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Ghetto Theresienstadt



Das so genannte Ghetto Theresienstadt wurde während des Zweiten Weltkrieges im von den NS-Behörden im Protektorat Böhmen und Mähren genannten besetzten Teil der Tschechoslowakei durch die deutschen Besatzer im November 1941 in der ehemaligen österreichischen Garnisonsstadt von Theresienstadt (tschechischer Name Terezín) eingerichtet. Es war als Sammel- und Durchgangslager Teil des nationalsozialistischen Zwangslagersystems.[1][2] Die Bezeichnung „Ghetto“ oder „jüdischer Wohnbezirk“ verschleierte den Zweck des Lagers, weil es den Häftlingen einen längeren Aufenthalt suggerieren sollte. Schon 1955 betont H. G. Adler, dass die Bezeichnung Ghetto ausschließlich ein Tarnbegriff der Nationalsozialisten für diese Sonderform eines Konzentrationslagers war, der aber vielfach von anderen übernommen wurde.[3] Das Lager war Teil des NS-Systems zur „Vernichtung“ der Juden, der so verharmlosend titulierten „Endlösung der Judenfrage“. Zunächst sollte es der Aufnahme von Gefangenen aus der Tschechoslowakei dienen, bald wurden jedoch Menschen aus fast ganz Europa dorthin deportiert.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte


Theresienstadt wurde Ende des 18. Jahrhunderts als eine Festungsanlage von Kaiser Joseph II. erbaut. Sie gliederte sich in zwei Teile: die Garnisonsstadt und die Kleine Festung. Nach der Besetzung des zur Tschechoslowakei zählenden Böhmen und Mährens im März 1939 und Bildung des Protektorats Böhmen und Mähren durch das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde im Juni 1940 ein Gefängnis der Gestapo in der Kleinen Festung eingerichtet.

Am 10. Oktober 1941 beschlossen u. a. Adolf Eichmann und Hans Günther, sein Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag“ (ab dem 20. August 1942 Zentralamt für die Regelung der Judenfrage), ganz Theresienstadt in ein Sammel- und Durchgangslager für Juden aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ umzuwandeln. Als solches unterschied es sich zunächst nicht von den Durchgangslagern in den anderen von Deutschland besetzten Ländern. Im Dezember 1941 folgte das Auswanderungsverbot für Juden aus Tschechien. Die ursprüngliche Stadtbevölkerung musste ihre Wohnungen nach einem Räumungsbefehl vom 16. Februar 1942 verlassen. Das „Sammellager (Ghetto)“ in der ehemaligen Garnisonsstadt wurde von der Gestapo sehr schnell mit Juden aus dem gesamten Protektorat gefüllt. Theresienstadt wurde zu einem Lager unter „jüdischer Selbstverwaltung“ erklärt, was praktisch bedeutete, dass die Gefangenen selbst für Unterbringung, Nahrung, medizinische Versorgung oder die Betreuung und Verpflegung der Kinder sorgen mussten. Nur dem Namen nach wurde das Ghetto durch einen „Ältestenrat“ verwaltet, der durch den „Judenältesten“ geleitet wurde. Doch in Wahrheit unterlagen alle Entscheidungen dem von Günther eingesetzten SS-Lagerkommandanten. Günther wiederum unterstand als hoher SS-Führer einerseits in der lokalen Struktur des Protektorats dem Polizeichef und gleichzeitig als Judenbeauftragter dem Referat Eichmanns im Reichssicherheitshauptamt (RSHA).[4]

Die ersten tschechischen Juden wurden als ein Aufbaukommando aus Prager Gefängnissen in das „Sammellager (Ghetto)deportiert. Dieses hatte die Aufgabe, die Nutzung als Lager vorzubereiten und einen „Judenrat“ als interne Verwaltungsorganisation zu schaffen. Die Zahl der hierhin deportierten Juden aus dem Protektorat wuchs rasch an. Schon im Mai 1942 waren mehr als 28.000 Juden deportiert worden und im September 1942 bereits über 58.000 Menschen auf einem Raum interniert, der zuvor 7.000 Einwohner hatte. Davon waren 30.000 Personen Alte und Kranke, von diesen waren 4.000 invalide und 1.000 blind. Viele besaßen nicht einmal einen eigenen Schlafplatz.

