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Gerhard von Scharnhorst



Gerhard Johann David Scharnhorst, ab 1804 von Scharnhorst (* 12. November 1755 in Bordenau bei Hannover; † 28. Juni 1813 in Prag) war ein preußischer Generalleutnant und Heeresreformer. Nach der Leitung des Kriegsdepartements und des Generalstabs trieb er zusammen mit August Neidhardt von Gneisenau die Heeresreform voran. Dabei umging er die Beschränkung der Heeresstärke durch das Krümpersystem, schaffte das Adelsprivileg auf die Offiziersstellen ab, führte die allgemeine Wehrpflicht ein und gab dem preußischen Heer ein neues Bewusstsein. Als Stabschef Gebhard Leberecht von Blüchers wurde er in der Schlacht bei Großgörschen 1813 schwer verwundet und starb an den Folgen in Prag, wo er Österreich zum Eintritt in die Koalition gegen Napoleon bewegen wollte.[1] Scharnhorst gehört zu den bedeutendsten Heeresreformern der Befreiungskriege und den wichtigsten Traditionslinien der Bundeswehr.[2]

Inhaltsverzeichnis

Herkunft


Gerhard Johann David Scharnhorst wurde am 12. November 1755 in Bordenau bei Hannover als Sohn des Quartiermeisters Ernst Wilhelm Scharnhorst (1723–1782) geboren, der wiederum aus einer alteingesessenen Bordenauer Brinksitzer-, das heißt Kleinbauernfamilie stammte, und dessen Ehefrau Wilhelmine Tegtmeyer (1728–1796), Tochter des Besitzers eines landschaftsfähigen Gutes in Bordenau. Die früheren Besitzer des Gutes, das Ernst Wilhelm Scharnhorst nach einem Rechtsstreit erbte, waren Mitglieder der machtvollen Ständevertretung, genannt die Calenberg-Grubenhagensche Landschaft. Dies setzte noch im 17. Jahrhundert eigentlich Zugehörigkeit zum Adel voraus; später hing aber die „Landstandschaft“ nicht mehr am Adelsprädikat, sondern am Gutsbesitz. Bordenau war nur ein kleines Gut, das nie lohnenden Ertrag abwarf und aus der Sicht der preußischen Gardeoffiziere, die sich später über Scharnhorsts Herkunft mokierten (geadelt erst 1804), nur eine „Klitsche“ war.

Militärische Laufbahn


Scharnhorst besuchte seit 1773 die vom Grafen Schaumburg-Lippe errichtete Militärschule auf dem Wilhelmstein und trat 1778 als Fähnrich in das kurhannoversche Reuterregiment „Estorff“ des Generals von Estorff ein. In dieser Zeit war er in Northeim (damals Nordheim) bei Göttingen stationiert. 1779 wurde Scharnhorst ein Mitglied im Bund der Freimaurer, seine Loge Zum goldenen Zirkel war in Göttingen ansässig.[3]

1782 wurde von Scharnhorst Leutnant in der Artillerie und auf eigenen Wunsch[4] an die Kriegsschule in Hannover berufen,[5] wo er in der im selben Jahr gegründeten Artillerieschule[6] einer ihrer ersten Lehrer[7] und leitender Bibliothekar wurde.[8] 1783 unternahm er eine militärische Studienreise durch Bayern, Sachsen, Baden, Österreich und Preußen. Anschließend verfasste er Berichte über das Bayrische Militär, das in seinen Schriften nicht sehr gut abschnitt, bald darauf wurde er Lehrer an der Kriegsschule und 1792 Stabskapitän.

In den Jahren 1793–1795 machte er an der Spitze einer reitenden Batterie die Feldzüge in Flandern und Holland in der alliierten Armee mit und spielte besonders bei dem Rückzug aus Hondschoote und der Verteidigung Menens eine wichtige Rolle, weshalb er auf Betreiben von General Rudolf von Hammerstein zum Major befördert wurde.

Nach dem Krieg 1796 zum Oberstleutnant befördert, beschäftigte er sich mit literarisch-militärischen Arbeiten (wie für die allseits in Europa anerkannte Zeitschrift Neues Militärisches Journal), in denen er seine Erfahrungen aus den Feldzügen von 1793 bis 1795 verarbeitete. Zudem legte er seinen Vorgesetzten mehrere Denkschriften über Reformen, die seiner Meinung nach in der kurhannoverschen Armee nötig seien, vor. Weil seine Reformvorschläge in Hannover unbeachtet blieben, trat er 1801 als Oberstleutnant der Artillerie in den preußischen Dienst und wurde zum Direktor der Lehranstalt für junge Infanterie- und Kavallerieoffiziere ernannt, auf die sein Unterricht großen Einfluss ausübte. Einige Schüler wurden später seine Freunde und Mitarbeiter bei der Heeresreform, so wie Carl von Clausewitz, Hermann von Boyen, Karl von Grolman und Karl von Müffling.

