Dialektischer Materialismus - de.LinkFang.org

Dialektischer Materialismus




Der dialektische Materialismus ist eine Form der philosophischen Weltanschauung. Sie verwendet die Methode der Dialektik – des Denkens in Widersprüchen –, um die Welt auf materieller Grundlage zu erklären. Er grenzt sich damit deutlich vom dialektischen Idealismus des G. W. F. Hegel ab. Der dialektische Materialismus wurde von Karl Marx und Friedrich Engels begründet. Demnach ist die Einheit der Welt in der Materie, die ewig und unendlich ist, begründet. Damit wird es möglich, die Unterschiede von Bewusstsein und Sein, von belebten und unbelebten Dingen anzuerkennen und trotzdem an einem gemeinsamen Ursprung – der Materie – festzuhalten. Der dialektische Materialismus wird oft als die philosophische Grundlage des Marxismus gesehen, wo er zur Ableitung von Entwicklungsgesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft genutzt wird.

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen


Der dialektische Materialismus bedient sich der Dialektik Hegels, des geistigen Lehrers von Karl Marx. Hegel geht davon aus, dass die Realität aus (dialektischen) Widersprüchen besteht, welche zwangsläufig ihre eigene Veränderung sowie die Zukunft erzeugen und bestimmen. Nach dieser Theorie gerät der Geist mit sich selbst in Widerspruch und generiert so das Werden der objektiven Wirklichkeit. Marx dreht nun die hegelsche Dialektik um (stellt sie „vom Kopf auf die Füße“) und postuliert, dass sich die Welt, die objektive Wirklichkeit, aus ihrer materiellen Existenz und deren Entwicklung erklären lässt und nicht als Verwirklichung einer göttlichen absoluten Idee oder des menschlichen Denkens, wie im Idealismus angenommen. An die Stelle des göttlichen Absoluten bei Hegel tritt bei Marx das materiell-ökonomische Absolute des Produktionsprozesses bzw. der Arbeit als die alles begründende Wirklichkeit.[1] Die objektive Realität existiert außerhalb und unabhängig vom menschlichen Bewusstsein. Zusammengefasst werden diese Ideen in Marx’ berühmtem Satz: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“[2] Dieser Satz ist eine Grundlage des Marxschen Denkens. Marx wählt die zu Hegel gegensätzliche Reihenfolge von Ursache und Wirkung.

Vier Grundregeln liegen der Theorie des dialektischen Materialismus zugrunde.

Zu diesen Grundlagen kommen drei elementare Entwicklungsgesetze.

  1. Das Gesetz von der Einheit und vom Kampf der Gegensätze (Die Triebkraft der Entwicklung ist der Widerspruch zwischen dualen Polen, der natürlichen und sozialen Prozessen grundsätzlich inhärent ist und aus deren Kampf eine neue Lösung hervorgeht. Analog dazu: These + Antithese = Synthese)
  2. Das Gesetz von der Negation der Negation (Die Entwicklung auf eine höhere Ebene bewahrt die positiven Elemente der vorhergehenden. Sie negiert in ihrer Weiterentwicklung die vorhergehende Ebene also nicht als Ganzes.)
  3. Das Gesetz vom Umschlagen von einer Quantität in eine neue Qualität (Nach einer Kumulation quantitativer Veränderungen über längere Zeit kommt es zu einer sprunghaften qualitativen Veränderung.)
Beispiele
  1. Durch den Widerspruch zwischen wachsenden Bedürfnissen der Menschen und der niedrigen Produktivität kommt es zur Erfindung von Maschinen.
  2. Die Entwicklung zu einer kommunistischen Gesellschaft sollte die Errungenschaften des Kapitalismus (z. B. die Demokratie) behalten, und nur seine Einschränkungen (z. B. die Ausbeutung der Arbeiterklasse) beseitigen.
  3. Wasser ist bei 20 °C oder 60 °C flüssig. Führt man jedoch genügend Wärme hinzu (genügende Veränderung der Quantität), so gibt es bei 100 °C einen dialektischen Sprung (Veränderung der Qualität) in den Aggregatzustand gasförmig.

Die materialistische Dialektik – von Marx meine dialektische Methode genannt – wurde anfangs durch die Neu-Interpretation der Geschichte entwickelt, später von Marx durch die Beschreibung der Produktion des Kapitals und durch Friedrich Engels in einer „Dialektik der Natur“.

Engels stellte gegenüber späteren Theoretikern fest, dass nach Marx' und seiner Auffassung Materielles ideelle Prozesse freilich „nur in letzter Instanz“ festlege und beeinflusse.

Aufbau der Gesellschaft


Nach Marx ist der Mensch zunächst ein „Opfer“ seiner Bedürfnisse, und die Gesellschaft befindet sich in einer permanenten Auseinandersetzung mit der Natur, mit dem Ziel, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Dieser Kampf ist nur mit Hilfe einer bestimmten materiellen und wirtschaftlichen Basis möglich: der sogenannten Infrastruktur oder dem Unterbau.

