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Der Freischütz



Werkdaten
Titel: Der Freischütz

Ansicht einer Aufführung in Nürnberg, um 1822

Form: Romantische Oper in drei Aufzügen
Originalsprache: Deutsch
Musik: Carl Maria von Weber
Libretto: Johann Friedrich Kind
Uraufführung: 18. Juni 1821
Ort der Uraufführung: Schauspielhaus Berlin
Spieldauer: ca. 2 ½ Stunden
Personen
  • Ottokar, böhmischer Fürst (Bariton)
  • Kuno, fürstlicher Erbförster (Bass)
  • Agathe, die Tochter des Erbförsters (Sopran)
  • Ännchen, Agathes Cousine (Sopran)
  • Kaspar, erster Jägerbursche (Bass)
  • Max, zweiter Jägerbursche (Tenor)
  • Ein Eremit (Bass)
  • Kilian, ein reicher Bauer (Bariton)
  • Vier Brautjungfern (Sopran)
  • Samiel, der schwarze Jäger (Sprechrolle)
  • Erster, zweiter und dritter fürstlicher Jäger (Sprechrollen)

Der Freischütz ist eine romantische Oper in drei Aufzügen von Carl Maria von Weber, op. 77. Das Libretto stammt von Johann Friedrich Kind.

Inhaltsverzeichnis

Handlung


Libretto und Theaterzettel der Uraufführung geben als Ort und Zeit der Handlung Böhmen kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges an.

Erster Akt

Platz vor einer Waldschänke

Bauer Kilian wird von den Landleuten als Schützenkönig gefeiert (Viktoria, der Meister soll leben). Mit dieser Ehrung verspotten[1] sie zugleich den Jägerburschen Max, sonst der beste Schütze weit und breit. Aber seit Wochen hat er, dank Samiel, nichts getroffen. Max möchte seine Braut Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno, heiraten. Dazu muss er morgen vor dem Fürsten und seiner Jagdgesellschaft beim Probeschuss treffen (Kuno zu Max: Ich bin Dir wie ein Vater gewogen, doch wenn du morgen beim Probeschuss fehltest, müsst ich dir meine Tochter versagen!). Kuno erzählt den Landleuten und Jägern die Legende vom Probeschuss: Sein Urahn war Leibschütz in einer fürstlichen Jagdgesellschaft, der Hunde einen Hirsch zutrieben, auf dem ein Wilderer angeschmiedet war. So bestrafte man in alten Zeiten die Waldfrevler. Bei dem Anblick bekam der Fürst Mitleid und versprach demjenigen, welcher den Hirsch erlege, ohne den Wilderer zu verletzen, eine Erbförsterei. Der Leibschütz legte an, traf den Hirsch und der Angeschmiedete blieb unverletzt. Böse Zungen behaupteten jedoch, der Leibschütz habe eine Freikugel geladen. Sechs von sieben Freikugeln treffen. Aber die siebente gehört dem Bösen; der kann sie hinführen, wohin’s ihm beliebt.

Demütigendes Versagen und den Verlust seiner Braut vor Augen, malt sich Max seine Prüfung aus (O, diese Sonne). Nachdem die Landleute zum Tanz in die Waldschenke aufgebrochen sind (Walzer), erinnert er sich verzweifelnd glücklicher Tage (Durch die Wälder, durch die Auen). Kunos erster Jägerbursche Kaspar lädt ihn zum Trinken ein (Hier im ird’schen Jammertal). Er hatte früher selbst um Agathe geworben, bis diese sich für Max entschied (Kaspar zu Max während des Trinkens: Jungfer Agathe soll leben! Die mich um deinetwillen verwarf). Mit der Heirat von Agathe würde Max auch Erbe von Kunos Försterei. Für diese Zurücksetzung hinter den zweiten Jägerburschen sinnt Kaspar auf Rache an allen dreien. Er leiht Max sein Gewehr und drängt ihn, damit auf einen Adler zu schießen, gerade als die Uhr sieben schlägt. Obwohl der Adler weit über der Reichweite des Gewehrs fliegt, trifft Max, worauf Kaspar ihm erklärt, dass er mit einer Freikugel geschossen habe. Es sei seine letzte gewesen, nun müssten neue gegossen werden. Max lässt sich davon überzeugen, dass Freikugeln ihm aus seiner Lage helfen könnten. Er sagt zu, zum Gießen um Mitternacht in die Wolfsschlucht zu kommen und gegen jedermann zu schweigen, um sie beide nicht zu gefährden. Als Kaspar allein ist, prahlt er triumphierend mit seiner List und Rache (Schweig, damit dich niemand warnt!).