1802 stiftete er die Militärische Gesellschaft in Berlin, der General Ernst von Rüchel als Präses vorstand. Die Gesellschaft gilt als Keimzelle der Heeresreform.

1804 in den Adelsstand erhoben und zum Obersten befördert, wurde er 1806 als Chef des Stabes zunächst dem General von Rüchel, später dem Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig zugeteilt. Ununterbrochen schrieb er auch in diesen Jahren Denkschriften über Reformen wie z. B. die Einführung einer Nationalmiliz und die Mobilmachung.

In der Schlacht bei Auerstedt führte Scharnhorst die ihm zugeteilten Truppen vortrefflich, wurde jedoch in der linken Seite verwundet und machte den Rückzug Blüchers nach Lübeck mit. In einem Brief an seine Tochter Julie am 22. November 1806 aus Rostock schreibt er:

„Wenn Schmit [sein Diener] bei mir im Wagen schläft, so habe ich die traurige Freiheit, mich ganz dem Ausbruch des Schmerzes zu überlassen. Mich trifft es doppelt, da ich all die Fehler, die Dummheit, die Feigheit kenne, die uns in die jetzige Lage gebracht haben. Der einzige Trost, der innere, ist, daß ich Vorschläge von Anfang an getan habe, wie man unserm Unglück zuvorkommen konnte, die Einrichtung einer Nationalmiliz, der allgemeinen Bewaffnung des Landes im Vorigen Sommer, die Verstärkung der Regimenter, eine engere politische Verbindung. Ebenso habe ich in den Operationen immer den richtigen Gesichtspunkt gezeigt; in der Schlacht selbst habe ich den Teil, bei dem ich war, zum Siege geführt; kurz, ich habe für meine Person tausend mal mehr getan als ich zu tun brauchte.“

Mit Blücher gefangen, aber mit demselben bald wieder ausgetauscht, wohnte er als Generalquartiermeister in L’Estocqs Korps der Schlacht bei Preußisch Eylau bei. Wegen seines tapferen und klugen Einsatzes in der Schlacht wurde er mit dem Pour le Mérite ausgezeichnet. Nach dem Frieden von Tilsit wurde er am 25. Juli 1807 zum Chef des Kriegsdepartements (Kriegsministerium), zum Chef des Generalstabes und zum Vorsitzenden der Militär-Reorganisationskommission ernannt, zu deren wichtigsten Mitgliedern Gneisenau, Grolman, Boyen und Clausewitz gehörten. In dieser Stellung reorganisierte er das Heer von Grund auf, indem er Qualifikationsvoraussetzungen für den Offizierstand einführte, das Werbesystem beseitigte und durch möglichst rasche Ausbildung der Rekruten (dem Krümpersystem) eine starke Reserve schuf sowie dem Soldatenstand zu besserem Ansehen verhalf: durch die Abschaffung der entwürdigenden Prügelstrafe und Verbesserung der Bildung, insbesondere für Offiziere. Er wandelte das Söldnerheer in ein stehendes Volksheer um und bereitete so die Organisation der Landwehr und die Befreiung Deutschlands vor.

Im Juni 1810 musste er aufgrund französischen Drucks „der Form nach“ vom Amt des preußischen Kriegsministers zurücktreten, blieb jedoch Chef des Generalstabes und nutzte die gewonnene Zeit als neuer Chef des Ingenieurkorps zu dessen Aufbau. Während dieser Zeit arbeitete er eng mit dem Oberst Gustav von Rauch zusammen, der als Chef des Ingenieurkorps sein Nachfolger wurde.

Als die Russen Anfang 1813 an der Grenze Schlesiens erschienen, betrieb Scharnhorst mit Eifer die Erhebung Preußens und den Abschluss des Traktats von Kalisch mit Russland (28. Februar). Mit Sicherheit hat Scharnhorst das Militärbündnis von Kalisch und die Stiftung des Eisernen Kreuzes dringend befürwortet; ihn jedoch als Initiator zu sehen, stellt eine Überschätzung dar. Entscheidender für den Abschluss des Vertrages von Kalisch war der Kanzler Hardenberg. Scharnhorst bewog den König zur Stiftung des Eisernen Kreuzes und wurde dann beim Ausbruch des Kampfes als Chef des Generalstabs der Schlesischen Armee des preußischen Oberbefehlshabers Blücher zugeteilt, mit dem gemeinsam er – vergeblich – eine energischere Kriegführung forderte.

In der Schlacht bei Großgörschen (2. Mai 1813) erlitt er eine Schussverletzung am linken Knie, am selben Tage wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. Wenige Wochen später, am 28. Juni 1813, starb Scharnhorst in Prag infolge unzureichender Behandlung der Knieverletzung, als er auf dem Weg nach Wien war, um Österreich zum Anschluss an die Koalition zu bewegen.

