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Flavius Josephus




Flavius Josephus (altgriechisch Φλαύιος Ἰώσηπος;[1] geboren 37 oder 38 in Jerusalem als Joseph ben Mathitjahu ha Kohen, hebräisch יוסף בן מתתיהו, Ἰώσηπος Ματθίου παῖς „Josephos, Sohn des Matthias“[2]; gestorben nach 100 vermutlich in Rom) war ein römisch-jüdischer Geschichtsschreiber. Er verfasste seine Werke in griechischer Sprache, zum Teil aber zunächst in seiner aramäischen Muttersprache.

Josephus ist neben Philon von Alexandria der wichtigste Autor des hellenistischen Judentums. Er schloss sich, obwohl seiner Herkunft nach den Sadduzäern nahestehend, früh den Pharisäern an.

Inhaltsverzeichnis

Leben


Joseph ben Mathitjahu wurde im Jahre 37 oder 38 als Sohn einer angesehenen priesterlich-königlichen Familie aus Jerusalem geboren. In seinen eigenen Schriften benutzte er niemals den Namen Flavius; der erste Nachweis für diese Identifizierung scheint Origenes zu sein.

Für das Priesteramt bestimmt, erhielt er mit seinem Bruder Matthias (altgriechisch Ματθίας) eine Erziehung in der jüdischen Religionslehre.[3] Nach eigenen Angaben wurde er schon mit vierzehn Jahren von den Hohepriestern und „Vornehmen der Stadt“ um die Auslegung des heiligen Textes gefragt. Mit sechzehn Jahren durchlief er die drei damaligen religiösen Gruppen des Judentums, die Sadduzäer, die Pharisäer und die Essener, und entschied sich schlussendlich für die öffentliche Laufbahn als Pharisäer.

Im Jahre 64 wurde er nach Rom geschickt, um dort die Freilassung von jüdischen Priestern zu erwirken. Durch die Bekanntschaft mit Neros Frau Poppaea Sabina gelang ihm dies, sodass er 66 nach Jerusalem zurückkehren konnte, wo gerade der Aufstand gegen Rom, der Jüdische Krieg, ausgebrochen war.[4]

Zu Beginn der Revolte wurde Josephus zunächst jüdischer Militärkommandeur in Galiläa. In dieser Funktion war er mit der Befestigung vieler Städte in Galiläa betraut und war u. a. Militärkommandant von Jotapata. Er wurde 67 von den Truppen Vespasians in Jotapata belagert.[5] Als die Römer in die Stadt eindrangen, gelang es ihm im Häuserkampf, sich mit 40 Männern in einer Zisterne zu verstecken. Nikanor, ein römischer Freund von Josephus, überbrachte das Angebot Vespasians: Kapitulation gegen Leben. Die eingeschlossenen jüdischen Kämpfer entschlossen sich allerdings zum Selbstmord, wobei das Los entschied, wer als nächstes getötet werden sollte. Josephus und ein Mann namens Ja'akov, den er vereinbarungsgemäß hätte umbringen müssen, blieben als letzte übrig und ergaben sich den Römern. Die Römer nahmen sie gefangen. „Jetzt stand ihm das für gefangene Rebellen übliche Schicksal bevor, nämlich nach dem Mitgeführtwerden im Triumphzug in Rom die Hinrichtung oder lebenslanger Kerker.“[6] In dieser Situation weissagte er, Vespasian würde eines Tages Kaiser in Rom werden. Als Vespasian Anfang Juli 69 von den Legionen zum Kaiser ausgerufen wurde und sich seine Prophezeiung damit erfüllt hatte, wurde Josephus förmlich freigelassen. Als libertus nahm er den Gentilnamen Flavius des neuen Kaisers an.[7][8]

Bei der Belagerung Jerusalems diente er den Römern als Dolmetscher und befragte Überläufer und Gefangene.[9] Um die Stadt und den herodianischen Tempel zu schonen, versuchte er vergeblich, zwischen den verfeindeten Parteien zu vermitteln. Letztlich fiel Jerusalem im Jahre 70 an die Römer unter Vespasians Sohn Titus, der nach der Ausrufung seines Vaters zum Kaiser das Oberkommando übernommen hatte.