Zweiter Akt

1. Szene. Vorsaal im Forsthaus

Im Hause des Erbförsters Kuno ist Agathes Kusine Ännchen damit beschäftigt, das Bild des Urahns wieder aufzuhängen (Schelm! Halt fest!). Gerade als die Uhr sieben schlug, war es von der Wand gefallen und hatte Agathe verletzt. Dabei gelingt es Ännchen, Agathes dunkle Vorahnungen zu zerstreuen und Fröhlichkeit zu verbreiten (Kommt ein schlanker Bursch gegangen). Aber Agathes kurze Heiterkeit weicht der Sorge um Max (Wie nahte mir der Schlummer / Leise, leise, fromme Weise). Als Max endlich kommt, bringt er nicht den erhofften Siegesstrauß, sondern einen Busch Adlerfedern am Hut. Er müsse noch einmal aus dem Hause, erzählt Max, um einen kapitalen Sechzehnender aus der Wolfsschlucht zu holen, (Wie? Was? Entsetzen!).

2. Szene. Furchtbare Waldschlucht

In der gespenstischen Wolfsschlucht bereitet Kaspar das Gießen der Freikugeln vor (Stimmen unsichtbarer Geister Milch des Mondes fiel aufs Kraut). Um Mitternacht ruft er Samiel herbei (Samiel! Samiel! Erschein!) und bietet Max, Agathe und Kuno als Opfer an. Samiel soll die siebte Kugel verwünschen, sodass sie Agathe trifft (Die siebente sei dein! Aus seinem Rohr lenk sie nach seiner Braut. Dies wird ihn der Verzweiflung weihn, ihn und den Vater). Samiel kann aber nur über Max Macht erlangen, wenn dieser mit Kaspar die Freikugeln gießt. Bei Agathe vermag Samiel nichts (Noch hab ich keinen Teil an ihr). Kaspar verhandelt weiter (Genügt er dir allein?) und Samiel willigt ein (Es sei. – Bei den Pforten der Hölle! Morgen er oder du!). Samiel verschwindet. Jetzt erscheint der verstörte Max, der auf dem Weg von wilden Phantasien gepeinigt wurde (Trefflich bedient!). Beim Kugelgießen erscheinen wilde Tiere und Geister, Gewitter toben, Blitze zucken und Sturm heult. Als Kaspar die letzte Kugel gießt, erscheint Samiel und greift nach Max. Die Turmuhr schlägt eins – und der Spuk ist vorbei. Erschöpft sinkt Max zu Boden.

Dritter Akt

1. Szene. Wald

Kaspar und Max haben die sieben Freikugeln aufgeteilt: Kaspar drei, Max vier. Drei seiner Kugeln verbraucht Max auf der fürstlichen Jagd. Kaspar verschießt seine Kugeln auf Elstern und die sechste Kugel auf einen Fuchs (Dort läuft ein Füchslein; dem die sechste in den Pelz! – Wohl bekomm’s der schönen Braut!). Nun steckt die letzte, die Teufelskugel, in Max’ Gewehr.