Dieser Unterbau besteht aus zwei, sich ebenfalls gegenüberstehenden, aber eine Einheit bildenden Elementen:

Dieser von den materiellen Verhältnissen bestimmte „Unterbau“ bestimmt seinerseits den sogenannten „Überbau“. Das ist das gesellschaftliche Bewusstsein der zu einem bestimmten Zeitpunkt dominierenden Klassen. Zum Überbau gehören das politische System, das Bildungswesen, die Sprache, das Rechtssystem, die Religion (Theologie), die Wissenschaften, die Künste.

Stalin veränderte diese Theorie dahingehend, dass er für ein bestimmtes Entwicklungsstadium der Gesellschaft Überlegungen über den Unterbau vornahm. Außerdem versuchte er die Naturwissenschaften, die Kunst und auch die Linguistik, in Einklang mit der Theorie des dialektischen Materialismus zu bringen. Die Befürwortung der falschen biologischen Theorien Lyssenkos war ein Ergebnis seiner diesbezüglichen Fehlgriffe.

Weiterentwicklungen


Der dialektische Materialismus wurde als Teil der politischen Ideologie von den wissenschaftlichen Gremien der politischen Führung der DDR und der UdSSR weitergeführt. Relativitätstheorie, Quantenmechanik und andere neuere naturwissenschaftliche Erkenntnisse machten eine Anpassung und Erweiterung gegenüber der Orthodoxie erforderlich. Neue Erkenntnisse wurden von den Anhängern des dialektischen Materialismus als Bestätigung der eigenen Grundlagen gewertet und darauf aufbauend weiter entwickelt.

Kritiker wenden ein, dass der dialektische Materialismus im Osten vor allem systematisch genutzt wurde, vergleichbare Zustände im Westen scharf zu kritisieren, die man im Osten elegisch feierte. Wolfgang Leonhard beschreibt den dialektischen Materialismus im Stalinismus als reine Worthülse, mit der herrschende Zustände legitimiert werden sollen.[3]

Auch im Westen wurde der dialektische Materialismus weiterentwickelt, insbesondere von Autoren, die sich dem hegelianischen Marxismus verpflichtet fühlten (im Gegensatz zu dogmatischen und der Sowjetideologie verpflichteten Lesarten der Texte von Marx). Einschlägige theoretische Texte stammen etwa von Henri Lefebvre.[4]

Literatur


Einzelnachweise


  1. Arno Anzenbacher: Einführung in die Philosophie. Verlag Herder GmbH Freiburg, 2002, S. 170.
  2. Karl Marx, Kritik der politischen Ökonomie, Vorwort. Zit. n. MEW 13, S. 9, mlwerke.de/me/me13/me13_007.htm
  3. Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder. 15. Auflage. Ullstein, Berlin 1976, S. 213. Es ist „ein Wesenszug des Stalinismus, den dialektischen Materialismus seines eigentlichen Sinnes zu berauben, da die Stalinisten die Gesetze der Dialektik nicht anwenden, um die Prozesse innerhalb der Gesellschaft zu erklären und daraus bestimmte Schlussfolgerungen zu ziehen, sondern dazu degradieren, nachträglich politische Entscheidungen oder Beschlüsse zu rechtfertigen.“
  4. Henri Lefebvre: Le Matérialisme dialectique. Paris 1940.

Weblinks





Kategorien: Marxistische Dialektik



Quelle: Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Dialektischer Materialismus (Autoren [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0


Veränderungen: Alle Bilder und die meisten Designelemente, die mit ihnen in Verbindung stehen, wurden entfernt. Icons wurden teilweise durch FontAwesome-Icons ersetzt. Einige Vorlagen wurden entfernt (wie „Lesenswerter Artikel“, „Exzellenter Artikel“) oder umgeschrieben. CSS-Klassen wurden zum Großteil entfernt oder vereinheitlicht.
Wikipedia spezifische Links, die nicht zu Artikeln oder Kategorien führen (wie „Redlink“, „Bearbeiten-Links“, „Portal-Links“) wurden entfernt. Alle externen Links haben ein zusätzliches FontAwesome Icon erhalten. Neben weiteren kleinen Designanpassungen wurden Media-Container, Karten, Navigationsboxen, gesprochene Versionen & Geo-Mikroformate entfernt.


Stand der Informationen: 04.05.2020 11:17:27 CEST - Wichtiger Hinweis Da die gegebenen Inhalte zum angegebenen Zeitpunkt maschinell von Wikipedia übernommen wurden, war und ist eine manuelle Überprüfung nicht möglich. Somit garantiert LinkFang.org nicht die Richtigkeit und Aktualität der übernommenen Inhalte. Sollten die Informationen mittlerweile fehlerhaft sein oder Fehler in der Darstellung vorliegen, bitten wir Sie darum uns per zu kontaktieren: E-Mail.
Beachten Sie auch : Impressum & Datenschutzerklärung.