen sei, geben aber den Zutritt zum zwölf „Doppelstunden“ langen Weg frei. Nach elf „Doppelstunden“ auf dem Weg in absoluter Finsternis setzt die Dämmerung ein, nach zwölf „Doppelstunden“ ist es wieder hell und der Held gelangt in einen Garten voller Edelsteinbäume.

Tafel X

Er begegnet der göttlichen Siduri, die hier am nahegelegenen Meer der jenseitigen Welt eine Schänke betreibt. Obwohl sie sich vor Gilgameschs ausgezehrtem, finsteren Anblick fürchtet, teilt sie ihm – aus Mitleid – mit, dass Utnapištim mit seiner Frau auf einer Insel wohnt, rings umgeben vom Wasser des Todes, welches die Unsterblichen sicher vor ungebetenen Gästen bewahrt. Nur Ur-šanabi, der Fährmann Uta-napištis, kenne das Mittel, dies Hindernis unbeschadet zu überschiffen. Als Gilgamesch bei Ur-šanabi und seinen Fährgehilfen, den üblicherweise die Überfahrt besorgenden Steinernen, ankommt, verweigern die Steinernen die Hilfe; er zerschlägt sie und erbittet vom Fährmann, er möge ihn auf die Insel übersetzen. Dieser erklärt, dass es die Steinernen waren, die die Stocherstangen herstellten und bedienten, ohne die die Überfahrt unmöglich sei; daher komme jetzt dem König selbst die Aufgabe zu, beide Arbeiten zu übernehmen. 300 Zedern muss er fällen, ebenso viele Stocherstangen aus den Stämmen herstellen. Nach Abfahrt weist der Fährmann Gilgamesch an, jede der gerade benutzten Stangen im Meeresboden hinter sich stecken zu lassen, um ja nicht mit dem tödlichen Wasser in Berührung zukommen. Als die letzte Stange aufgebraucht ist, haben sie die Insel noch nicht erreicht. Gilgamesch zieht Ur-šanabis Kleid aus und hängt es wie ein Segel zwischen seinen Armen auf. So erreichen sie Uta-napišti, dem Gilgamesch sein Anliegen vorträgt und von seiner Trauer um Enkidu berichtet. Uta-napišti erklärt Gilgamesch, dass die Götter die Schicksale bestimmen, Tod und Leben zuteilen, den Todestag aber nicht preisgeben.

Tafel XI

Gilgamesch fragt Uta-napišti, warum er, der ihm doch in allem gleiche, unsterblich sei. Darauf verrät Uta-napišti ein Geheimnis und erzählt die Geschichte einer Flutkatastrophe. Eine vollständig erhaltene Fassung der Tafel ist nicht vorhanden. Deshalb musste die Handlung aus sumerischen, babylonischen, akkadischen, hurritischen und hethitischen Überlieferungsfragmenten rekonstruiert werden. Demnach sucht Gilgamesch seinen Urahnen auf, der in der sumerischen Fassung der Erzählung Ziusudra heißt und ihm die Geschichte von der Flut erzählt (Rahmenhandlung).

Dieser Erzählung zufolge hatte der Gott Enki den Menschen Ziusudra vor einer Flut gewarnt, die alles Leben vernichten wird, und ihm geraten, ein Schiff zu bauen. Verkompliziert wird die Situation dadurch, dass Enki den anderen Göttern zuvor hatte schwören müssen, über die kommende Katastrophe Stillschweigen zu bewahren. Um seinen Eid nicht zu brechen, wendet Enki eine List an und redet nicht unmittelbar mit dem Menschen, sondern spricht seine Worte gegen die aus Schilf bestehende Wand des Hauses, in dem Ziusudra schläft. So wird Ziusudra im Schlaf in Form eines Traumes vor der Gefahr gewarnt. Er folgt daraufhin den erhaltenen Befehlen Enkis aus dem Traum, reißt sein Haus ab und baut aus dem Material ein Boot. Auf ausdrückliche Weisung Enkis verrät er den anderen Menschen nichts von dem drohenden Untergang. In das Boot lässt Ziusudra nun die Tiere der Steppe, seine Frau und seine gesamte Sippe einsteigen. Die babylonische Fassung berichtet im weiteren Verlauf über den Ablauf der Katastrophe, die in Form einer Flut[25] über das Land hereinbricht und es untergehen lässt. Nach dem Ablaufen des Wassers werden Ziusudra und seine Frau von Enlil für die Rettung der Lebewesen dadurch belohnt, dass beide vergöttlicht werden und ein göttliches Leben auf der Götterinsel „Land der Seligen“ führen dürfen. Im Gilgamesch-Epos wird Šuruppak im unteren Mesopotamien als der Ort angegeben, von dem die Flut ihren Ausgang nahm.[26]