2. Szene. Agathes Zimmer

Als Braut gekleidet betet Agathe in ihrem Zimmer (Und ob die Wolke sie verhülle). Im Traum wurde sie als weiße Taube von Max erschossen, verwandelte sich dann zurück, und die Taube wurde zum großen schwarzen Raubvogel. Um sie zu beruhigen, erzählt ihr Ännchen eine lustige Geistergeschichte (Einst träumte meiner sel’gen Base). Die Brautjungfern erscheinen und singen ihr Brautlied (Wir winden dir den Jungfernkranz). Erschrocken brechen sie ab: In der Schachtel, die Ännchen gebracht hatte, liegt eine silberne Totenkrone statt des grünen Brautkranzes. Die Mädchen und Ännchen sind ratlos, doch auf Agathes Vorschlag flechten sie einfach einen neuen Kranz aus den geweihten weißen Rosen, die Agathe vom Eremiten bekommen hatte.

3. Szene. Romantisch schöne Gegend

Fürst Ottokar und sein Gefolge sind zum Probeschuss des Kandidaten für die Erbförsterei erschienen. Die Jäger besingen die Freuden der Jagd (Jägerchor Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen), Kaspar hat sich in einem Baum versteckt. Ottokar stellt Max die Aufgabe, eine weiße Taube vom Baum zu schießen. Max legt an, zielt und drückt ab. Agathe, die gerade mit den Brautjungfern hinzugekommen ist, fällt wie getroffen zu Boden (Schaut, o schaut, er traf die eigne Braut). Doch das Erscheinen des Eremiten bei Agathe hat die siebte Freikugel umgelenkt: Nicht Agathe, sondern Kaspar wird tödlich getroffen. Während er stirbt, verflucht er den Himmel. Der Fürst fordert von Max Erklärung, und dieser gesteht, Freikugeln verschossen zu haben. Zornig verbietet Ottokar die Heirat und verbannt Max des Landes. Der Eremit begütigt (Wer legt auf ihn so strengen Bann! Ein Fehltritt, ist er solcher Büßung wert?), nur Liebe zu Agathe und Furcht, sie zu verlieren, habe Max fehlgeleitet. Das Glück zweier Menschen dürfe nicht von einem Probeschuss abhängig gemacht werden. Nach einem Probejahr solle Max Agathe heiraten. Unter dem Jubel aller stimmt Ottokar diesem Urteil zu. Der Schlusschor preist die Milde Gottes gegenüber denen, die reinen Herzens sind.

Orchester


Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[2]

Geschichte


Vorlagen

Die Handlung des Freischütz folgt in großen Teilen August Apels Erzählung Der Freischütz. Eine Volkssage, die als erste Geschichte im Gespensterbuch[3] enthalten ist.

Sagenhafte Freikugeln erscheinen in der Literatur schon früher, etwa Der Freikugelguß des Schreibers (1730)[4], eine von mehr als hundert Spukgeschichten in einer Sammlung von Otto von Graben zum Stein. Auch mag das Gießen von Freikugeln der Tatvorwurf eines Hexenprozesses 1710 in Taus gewesen sein, wie er unbelegt im Artikel Der Freischütz bei klassik.com[5] lustvoll mit vielen Einzelheiten ausgemalt wird. Beides ist aber nicht Quelle der Vorstellung von Freikugeln, sondern zeigt nur, dass es diese Vorstellung seit Jahrhunderten gab.

Apels Erzählung spielt in Lindenhayn bei Leipzig und endet tragisch: Max (in der Erzählung Wilhelm) tötet beim Probeschuss seine Braut und verfällt dem Wahnsinn.

Friedrich Kind, der eng mit Weber zusammenarbeitete, verlegte die Handlung nach Böhmen, kurz nach der Beendigung des dreißigjährigen Krieges, in eine Zeit, in der man noch Kugeln für Vorderlader goss. Am Ende schützt der Eremit, eine neu in die Geschichte eingeführte Person, Agathe vor der Teufelskugel und Max vor dem Zorn des Fürsten und führt so die Geschichte zu einem glücklichen Ende.