Mit Titus ging Josephus nach Rom, wo er das römische Bürgerrecht erhielt. Er bekam vom Kaiser eine Villa und eine stattliche Pension. Daher konnte er sich fortan seinen literarischen Arbeiten widmen. Er starb nach 100.

Familie


Josephus’ erste Frau starb während der Eroberung Jerusalems. Nach dem Ende seiner Gefangennahme heiratete Josephus in zweiter Ehe eine jüdische Mitgefangene, von der er sich trennte, als er mit Vespasian nach Alexandria zog.

Um 70 heiratete er eine Jüdin aus Alexandria, mit der er drei Söhne hatte. Nur einer – Flavius Hyrcanus (* 73/74) – wurde erwachsen. Flavius Josephus ließ sich scheiden und heiratete um das Jahr 75 eine kretische Jüdin aus guter Familie. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne, Flavius Justus (* 76/77) und Simonides Agrippa (* 78/79[4]), hervor.[10]

Werk


In Rom verfasste er mehrere Werke. Als erstes schrieb er in den Jahren 75–79 das Werk Geschichte des jüdischen Krieges (altgriechisch Ἱστορία Ἰουδαϊκοῦ πολέμου πρὸς Ῥωμαίους, lateinisch Bellum Judaicum oder De bello Judaico). Darin schilderte er den langen Kampf der Juden gegen Fremdherrschaft, beginnend mit der Besetzung Jerusalems durch die Seleukiden unter Antiochos IV. Epiphanes im Jahre 174 v. Chr., und den anschließenden Aufstand unter Führung der Makkabäer. Nach etlichen kleineren Aufständen gegen die jeweilige Fremdherrschaft kam es in den Jahren 66–70 zum großen Aufstand der Juden gegen Rom, der als Erster Jüdischer Krieg in die Geschichte einging und einen Großteil der sieben Bücher füllt.

In den folgenden Jahren bis 94 schrieb er Antiquitates Judaicae in 20 Büchern (Jüdische Altertümer, auch unter dem Titel Jüdische Archäologie). Darin schilderte Josephus die Geschichte des jüdischen Volkes von der Schöpfung bis zum Ausbruch des Aufstandes im Jahre 66. Dabei hielt er sich weitgehend an die Schilderungen im Tanach, soweit diese historisch reichten.[11] Für die Zeit danach, also die Zeit der Makkabäer oder Hasmonäer und vor allem für das 1. Jahrhundert vor und nach Christus, also die Zeit von Herodes dem Großen und seiner Söhne sowie für das Urchristentum, ist er heute eine bedeutsame historische Quelle, da er sich auf andere, nicht erhaltene Werke stützt.

Um das Jahr 96 erschienen noch zwei kleinere Werke, nämlich Über die Ursprünglichkeit des Judentums (Contra Apionem, auch unter dem Titel Über das Alter der Juden) und eine Schrift, die als Vita (Leben, seine Autobiographie) bekanntgeworden ist. In diesen Werken verteidigte er vor allem das Judentum gegen antijudaistische Vorwürfe und sich selbst gegen persönliche Kritik.

Wirkung


In der jüdischen Bevölkerung hinterließ Josephus und vor allem sein Werk zunächst keinen nennenswerten Eindruck. Für sie war er zunächst nur ein Romgünstling und Verräter, auch für viele, die sich nicht dem Kampf gegen die Römer angeschlossen hatten. Sein Einsatz für jüdische Belange in Rom brachte ihm einige Sympathien zurück, das Verhältnis blieb jedoch bis zu seinem Tod ambivalent. Erst in der Gegenwart erlebt Josephus im Staat Israel eine Art Renaissance.