Die Gesamtzahl der Personen, die hier bis Mai 1945 eingesperrt wurden, betrug etwa 141.000, darunter 70.000 alte Menschen und 15.000 Kinder. Während der letzten Kriegstage trafen noch einmal 13.000 weitere Gefangene ein, die aus von der SS liquidierten Konzentrationslagern im Deutschen Reich und Polen nach Theresienstadt verfrachtet worden waren.

Die Zahl der Betroffenen gliedert sich folgendermaßen:[5]

Land Zahl der Internierten
Böhmen und Mähren 73.500
Deutsches Reich 42.821
Österreich 15.266
Niederlande 4.894
Slowakei 1.447
Bialystok (Kinder) 1.260
Ungarn 1.150
Dänemark 476
Sonstige 20
Geburten + unbeständige Zugänge 247
Gesamt 141.184

An der Tatsache, dass das Ghetto Teil des Vernichtungsfeldzuges gegen die jüdische Bevölkerung war, änderte sich durch die Propaganda nichts. Ein Viertel der Gefangenen des Ghettos Theresienstadt (etwa 33.000) starben dort vor allem wegen der entsetzlichen Lebensumstände. Etwa 88.000 Häftlinge wurden nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager wie Treblinka, Majdanek oder Sobibor deportiert. Davon überlebten nur ca. 4.000 Menschen den Krieg. Unter den Toten waren auch viele tausend Kinder.

Das weitere Schicksal dieser Menschen in genauen Zahlen:[6]

Abgänge Zahl
in Vernichtungslager deportiert 88.202
in Theresienstadt gestorben 33.456
befreit 1.654
geflohen 764
festgenommen und vermutlich umgebracht 276
am 9. Mai 1945 übriggeblieben 16.832

Am 8. Mai 1945 befreite die Rote Armee das Ghetto.

Kinder in Theresienstadt

Unter den Häftlingen in Theresienstadt befanden sich ca. 15.000 Kinder. Die Häftlingsselbstverwaltung versuchte dafür Sorge zu tragen, dass zumindest die Kinder und Jugendlichen eine Überlebenschance hatten. Sie wurden in sogenannten Kinderheimen untergebracht, erhielten eine etwas bessere Verpflegung zulasten der Überlebenschancen der älteren Menschen und einen geheimen Unterricht von ihren Betreuern (auch madrichim genannt).

Von den Kindern, die in die Vernichtungslager geschickt wurden, überlebten nur 150 das Kriegsende. Von ihnen sind noch Gedichte und Bilder aus dem Ghetto erhalten, die heute Gegenstand eigener Ausstellungen und Veröffentlichungen sind.

Propaganda

Theresienstadt hatte als Konzentrationslager eine Sonderstellung. Für die Nazis diente es als „Vorzeige-“ und „Altersghetto“. Aufgrund dieser Stellung war die Behandlung der Häftlinge in Theresienstadt im Vergleich mit anderen Konzentrationslagern der Nazis vergleichsweise „milde“.

In der Wannsee-Konferenz wurde die Garnisonsstadt als „Altersghetto“ für prominente und alte Juden aus Europa vorgesehen. Sie wurden gezwungen, ihren Wohnraum zu kaufen. Einen großen Teil der Gefangenen stellten aber jüdische Familien, die aus Böhmen und Mähren deportiert worden waren.

Aus Dänemark wurden im Oktober 1943 476 Juden nach Theresienstadt deportiert. Die meisten dänischen Juden konnten noch nach der Besatzung durch Nazi-Deutschland nach Schweden flüchten und wurden dabei von der dänischen Bevölkerung vorbildlich unterstützt (siehe Rettung der dänischen Juden). Als die dänische Regierung auf einer Inspektion des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz bestand, ließ man Theresienstadt monatelang zum „Vorzeigeghetto“ verschönern, um Berichte über Gräueltaten und entsetzliche Lebensbedingungen zu widerlegen.

Um den Eindruck der Überbevölkerung zu nehmen, wurden im Vorfeld des Besuches die Transporte von Häftlingen aus Theresienstadt nach Auschwitz verstärkt. Die im Zuge dieser Aktion nach Auschwitz deportierten Juden wurden dort zunächst im separaten sogenannten „Familienlager“ in Auschwitz-Birkenau untergebracht, um sie bei eventuellen Nachfragen des Roten Kreuzes präsentieren zu können. Nach Ende der Kontrollen wurde dieses Lager liquidiert und die Insassen ermordet.

In Theresienstadt selbst wurden für die Dauer der „Vorführung“ Cafés eingerichtet und eine Kinderoper Brundibár des tschechischen Komponisten Hans Krása einstudiert und aufgeführt.