Ursprünglich hatten Kind und Weber den Eremiten schon zu Beginn auftreten lassen, aber auf Rat von Webers Verlobten Caroline Brandt wurde alles vor dem Schützenfest gestrichen, Weber an Caroline: Du fasstest zuerst den kühnen Gedanken, den ganzen ersten Akt wegzuwerfen, und auch den Einsiedler – weg! weg! schriest du immer. Nun ist er zwar nicht ganz weg! Aber er erscheint erst, wo Agathe vom Schuss scheinbar getroffen in seine Arme sinkt, und versöhnt und heilet das Ganze.[6]

Entstehung

Am 13. Januar 1817 traf Weber in Dresden ein, um seine Stelle als Hofkapellmeister anzutreten. Acht Tage später vermerkt er erstmals Kind beim Dichter-Tee in seinem Tagebuch. Am 19. Februar schreibt Weber seiner Verlobten[7]

„Heute Abend im Theater sprach ich Friedrich Kind. Den hatte ich gestern so begeistert, daß er gleich heute eine Oper für mich angefangen hat. Morgen gehe ich zu ihm, um den Plan ins Reine zu bringen. Das Sujet ist trefflich, schauerlich und interessant, der Freyschütze. Ich weiß nicht, ob du die alte Volkssage kennst.“

Am 21. Februar notiert er eine Konferenz mit Kind über den Probeschuß, am 23. hat er den ersten Akt erhalten, am 26. den zweiten Akt gelesen, am 3. März kauft er Kind die Rechte am Buch Die Jägersbraut für die nächsten 5 Jahre ab und schreibt Caroline, Kind sei schon mit der ganzen Oper fertig.

In einem Brief schreibt Kind vier Monate später, dass er an einer Oper nach der Volkssage Der Freischütz arbeite. Zunächst habe er nicht eine schon vorliegende Erzählung bearbeiten wollen, aber Weber habe ihm während des Gesprächs eine Lunte an die Pulverkammer gelegt. Als er, Kind, danach hin und her dachte, gab's eine Explosion und die Oper war in 8 Tagen fertig.[8]

Jahrzehnte später erinnert sich Kind, dass Apels Freischütz die letzte Geschichte in einem Stapel gewesen sei, den er 1817 für Weber zusammengestellt hatte und den sie auf der Suche nach Stoff für eine gemeinsame Oper durchmusterten. Aber das allzu tragische Ende machte nach ihrem Urteil Apels Erzählung ungeeignet. In der Nacht dann sei ihm, Kind, die Lösung für ein glückliches Ende eingefallen. So abgeändert und mit einem fröhlich jungen Ännchen statt einer ernsthaften Mutter Agathes habe der Freischütz beide begeistert.[9]

In der Beschreibung des Lebens seines Vaters schildert Max Maria von Weber, das Gespensterbuch sei Carl Maria und seinem Freund Alexander von Dusch schon im Sommer 1810 auf Stift Neuburg in die Hände gefallen.[10] Sie hätten sich sofort für die Freischütz-Sage begeistert und Pläne für ein Libretto begonnen. Diese Schilderung wird durch Webers Tagebuch und Briefe widerlegt. Weber übernachtete auf Stift Neuburg vom 14. auf den 15. August 1810, nachdem er in Heidelberg ein Konzert gegeben hatte. Aber sein detaillierter Bericht (zum Konzert am 13. August in Heidelberg war eine Familie aus Mannheim an- und wieder abgereist, auf der Rückreise nach Darmstadt am 15. August wurden in Heidelberg zwei Wagen verpasst)[11] erwähnt mit keinem Wort Stift Neuburg, Dusch oder das Gespensterbuch. Die Schilderung von Max Maria von Ereignissen vor seiner Geburt ist falsch, das Gespensterbuch erschien erst 1811.