Nun setzt die Rahmenhandlung wieder ein. Nach dem Anhören der Geschichte fordert Uta-napišti von Gilgamesch, den Schlaf, als kleinen Bruder des Todes, sechs Tage und sieben Nächte zu bezwingen, doch Gilgamesch schläft ein. Während seines Schlafes legt die Frau Utanapištis täglich ein Brot an sein Bett, damit er sein Scheitern erkenne. Nachdem er aufgewacht ist und sein Scheitern hat erkennen müssen, erklärt Uta-napišti ihm zumindest, wo sich die Pflanze der ewigen Jugend befindet. Gilgamesch gräbt ein Loch und taucht in den Abzu genannten, unter der Erde befindlichen Süßwasserozean. Schnell findet er das Gewächs und löst seine Tauchgewichte. Beim Auftauchen wirft ihn die Flut an das Land der diesseitigen Welt, wo Ur-šanabi auf ihn wartet. Sie machen sich auf den Weg zurück in die Heimat. Dort will Gilgamesch die Wirkung der Pflanze zunächst an einem Greis testen. Als er an einem Brunnen rastet, ist er jedoch unvorsichtig und eine Schlange kann ihm die Pflanze der ewigen Jugend stehlen, worauf sie sich häutet. Betrübt und niedergeschlagen kehrt er nach Uruk zurück, bereichert um die Kenntnis, dass er sich nur durch große Werke als guter König einen unsterblichen Namen erwerben kann. In Uruk angekommen, fordert er Ur-šanabi auf, die Stadtmauer von Uruk, von der bereits auf Tafel I berichtet wurde, zu besteigen und zu bestaunen.

Moderne Rezeption


Im Gegensatz zu vielen griechisch-römischen Mythen wurde der Gilgamesch-Stoff erst spät, d. h. ab etwa dem zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts, für Musik (als Opern, Oratorien) und Literatur (insbesondere Fantasy­romane) als Sujet entdeckt.

Literatur

Thomas Mann hat in seiner Tetralogie Joseph und seine Brüder (ab 1933), der Bibelforschung seiner Zeit folgend, die unter anderem nach Vorlagen der biblischen Motive suchte, Elemente der Gilgamesch-Mythologie in die Josephs-Legende verwoben. Hans Henny Jahnns Romanzyklus Fluss ohne Ufer (ab 1949) basiert in wesentlichen Motiven auf dem Gilgamesch-Epos.

1984 und 1989 veröffentlichte der amerikanische Science-Fiction-Autor Robert Silverberg die Fantasy-Duologie Gilgamesh the King (dt. König Gilgamesch) und To the Land of the Living (dt. Das Land der Lebenden), in der Gilgamesch und Enkidu in der Unterwelt weiter zusammenleben, sich entzweien und mit der Hilfe von Albert Schweitzer wieder zusammenfinden. Im zweiten Teil, Das Land der Lebenden, spinnt Silverberg die Gilgamesch-Erzählung in Anlehnung an den Flusswelt-Zyklus von Philip José Farmer weiter, indem er Gilgamesch in einem Totenreich „wiederauferstehen“ lässt, das sich nur geringfügig von unserer heutigen Welt unterscheidet. Sämtliche Toten unserer Welt, aus allen Zeitaltern der Geschichte, sind dort versammelt. So trifft Gilgamesch nicht nur auf Platon, Lenin, Albert Schweitzer, Picasso und viele andere – sondern auch auf seinen Freund Enkidu, nur um ihn allerdings kurz darauf wieder zu verlieren.

