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Georges Devereux




Georges Devereux (geboren als György Dobó 13. September 1908 in Lugos, Österreich-Ungarn; gestorben 28. Mai 1985 in Paris) war ein Ethnologe und Psychoanalytiker. Neben Fritz Morgenthaler war Devereux einer der Pioniere der Ethnopsychoanalyse und Verfasser von über 400 wissenschaftlichen und literarisch-wissenschaftlichen Texten.

Inhaltsverzeichnis

Biografie


Georges Devereux entstammte – wie Géza Róheim – einer Familie bürgerlicher ungarischer Juden. Sein Vater György Dobó war Rechtsanwalt und Vorsitzender der Neologischen Jüdischen Gemeinde, seine Mutter Margarethe Deutsch stammte aus Budapest.[1] Zu ihr hatte Devereux ein eher schwieriges Verhältnis. Prägend für Devereux’ Kindheit und Jugend war das Erleben der „Unaufrichtigkeit der Erwachsenen“, ihres „Mangel[s] an Achtung gegenüber der kindlichen Welt“.[2] Schon in seiner Jugend sprach Devereux vier Sprachen (Ungarisch, Rumänisch, Deutsch, Französisch).

„Die Angliederung an Rumänien im Anschluss an den ersten Weltkrieg brachte tiefgreifende Veränderungen mit sich, da die Rumänen der einheimischen Bevölkerung ihr eigenes kulturelles Muster mit dem Anspruch auf alleinige Gültigkeit aufzwingen wollten.“[3]

Seinen Wunsch, Pianist zu werden, musste Devereux nach einer misslungenen Operation am rechten Handgelenk aufgeben. Nach dem Suizid seines jüngeren Bruders ging Devereux 1926 nach Paris und studierte ein Jahr lang Physik und Chemie bei Marie Curie und Jean Perin. Devereux suchte die „objektive Wahrheit“ in der Physik und die „subjektive Wahrheit“ in der Musik. In seinem späteren Werk bezieht sich Devereux immer wieder auf naturwissenschaftliche Begriffe. 1927 kehrte Devereux schwer erkrankt nach Lugos zurück. Von dort ging er 1928 nach Leipzig, um eine Verlagsbuchhändlerlehre zu machen. Nach Abschluss dieser Ausbildung zog Devereux wieder nach Paris und studierte an der École des langues orientales zuerst nur aus Verlegenheit die malaiische Sprache. Devereux begann sich für die Völkerkunde zu begeistern und konnte bei Marcel Mauss, Lucien Lévy-Bruhl und Paul Rivet studieren. Er beendete 1932 sein Ethnologiestudium mit der Licence. In Paris befreundete er sich mit Klaus Mann, der ihn in seinem Roman Treffpunkt im Unendlichen als Sylvester Marschalk darstellte. Devereux verfasste in der Zeit den Roman Le faune dans l’enfer bourgeois. Weil eine Veröffentlichung scheiterte, zerstörte Devereux den größten Teil des Manuskriptes und bewahrte nur die lyrischen Passagen auf.

1933 ließ György Dobó sich taufen und führte fortan den Namen George(s) Devereux.

Dank eines Rockefeller-Stipendiums ging Devereux 1932 zur Vorbereitung von Feldforschungen bei den Mohave-Indianern in die USA, wo er drei Jahre verbrachte. Die Anfänge waren schwierig: „Bei den jungen amerikanischen Anthropologen, mit denen er während seines vorbereitenden Aufenthaltes zusammenarbeitete, sei er nur auf Misstrauen und Verachtung gestoßen, wenn er auf die Frage nach seinen Lehrern die Namen Mauss, Rivet und Lévy-Bruhl nannte.“[4]

Devereux konnte schließlich Dank der Fürsprache von Alfred Kroeber einen Forschungsaufenthalt in Arizona bei den Mohave absolvieren und bedeutende Resultate erzielen. Er betrachtete diese Zeit als die glücklichste seines Lebens. Die Mohave schenken ihren Träumen große Aufmerksamkeit, sie haben „mich zu Freud bekehrt“ (Devereux 1982, S. 20). Nach den Forschungen bei den Mohave reiste Devereux über Samoa, Neuseeland, Australien und Neu-Guinea nach Indochina, wo er die Sedang Moi 18 Monate lang beobachtete. Diese Feldforschung blieb größtenteils unveröffentlicht. Anfang 1934 – als in Frankreich die dritte Republik durch die Affäre um Alexandre Stavisky erschüttert wurde – kehrte Devereux in die USA zurück und studierte Anthropologie an der Universität Berkeley. Er promovierte bei A. L. Kroeber.