Grabstätte und Denkmale


Scharnhorst wurde auf dem Invalidenfriedhof in Berlin im Feld C, G1 beigesetzt, wo sein Grab durch ein von Karl Friedrich Schinkel gestaltetes Monument ausgezeichnet ist, mit einem Relief von Friedrich Tieck und der Bronzeplastik eines Schlafenden Löwen von Theodor Kalide. Neben ihm wurden seine Söhne August und Wilhelm, seine Tochter Juliane mit ihrem Ehemann, dem Generalfeldmarschall Friedrich Graf zu Dohna-Schlobitten, und zwei Enkelsöhne bestattet. Die Grabstätte ist ein Ehrengrab der Stadt Berlin. In unmittelbarer Nähe zu Scharnhorst wurden einstige Mitstreiter beigesetzt: 1841 Gustav von Rauch und 1848 Hermann von Boyen. Dieses Ensemble von Grabmalen blieb trotz seiner unmittelbaren Nähe zur Berliner Mauer, die den Invalidenfriedhof durchtrennte, erhalten und wurde nach der deutschen Wiedervereinigung umfassend restauriert.

Vor der Neuen Wache Unter den Linden in Berlin ließ König Friedrich Wilhelm III. dem Verstorbenen 1822 durch die Meisterhand des Bildhauers Christian Daniel Rauch ein Marmorstandbild errichten. Es wurde 1950 auf Befehl von SED-Chef Walter Ulbricht zusammen mit weiteren Standbildern entfernt, eingelagert und später auf die andere Straßenseite versetzt. Seit 1990 fordern Bürger und Denkmalschützer, das ursprüngliche Ensemble wiederherzustellen, was der Landesdenkmalrat jedoch bislang ablehnt.

In Scharnhorsts Geburtsort Bordenau steht ein Denkmal vor seinem Geburtshaus. Eine vom Bildhauer Christian Daniel Rauch gefertigte Büste befindet sich in der Walhalla in Regensburg.

Nachkommen


Scharnhorst hatte sich am 24. April 1785 in Bordenau mit Klara Schmalz (1762–1803) verheiratet. Aus der Ehe gingen folgende Kinder hervor:

Ehrung


Werke


Literatur


Film und Fernsehen


Weblinks


Commons: Gerhard von Scharnhorst  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen


  1. https://www.wissen.de/lexikon/scharnhorst-gerhard-johann-david-von
  2. https://www.zeit.de/2013/26/gerhard-von-scharnhorst/komplettansicht
  3. Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurerlexikon. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1932, München 2003, ISBN 3-7766-2161-3.
  4. Dietmar Schössler: Clausewitz – Engels – Mahan: Grundriss einer Ideengeschichte militärischen Denkens. in der Reihe Politik/Forschung und Wissenschaft. Band 27, Berlin; Münster: Lit, 2009, ISBN 978-3-8258-0220-2, S. 44. online
  5. Karl Gustav von Berneck: Ein Lebensbild Scharnhorsts. In: Blätter für literarische Unterhaltung. Jahrgang 1861, Erster Band, Januar bis Juni (enthaltend: Nr. 1–26.), Leipzig: F. A. Brockhaus, S. 112. online
  6. Louis Heinrich Friedrich von Sichart: Geschichte der königlich-hannoverschen Armee. Vierter Band, Fünfter Zeitraum, 1789 bis 1803. Hannover: Hahn’sche Hofbuchhandlung, 1871, S. 134 ff. online über Google-Bücher
  7. Heinz Stübig: Gerhard von Scharnhorst – preußischer General und Heeresreformer. Studien zu seiner Biographie und Rezeption. Beiträge teilweise in deutsch und lateinisch, in der Reihe Geschichte/Forschung und Wissenschaft. Band 34, Berlin; Münster: Lit, 2009, ISBN 978-3-643-10255-3, S. 97 u.ö., online
  8. Iris Becker: Funktion und Stellenwert von Militärbibliotheken im 18. und 19. Jahrhundert. In: Jutta Nowosadtko, Matthias Rogg (Hrsg.): Mars und die Musen. Das Wechselspiel von Militär, Krieg und Kunst in der Frühen Neuzeit. in der Reihe Herrschaft und soziale Systeme in der frühen Neuzeit. Band 5, Berlin; Münster: Lit, 2008, ISBN 978-3-8258-9809-0, S. 92; nach: Joachim Kiefert: Militärbibliotheken in Hannover. In: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge 17 (1963), S. 292, online über Google-Bücher
  9. Hans Heinrich Fritz Cäcil von Förster, Geschichte des Königlich Preussischen Ulanen Regiments Graf zu Dohna Ostpreussisches Nr. 8 von 1815 bis 1890. Zur Feier des 75jährigen Bestehens des Regiments, Anhang S.83 (Hier als Auguste Ernst Wilhelm von Scharnhorst)
  10. Digitalisat



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