Im Anschluss wurde der Film Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet inszeniert. Am 26. Februar 1944 wurde mit den Dreharbeiten begonnen. Mit der Regie wurde Kurt Gerron beauftragt. In dem Film sollte gezeigt werden, wie gut es den Juden unter den „Wohltaten“ des Dritten Reiches ging. Nach den Dreharbeiten wurden die meisten Schauspieler und auch Gerron selbst ins Vernichtungslager von Auschwitz deportiert. Am 23. Juni 1944 besuchten der Schweizer Maurice Rossel und die Dänen Frants Hvass und Eigil Juel Henningsen, begleitet von einem deutschen Rot-Kreuz Vertreter und einer Gruppe hochrangiger SS-Offiziere das Lager.[7][8]

Im Zeichensaal der Technischen Kanzlei wurde von bis zu 25 Künstlern neben den offiziellen Arbeiten illegal tausende Zeichnungen und Grafiken über den Ghettoalltag und sein Grauen angefertigt. Als es 1944 gelang, einzelne dieser Zeichnungen in die Schweiz zu schmuggeln, fielen der SS einige Zeichnungen in die Hände. Am 17. Juli 1944 wurden in der „Affäre der Maler von Theresienstadt“ vier der Zeichner festgenommen. Adolf Eichmann warf ihnen persönlich ‚Greuelpropaganda‘ vor, Ferdinand Bloch[9] wurde in der Kleinen Festung nach den Folterungen ermordet, Otto Ungar wurde die rechte Hand verstümmelt[10], danach wurde er zusammen mit Leo Haas und Bedřich Fritta nach Auschwitz deportiert. Leo Haas überlebte als einziger und rettete im Sommer 1945 die vergrabenen und eingemauerten Zeichnungen und Malereien.[11]

Kurz vor Kriegsende gelang es dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz nach langen Verhandlungen mit der SS, Juden aus Theresienstadt in neutrale Länder zu bringen. 1.200 Juden konnten am 6. Februar 1945 in die Schweiz ausreisen. Am 15. April wurden die bis dahin überlebenden dänischen Juden im Rahmen der Rettungsaktion der Weißen Busse nach Schweden entlassen. Für knapp zwei Wochen übergab die SS die Verantwortung für Theresienstadt dem Roten Kreuz, am 8. Mai 1945 befreite die Rote Armee das Ghetto.

Heute ist die ehemalige Garnisonsstadt wieder eine städtische Siedlung; in den Anlagen der Kleinen Festung besteht eine staatliche Gedenkstätte.

Bekannte Gefangene

Kommandanten

Siehe auch


Literatur


Bilder und Texte, die in Theresienstadt entstanden sind

Monographien

Jahrbuch

Weiterführende Literatur

Film


Weblinks


Commons: Ghetto Theresienstadt  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. H. G. Adler: Theresienstadt, Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. J.C.B Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1955.
  2. H. G. Adler: Die verheimlichte Wahrheit. J.C.B Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1958.
  3. H. G. Adler: Theresienstadt. Das Antlitz … , Seite 29 im Wörterverzeichnis
  4. Auschwitz: Geschichte, Rezeption und Wirkung. In: Fritz-Bauer-Institut (Hrsg.): Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Band 1. Campus-Verlag, 1996, ISBN 3-593-35441-1, ISSN 1432-5535 , Karel Margry: Das Konzentrationslager als Idylle: „Theresienstadt“ – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet, S. 319 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2, S. 457/458.
  6. Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2, S. 458.
  7. Wolfgang Benz: Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung, 2013, S. 188.
  8. Miroslav Kárný: Der Bericht des Roten Kreuzes über seinen Besuch in Theresienstadt, Theresienstädter Studien und Dokumente, 3/1996, S. 276–320.
  9. Bloch, Felix (Ferdinand, Friedrich). In: ghetto-theresienstadt.info. Archiviert vom Original am 30. Oktober 2007; abgerufen am 1. Februar 2020. Siehe auch: Ferdinand Bloch auf Webseite der Gedenkstätte Theresienstadt (Memento vom 21. Juni 2014 im Internet Archive)
  10. Ungar, Otto. In: ghetto-theresienstadt.info. Archiviert vom Original am 10. November 2007; abgerufen am 30. November 2019.
  11. Bedřich Fritta – Zeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt. In: jmberlin.de. Abgerufen am 25. September 2019.




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