In den Jahren 1943 bis 1944 leistete Georges Devereux Militärdienst in der amerikanischen Armee.

Devereux ließ sich von Marc Schlumberger (1900–1977) und Robert Jokl (1890–1975) analysieren. Seine eigene analytische Ausbildung schloss er 1952 an der Menninger-Klinik (Topeka, Kansas) ab. Von 1953 bis 1955 war er in einer privaten psychiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche tätig. Seit 1956 lebte er in New York. Devereux war Mitglied der American Psychoanalytic Association sowie der Société Psychanalytique de Paris.

1963 wurde er dank Claude Lévi-Strauss an die École pratique des hautes études in Paris berufen, wo er bis 1981 unterrichtete. Sein methodologisches Hauptwerk „From anxiety to method in the behavioral sciences“ erschien 1967 auf Englisch. Die letzten Jahre seines Lebens arbeitete Devereux als Gräzist und publizierte ein Buch über die Träume in der griechischen Tragödie.

Methodologie


In Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften liefert Devereux eine Kritik verhaltenswissenschaftlicher Methodologie und sucht eine Neuorientierung derselben einzuleiten. Seine These lautet:

„Kurz, verhaltenswissenschaftliche Daten erregen Ängste, die durch eine von der Gegenübertragung inspirierte Pseudomethodologie abgewehrt werden. Dieses Manöver ist für nahezu alle Mängel der Verhaltenswissenschaften verantwortlich.“[5]

Er argumentiert und demonstriert an Hunderten Fallbeispielen überwiegend aus Ethnologie und Psychiatrie, dass verhaltenswissenschaftliche Daten regelmäßig angsterregend sind. Wird dies nicht bewusst kompensiert, so geschieht dies unbewusst und es kommt zu Gegenübertragungsreaktionen. In einer auf strikte Objektivität orientierten Methodologie wird dies nicht nur nicht bemerkt, sondern die Methode selbst wird zum Mittel der Angstbewältigung. Dagegen betont Devereux, dass gerade die Gegenübertragung, so sie einmal untersucht wird, die charakteristischsten Daten liefert. Das Modell hierfür ist die Psychoanalyse.

Neben seinen eigenen Erfahrungen hat sich Devereux eingehend mit Claude Lévi-Strauss' Tristes tropiques, mit Georges Balandiers Afrique ambiguë und Condominas' L'Exotique au quotidien beschäftigt. „Diese drei sind die einzigen mir bekannten größeren Versuche, die Einwirkung seiner Daten und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auf den Wissenschaftler selbst zu bewerten.“[6]

Einfluss


In Frankreich wird die Arbeit Devereux’ insbesondere von Tobie Nathan und Marie Rose Moro weiter geführt. Dabei wurde der Schwerpunkt auf die klinische Arbeit mit Migranten gelegt (Ethnopsychiatrie). Auch die zweite Generation der Zürcher Schule der Ethnopsychoanalyse (Mario Erdheim, Maya Nadig, Florence Weiss u. a.) ist in ihrer Methode maßgeblich von Devereux beeinflusst.

Quellen


  1. Michael Ghil (Memento des Originals vom 27. September 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF, ungarisch; 62 kB)
  2. Bokelmann 1987, S. 10
  3. Bokelmann 1987, S. 11
  4. Bokelmann 1987, S. 16
  5. Georges Devereux, Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften, Frankfurt am Main, Berlin, Wien: Ullstein 1976, S. 18
  6. Georges Devereux, Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften, Frankfurt am Main, Berlin, Wien: Ullstein 1976, S. 20/21

Werke (Auswahl)


ISBN 3-446-11778-4 u. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984. ISBN 3-518-28061-9.

Sekundärliteratur


Siehe auch


Weblinks





Kategorien: Neopsychoanalytiker | Ethnologe | Anthropologe | Hochschullehrer (École pratique des hautes études) | Sachbuchautor (Pädagogik und Psychologie) | Literatur (Englisch) | Literatur (Vereinigte Staaten) | Essay | Person (Transleithanien) | Ungar | Rumäne | US-Amerikaner | Geboren 1908 | Gestorben 1985 | Mann



Quelle: Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Georges Devereux (Autoren [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0


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