Zu den modernen Interpretationen des Mythos zählen auch der 1988 erschienene Roman Gilgamesch, König von Uruk von Thomas R. P. Mielke, der eine weitere Variante des Epos erzählt, Stephan Grundys Roman Gilgamesch von 1998 sowie das 2001 erschienene Drama Gilgamesh von Raoul Schrott, wobei letzteres allerdings von der Fachwelt sehr negativ bewertet wurde.[27]

Außerdem erschien 2006 Gilgamesh: A Verse Play (Wesleyan Poetry) von Yusef Komunyakaa.

Musik

Das Gilgamesch-Epos ist mehrfach vertont worden. 1957 wurde im Wiener Musikverein das Oratorium Gilgamesch von Alfred Uhl uraufgeführt, 1958 in Basel The Epic of Gilgamesh von Bohuslav Martinů (komponiert im Winter 1954/55). Von 1964 ist die Oper Gılgamış von Nevit Kodallı, in türkischer Sprache, ebenso Gılgameş (1962–1983), komponiert von Ahmed Adnan Saygun. Von 1998 gibt es ein Tanzoratorium nach dem Gilgamesch-Epos mit dem Titel Die Ordnung der Erde von Stefan Heucke.[28] Die Oper Gilgamesh (komponiert 1996–1998) von Volker David Kirchner wurde 2000 an der Niedersächsischen Staatsoper in Hannover uraufgeführt.[29] Wilfried Hiller schuf 2002 ein Vokalwerk nach dem Gilgamesch-Epos mit dem Titel Gilgamesch für Bariton und Instrumente.

Bildende Kunst

In der Bildenden Kunst haben 1943 der Maler Willi Baumeister und in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts der Grafiker Carlo Schellemann in jeweiligen Bilderserien dem Gilgamesch-Epos visuell Gestalt gegeben.

Comics & Graphic Novel

Die Figur des Gilgamesch wurde ab 1977 (erstmals in The Eternals #13) desgleichen als Gilgamesh (alias Forgotten One bzw. Hero) in die Marvelcomics übernommen, in welchen er jahrhundertelang unter verschiedenen Namen erscheint und einer der Ewigen – dies sind gottgleiche Geschöpfe – ist; ferner gehört er kurzzeitig den Avengers an. Parallelen zwischen den beiden Figuren sind insofern vorhanden, als dass sie beide gottgleich, von gar übermenschlicher Leibeskraft sowie äußerst groß sind, wenngleich die Comicfigur aus Händen und Augen kosmische Energie abzugeben und zu fliegen vermag und der mythische Gilgamesch ein mächtiger und versierter Herrscher ist, der dessen Furcht vor dem Tod zu überwinden hat.[30]

Auf 358 Seiten erschien 2010 die Gilgamesch-Epos-Interpretation als Graphic Novel illustriert durch den Künstler Burkhard Pfister.

TV

In der Folge Darmok der Star-Trek-Serie Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert (1987–1994) erzählt Captain Picard einem im Sterben liegenden Außerirdischen Teile des Gilgamesch-Epos.

In der American Dad-Folge 90° Nord, 0° West (Staffel 12, Folge 7) versucht der Weihnachtsmann Ḫumbaba zum Leben zu erwecken.

Videospiele

In der Videospielszene erlangte Gilgamesh Bekanntheit durch diverse Auftritte in der seit 1987 erscheinenden japanischen Computer-Rollenspiel-Reihe Final Fantasy, als Gegner oder helfende Hand. Dargestellt als mächtiger gepanzerter Krieger und Schwertsammler, besitzt er im Kampf unter anderem die Macht, Enkidu aus der Unterwelt zu beschwören.

Siehe auch


Literatur


Texteditionen:

Übersetzungen:

Sekundärliteratur:

Weblinks


Commons: Gilgamesch-Epos  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Onlineausgaben und Artikel