Nach den schwungvollen ersten Arbeiten 1817 entstanden der Bauernwalzer und im April 1818 die Arie Durch die Wälder, durch die Auen[12]. Die Arbeit an der Oper zog sich aber wegen anderer Verpflichtungen Webers in die Länge. 1819 drängte Carl Graf von Brühl, der Generalintendant der königlichen Theater zu Berlin, die Oper zur Eröffnung des neuerbauten Schauspielhauses in Berlin fertigzustellen, und besprach im September auf seinem Landsitz Schloss Seifersdorf bei Dresden mit Weber den Fortgang der Arbeiten.[13] Am 13. Mai 1820 schließlich vermeldet Weber in seinem Tagebuch

„Ouverture der Jägersbraut vollendet und somit die ganze Oper.

Gott sei gelobt und ihm allein die Ehre.“

Wenige Tage danach wird auf Wunsch von Graf von Brühl[14] die Oper in Der Freischütz umbenannt. Kurz vor der Premiere wird noch Ännchens Arie Einst träumte meiner sel'gen Base eingefügt.


Uraufführung und Rezeption

Der Freischütz wurde am 18. Juni 1821 im Königlichen Schauspielhaus Berlin mit beispiellosem Erfolg uraufgeführt. Die Ouvertüre und das Lied der Brautjungfern mussten da capo wiederholt werden, 14 der 17 Musikstücken wurde lärmend applaudiert.[15]

Webers Oper wurde in der Musikkritik schon unmittelbar nach der Erstaufführung als die „erste deutsche Nationaloper“ bezeichnet. Die Allgemeine Musikalische Zeitung schrieb im April 1843:

„Kinds und Webers Freischütz ist aber auch eine echt deutsche Oper. Ja, man kann in gewisser Hinsicht sagen, sie hat in sich selbst die erste in jeder Beziehung rein deutsche Nationaloper hingestellt. Die älteren Erscheinungen im Gebiete der deutschen Oper (natürlich ist hier nur von den bedeutenden die Rede) hatten fast alle irgendetwas Fremdartiges, Nichtdeutsches an sich, sei es in der Musik oder in den Büchern.“[16]

Heinrich Heine schildert im März 1822 in seinem Zweiten Brief aus Berlin, dass man dem Brautlied Wir winden dir den Jungfernkranz nicht entkommen könne, das überall geträllert und selbst von Hunden gebellt wird[17]. Der Brief liest sich streckenweise wie ein literarischer Vorläufer der Grotesken von Mark Twain, Jerome Jerome oder Ephraim Kishon.

„Haben Sie noch nicht Maria von Weber’s ‚Freischütz‘ gehört? Nein? Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens aus dieser Oper das ‚Lied der Brautjungfern‘ oder den ‚Jungfernkranz‘ gehört? Nein? Glücklicher Mann! …

Sie begreifen jetzt, mein Lieber, warum ich Sie einen glücklichen Mann nannte, wenn Sie jenes Lied noch nicht gehört haben. Doch glauben Sie nicht, daß die Melodie schlecht sei. Im Gegenteil, sie hat eben durch ihre Vortrefflichkeit jene Popularität erlangt. Der ganze Freischütz ist vortrefflich, und verdient gewiß jenes Interesse, womit er jetzt in ganz Deutschland aufgenommen wird. Hier ist er jetzt vielleicht schon zum 30sten Male gegeben, und noch immer wird es erstaunlich schwer, zu einer Vorstellung gute Billette zu bekommen. In Wien, Dresden, Hamburg macht er ebenfalls Furore. …

Über den Wert des Textes und der Musik des Freischützen verweise ich Sie auf die große Rezension vom Professor Gubitz im Gesellschafter. Dieser geistreiche und scharfsinnige Kritiker hat das Verdienst, daß er der Erste war, der die romantischen Schönheiten dieser Oper ausführlich entwickelte und ihre großen Triumphe am bestimmtesten voraussagte.“