Seine Mithilfe bei der Niederwerfung des ersten jüdischen Aufstandes machte ihn aus römischer Sicht zum Prestigeobjekt. Seine Werke wurden in Rom hundertfach kopiert.

Mangels anderer zeitgenössischer Quellen aus Judäa und Galiläa stützt sich Eusebius von Caesarea in seiner Kirchengeschichte fast ausschließlich auf die Angaben von Josephus, insofern es sich nicht um Zitate aus den Büchern des Neuen Testaments handelt. Josephus ist für Eusebius der Kronzeuge für die Ereignisse zu Lebzeiten Jesu und für die Zeit des Urchristentums.

Im Mittelalter waren die Werke Josephus’ teilweise bekannt. So erwähnt ihn beispielsweise Widukind von Corvey in seiner Res gestae Saxonicae. Im Zuge der humanistischen Bewegung wurden auch die Jüdischen Altertümer und der Jüdische Krieg u. a. in lateinischer Übersetzung gedruckt, blieben aber in ihrer Popularität weit hinter anderen römischen Historikern zurück.[12] Mit Beginn der Aufklärung und der zunehmenden Unabhängigkeit der forschenden Wissenschaften vom Einfluss der Kirche und kirchlicher Dogmen wurden speziell die zwei Stellen in Josephus’ Schriften, die sich unmittelbar mit Jesus befassen, kritischen Untersuchungen unterzogen. Dieses sogenannte Testimonium Flavianum (Zeugnis des Flavius) wird, je nach Blickwinkel und Einstellung des Untersuchers, unterschiedlich bewertet. Die einen betrachten es als eine christliche Einfügung (und daher nicht original von Josephus). Andere sehen darin eine von christlichen Kopisten ausgeschmückte Version eines kürzeren Originals von Josephus. Eine weitere Gruppe betrachtet es als einen verkürzten und korrumpierten (verstümmelten) Rest eines ursprünglich wesentlich längeren Originaltextes von Josephus.

Ausgaben und Übersetzungen


Literatur


Darstellungen und Analysen

Rezeption

Bibliographie

Weblinks


Commons: Flavius Josephus  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Flavius Josephus – Quellen und Volltexte

Anmerkungen


  1. So bei Clemens von Alexandria, vgl. Heinz Schreckenberg: Josephus (Flavius Josephus). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18, Sp. 761–801, hier Sp. 766.
  2. Eigenbezeichnung in seinem Werk Geschichte des jüdischen Krieges 1,1,3.
  3. Ulrike Liebl: Die illustrierten Flavius-Josephus-Handschriften des Hochmittelalters. Peter Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-631-31548-1, S. 5.
  4. a b Ios. vita 2-3
  5. Heinz Schreckenberg: Josephus (Flavius Josephus). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18, Sp. 761–801, hier Sp. 765.
  6. Heinz Schreckenberg: Josephus (Flavius Josephus). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18, Sp. 761–801, hier Sp. 765f.
  7. Heinz Schreckenberg: Josephus (Flavius Josephus). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18, Sp. 761–801, hier Sp. 766.
  8. Möglicherweise nahm er auch den Vornamen von Titus Flavius Vespasianus an und nannte sich entsprechend Titus Flavius Iosephus. Für den Namen Titus gibt es jedoch keine zeitgenössischen Belege. Der Name Flavius wird in jüdischen Quellen ignoriert. Siehe Oliver Gußmann: Das Priesterverständnis des Flavius Josephus, S. 201.
  9. Heinz Schreckenberg: Josephus (Flavius Josephus). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18, Sp. 761–801, hier Sp. 767.
  10. Heinz Schreckenberg: Josephus (Flavius Josephus). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18, Sp. 761–801, hier Sp. 764.
  11. Joseph Sievers: Josephus und seine biblischen Quellen. In: Theologische Literaturzeitung (ThLZ), Jg. 144 (2019), Heft 6, S. 556–559.
  12. Peter Burke: A Survey of the Popularity of Ancient Historians, 1450–1700. In: History and Theory, Jg. 5 (1966), Heft 2, S. 135–152.



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