Videos

Vertonung

Anmerkungen


  1. Rainer Maria Rilke in einem Brief vom 31. Dezember 1916 an Helene von Nostitz; siehe Rainer Maria Rilke, Helene von Nostitz: Briefwechsel. Herausgegeben von Oswalt von Nostitz. Insel, Frankfurt 1976, S. 99.
  2. Claus Wilcke: Vom göttlichen Wesen des Königtums und seinem Ursprung im Himmel. In: Franz-Reiner Erkens: Die Sakralität von Herrschaft – Herrschaftslegitimierung im Wechsel der Zeiten und Räume: Fünfzehn interdisziplinäre Beiträge zu einem weltweiten und epochenübergreifenden Phänomen. Akademie, Berlin 2002, ISBN 3-05-003660-5, S. 67.
  3. Aelian: De natura animalium 12,24.
  4. a b Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Verlag C.H. Beck, München 2008, S. 42.
  5. a b c d e Wolfram von Soden, Albert Schott: Das Gilgamesch-Epos. Reclam, Stuttgart 1982, S. 115–120, vgl. auch Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Verlag C.H. Beck, München 2008, S. 61–67.
  6. Publiziert in Dina Katz: Gilgamesh and Akka. Styx Publ, Groningen 1993, sowie in AOAT 253, S. 457 ff.
  7. Bislang unpubliziert
  8. Publiziert in Zeitschrift für Assyriologie 80. S. 165 ff.; Zeitschrift für Assyriologie 81. S. 165 ff.; Texte aus der Umwelt des Alten Testaments 3.3. S. 540 ff.
  9. Publiziert in Revue d’assyriologie et d’archéologie orientale 87. S. 97 ff.
  10. Publiziert in Aaron Shaffer: Sumerian sources of tablet XII of the epic of Gilgamesch. University of Pennsylvania, 1963.
  11. Publiziert in Antoine Cavigneaux, Farouk Rawi u. a.: Gilgamesch et la mort. Styx Publ, Groningen 2000.
  12. Wolfram von Soden, Albert Schott: Das Gilgamesch-Epos. Reclam, Stuttgart 1982 Schott-Soden (1982), S. 120–122.
  13. a b c d e Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Verlag C.H. Beck, München 2008, S. 80–82.
  14. a b c Wolfram von Soden, Albert Schott: Das Gilgamesch-Epos. Reclam, Stuttgart 1982, S. 6–8 und S. 26–32; vgl. auch Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Verlag C.H. Beck, München 2008, S. 80–82.
  15. Dies kann ausgeschlossen werden, da semitische Namen wie Sîn-leqe-unnīnī erst deutlich später in Gebrauch kamen
  16. Vgl. 1. Buch Mose (Genesis) Kapitel 6–9 und 11. Tafel Gilgamesch-Epos.
  17. a b Stefan Maul: Das Gilgamesch-Epos. S. 49–50; Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. S. 10.
  18. Der hier gemeinte Fallensteller stellt den Typ des nicht kämpfenden Tierfängers dar, eine in den Steppenlandschaften Mesopotamiens negativ angesehene Tätigkeit; gemäß Stefan Maul: Das Gilgamesch-Epos. S. 157.
  19. Die mesopotamischen Bezeichnungen Dirne, Kurtisanin und Freudenmädchen stellen Bezeichnungen der Tempeldienerinnen Ištars dar, die Bezug auf ihre außerhalb des Tempels vollzogenen normalen Gewerbetätigkeiten nehmen und nicht auf der eigentlichen Tempeltätigkeit fußen. Sie gehören gleichzeitig zum Kultpersonal der jeweiligen Tempel und repräsentieren die sexuelle Libido der Göttin Ištar; gemäß Stefan Maul: Das Gilgamesch-Epos. S. 158.
  20. Der Vater des Fallenstellers zu seinem Sohn sprechend: „Geh, mein Sohn, mit dir führe Šamḫat, die Dirne […] Wenn die Herde eintrifft an der Wasserstelle, soll sie ihre Kleider von sich streifen und ihre Reize zeigen […] Fremd wird ihm seine Herde (dann) sein, in deren Mitte er aufwuchs. [Der Sohn reagierend:] Auf den Rat seines Vaters gab er acht, der Fallensteller ging davon, er begab sich auf die Reise“; gemäß Stefan Maul: Das Gilgamesch-Epos. S. 51.
  21. Der göttliche Auftrag, dass Enkidu Gilgameschs Taten in Uruk ein Ende setzen soll, kommt in der späteren Rede Šamḫats gegenüber Enkidu zum Ausdruck; gemäß Stefan Maul: Das Gilgamesch-Epos. S. 158.