Heines Satire muss der Wirklichkeit nahegekommen sein. In den 1830er Jahren berichtet ein Bremer Kaufmann aus Brasilien und Westindien, dass Zuckerkisten und Kaffeesäcke unter der Melodie des Jungfernkranzes und des Jägerchores in die Schiffe geladen werden.[18]

Parodien

Der Freischütz löste nicht nur an großen und kleinen Bühnen das fieberhafte Bemühen aus, ihn zu inszenieren, sondern die Geschichte um den Probeschuss und das Höllenspektakel des Kugelgießens wurde vielfach parodiert. Als Parodie anmuten mag die Verstümmelung durch die Wiener Zensur, die, um die Zuschauer nicht moralisch zu gefährden, vorsorglich Kugeln durch Pfeile ersetzte und Samiel kurzerhand strich.[19] Weniger ernst gemeint waren Marionettentheater oder

Interpretationen und historische Wirkung

Im Programmheft Von Wallenstein zu Napoleon. Der Freischütz, ein Spiegel deutscher Geschichte[29] sieht der Autor im Ort und der Zeit der Handlung, Böhmen, kurz nach der Beendigung des dreißigjährigen Krieges, den Schlüssel zur Deutung der Oper.

Dafür gibt es im Libretto keinen Hinweis: der Krieg wird nur von Kaspar und nur nebenbei erwähnt, einmal um zu entschuldigen, dass er beim Kriegsvolk Schelmenliedchen gelernt habe, und zum zweiten, dass der Schwedenkönig bei Lützen von Freikugeln getroffen worden sei, was ihre Wirksamkeit belege.

Eine Parallelisierung der Ereignisse von 1648 und 1815als Anspielung auf eine nationale Wiedergeburt Deutschlands,die in der Oper am Ende sogar mit religiösen Weihen versehen wird, findet sich im Kölner Programmheft, nicht aber in einer begreifbaren Darstellung von Geschichte oder einer werktreuen Inszenierung: Was ist die Parallelisierung von Ereignissen, auf welche nationale Wiedergeburt spielen 1648 oder 1815 oder ihre Parallelisierung an, wo versieht das Opernende die nationale Wiedergeburt mit religiösen Weihen?

Dass die Berliner Uraufführung am 18. Juni 1821 stattfand, am Jahrestag der Schlacht von Waterloo 1815, zeigt, dass man diesen Tag der Befreiung Europas von französischer Hegemonie feierte. Der preussische Hof blieb der Aufführung fern. Ihm waren, wie allen angestammten Monarchien, Nationalbewegungen verdächtig. Die Adeligen waren gemäß Heines Zweitem Brief aus Berlin Anhänger von Gaspare Spontinis Opern mit Elefanten auf der Bühne und einer bombastischen Musik, mit der man die Standsicherheit von Neubauten prüfen könne.

Der Freischütz begründete die Stilrichtung deutsche Oper im Gegensatz zur französischen oder italienischen Oper, die bis dahin mit Francesco Morlacchi in Dresden und Gaspare Spontini in Berlin vorherrschten. Weber, der mit beiden zusammenarbeitete, mied auch im überschwänglichen Jubel alles, was sie durch Spott (etwa über Elefanten auf der Bühne) verletzen konnte.[30]

Der Freischütz mit gesprochenem deutschem Text, innigen Liedern (Leise, leise, fromme Weise), romantischer Musik und volksmärchenhafter Handlung in Wäldern und Auen ist national nicht in einem politischen Sinn, sondern in dem von Friedrich Schiller[31]

„Nationalgeist eines Volks nenne ich die Ähnlichkeit und Übereinstimmung seiner Meinungen und Neigungen bei Gegenständen, worüber eine andere Nation anders meint und empfindet.“

Beispielsweise ist ein Schützenfest mit einem zu ehrenden Schützenkönig außerhalb Deutschlands oder der Schweiz erklärungsbedürftig. Die Freischützinszenierungen in Paris und London wurden von deutschen Rezensenten als Verstümmelung gewertet, auch wenn das dortige Publikum begeistert war.[32][33] So verschieden kann Geschmack sein.

Umgekehrt reklamierte wegen der musikalischen Anregungen, die Weber in seinen Prager Jahren 1813 bis 1816 erfahren habe, die Národní listy (in der Übersetzung Die Presse, 1861, Nr. 299), daß der ganze Plunder, den die Welt „deutsche Musik“ nennt, tschechische Musik sei.[34] Dass man sich des Einflusses auf andere rühmt, gleichzeitig die eigene Besonderheit betont und für sich beansprucht, was man bei anderen als „Plunder“ abtut, gehört zu den Widersprüchen von Nationalbewegungen.

Der Freischütz rührte die Deutschen und verband sie in ihrer Liebe zu diesem Werk, ob sie in den Baltischen Hansestädten, Schleswig, Ostpreußen oder einem der 39 Staaten des Deutschen Bundes lebten.

Die Rezension der Stuttgarter Erstaufführung 1822 von Ludwig Börne spricht das Problem der deutschen Nationalbewegung aus,[35] das fast fünfzig weitere Jahren bestehen bleiben sollte:

„Wer kein Vaterland hat, erfinde sich eins! Die Deutschen haben es versucht auf allerlei Weise, … und seit dem Freischützen tun sie es auch mit der Musik. Sie wollen einen Hut haben, unter den man alle deutschen Köpfe bringe. Man mag es den Armen hingehen lassen, dass sie sich mit solchen Vaterlandssurrogaten gütlich tun.“

Solch eine Rezension bewertet spöttisch und herablassend die Zuschauer, ihre Sehnsüchte, ihre Machtlosigkeit, nicht aber die Oper. Zur Oper selbst schreibt Börne:[36]

„Die Meiungen sind geteilt, aber den Meisten, worunter ich auch gehöre, hat die Musik sehr gefallen. Es ist eine Deutsche volkstümliche Musik, wie wir doch eigentlich noch gar keine haben. Denken Sie sich einen Deutschen Don Juan, aber keinen aus der gebildeten, sondern aus der niedern Volksklasse – und da haben Sie etwa, die Art und die Würde der Musik, zur Mozartschen Oper gehalten. Es ist recht viel Originelles darin, und viel singbare Sachen. Die Stücke werden alle Gassenlieder werden.“

Dies ist nicht etwa das Urteil eines unvoreingenommenen Zeitzeugen, sondern von jemandem, der jeden Klatsch weiterträgt, wenn er nur Weber abträglich ist, und auch nicht hinzuzufügen vergisst, dass Weber lahm ist. Weber ist von Geburt an durch eine Fehlbildung der Hüfte gehbehindert.

Anders als beispielsweise Schillers Schauspiel Wilhelm Tell oder Aubers Oper Die Stumme von Portici enthält Der Freischütz nirgends politische Begriffe wie deutsch, national oder Vaterland oder Anspielungen darauf. Dennoch bestärkte er nationale Verbundenheit wie kein zweites Bühnenwerk.

Für Richard Wagner[37] ist die Melodie die Grundlage der Weberschen Volksoper,

„sie ist, frei aller lokal-nationellen Sonderlichkeit, von breitem, allgemeinen Empfindungsausdrucke, hat keinen andern Schmuck als das Lächeln süßester und natürlichster Innigkeit, und spricht so, durch die Gewalt unentstellter Anmut, zu den Herzen der Menschen, gleichviel welcher nationalen Sonderheit sie angehören mögen, eben weil in ihr das Reinmenschliche so ungefärbt zum Vorschein kommt.“