  22. Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. S. 11.
  23. Stefan Maul: Das Gilgamesch-Epos. S. 158.
  24. Der Barbier rasiert und ölt Enkidu ein, der dadurch „so zu einem Menschen geworden“ ist; gemäß Stefan Maul: Das Gilgamesch-Epos. S. 59.
  25. In der Schilderung des Weltuntergangs ist hier von loderndem Feuer, anschließenden Stürmen und nachfolgend einbrechenden Flutwellen die Rede, die an eine Sturmflut oder einen Tsunami erinnern. Von Regenfällen, die nach der Erzählung der Bibel für die Sintflut verantwortlich waren, wird nichts berichtet. Auszug aus der 11. Tafel, nach der Übersetzung von St. Maul (Das Gilgamesch-Epos. 5. Auflage. C.H. Beck Verlag, 2012, ISBN 978-3-406-52870-5, S. 143 f.): „Kaum daß die Morgenröte zu leuchten begann, stieg aus dem Fundament des Himmels eine schwarze Wolke empor. Tief aus ihr brüllte Adad ohne Unterlaß, und es gehen ihm Schullat und Hanisch voran, die ‘Thronträger’ gehen einher über Berg und Land. Errakal reißt die Pflöcke heraus, es geht Ninurta einher. Die Wehre ließ er überquellen. Die Unterweltsgötter erhoben Fackeln, und mit ihrem Feuerglanz setzen sie das Land in Flammen. […] Einen ersten Tag walzte der Sturm das Land nieder. Rasend brauste er einher. Dann aber brachte der Ostwind die Sintflut. Wie ein Schlachtengemetzel ging die Wucht der Flut über die Menschen hinweg. Der Bruder kann seinen Bruder nicht sehen, noch erkennen die Menschen einander in der Vernichtung. Selbst die Götter packte da vor der Sintflut die Angst! Sie wichen zurück, sie hoben sich fort in den Himmel des Anum. […] ‘Wie Fische im Schwarm füllen sie (die Menschen) (jetzt) das Meer!’ […] Sechs Tage und sieben Nächte lang gehen Wind und Wetter, Sturm und Sintflut brausend einher. Doch als der siebente Tag anbrach, da begann der Sturm sich aufzuhellen, die Sintflut nahm ein Ende."“
  26. Die Flut-Geschichte liegt in der neuen und erweiterten Übersetzung von Stefan Maul (Das Gilgamesch-Epos. 5. Auflage. C.H. Beck Verlag, 2012, ISBN 978-3-406-52870-5) vor und ist in dieser Form die Grundlage der hier geschilderten Handlung. In diese Neuübersetzung sind auch Texte aus zwischenzeitlich gefundenen weiteren Tafelfragmente eingeflossen, die nun eine genauere Rekonstruktion der Gilgamesch-Erzählung erlauben; archäologische Funde aus dieser Region bestätigen, dass es in alter Zeit mehrere größere Überschwemmungen des Euphrat und Tigris gab. Ein früher einmal vermuteter Zusammenhang zwischen diesen historischen Überschwemmungen und der legendären Sintflut kann vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft aus betrachtet, aber nicht bestätigt werden.
  27. a b So etwa von Stefan Maul: R. Schrott, Gilgamesh. Epos. Mit einem wissenschaftlichen Anhang von Robert Rollinger und Manfred Schretter, München 2001, in: S. Löffler u. a. (Hrsg.), Literaturen 1/2 2002, S. 62–64.
  28. „Der Schmerzensmann von Uruk – Das Gilgamesch-Epos als Tanz-Oratorium in Gelsenkirchen“, in: Opernwelt, 42,3 (2001) S. 68–69.
  29. Roland Mörchen: „Spiegel des Musiklebens – Volker David Kirchners Gilgamesch in Hannover- Neufassung von Wilfried Hillers Schulamit in Hildesheim uraufgeführt“, in: Das Orchester, 48,9 (2000), S. 45–46.
  30. Alan Cowsill: MARVEL Avengers Lexikon der Superhelden. ISBN 978-3-8310-2759-0, S. 66 (232 S., englisch: MARVEL Avangers The Ultimate Characters Guide. Übersetzt von Lino Wirag, Stefan Mesch).



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