Adaptionen


Literatur


Weblinks


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Einzelnachweise


  1. Die Bühnenanweisung höhnisch Rübchen schabend bezeichnet die spöttische Geste, mit dem ausgestreckten über den deutenden Zeigefinger zu streichen.
  2. Carl Dahlhaus, Sieghart Döhring: Der Freischütz. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 6: Werke. Spontini – Zumsteeg. Piper, München/Zürich 1997, ISBN 3-492-02421-1, S. 660–667.
  3. August Apel und Friedrich Laun, Gespensterbuch . Band 1, Verlag Göschen, Leipzig, 1811
  4. Will-Erich Peuckert, Die Sagen der Monathlichen Unterredungen Otto von Grabens zum Stein, de Gruyter, Berlin, 1961, Seite XVI
  5. Der Freischütz bei klassik.com . Die dortige Behauptung, Weber habe die Freischützsage 1810 in Stift Neuburg vorgefunden, ist falsch.
  6. C. M. v. Webers Brief an Caroline Brandt vom 21. Mai 1817 .
  7. C. M. v. Webers Brief an Caroline Brandt vom 19. Februar 1817 .
  8. Brief von Johann Friedrich Kind vom 14. Juli 1817 .
  9. Friedrich Kind: Schöpfungsgeschichte des Freischützen . In: Der Freischütz, Volks-Oper in drei Aufzügen, Göschen, Leipzig, 1843, S. 117–123.
  10. Max Maria von Weber: Erste Idee zum Freischütz . In: Carl Maria von Weber Erster Band, Keil, Leipzig, 1864, Seite 203.
  11. Brief von C. M. v. Weber an Johann Gänsbacher vom 24. September 1810 .
  12. C. M. v. Webers Tagebuch vom 22. April 1818 .
  13. Karl Laux: Carl Maria von Weber. Reclam Biografien, Leipzig 1986, S. 150–152
  14. Brief von Carl von Brühl vom 24. Mai 1820 .
  15. C. M. v. Webers Tagebuch, 18. Juni 1821 .
  16. Allgemeine Musikalische Zeitung, Band 45, Breitkopf und Härtel, Leipzig 1843, S. 278.
  17. Heinrich Heines Zweiter Brief aus Berlin . Abgerufen am 31. März 2020. DHA, Bd. 6, S. 21 -- 26.
  18. Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich 53ster Teil S. 209 .
  19. Aufführungsbesprechung Wien 3. Nov. 1821 .
  20. Der wilde Jäger .
  21. Tagebuch der Deutschen Bühnen . Abgerufen am 31. März 2020.
  22. Die Wunderpille .
  23. Aufführungsbesprechung Royal Coburg Theatre . London, 1824
  24. Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte P - Sk, de Gryter, Berlin, 1977, S. 34 .
  25. Hofmeisters Handbuch der Musikliteratur, Band 16, 1924, S. 494 .
  26. Der Hamburger Freischütz .
  27. De Bruutschuß . Abgerufen am 30. März 2020.
  28. Paul Schallweg, Opern auf bayrisch, Rosenheim, 2010 (Inhaltsverzeichnis) .
  29. Martin Lade: Von Wallenstein zu Napoleon. Programmheft der Oper Köln, Spielzeit 2007/2008
  30. Weber-Gesamtausgabe: Webers Zurückhaltung bei Försters Gedicht .
  31. Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet .Friedrich Schiller, Gesammelte Werke, Bertelsmann Verlag, 1955, S. 83
  32. Karl von Decker: Der Freischütz in Paris, 1826 .
  33. Drury-Lane Theatre: "Der Freischütz" am 12. März 1825 .
  34. Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich 53ster Teil S. 210 .
  35. Börnes Besprechung der Freischütz-Aufführung in Stuttgart im April 1822 .
  36. Ludwig Börne an Jeanette Wohl: Brief vom 16. April 1822 .
  37. Richard Wagner, Oper und Drama, Reclam, 2000, Stuttgart, S. 55
  38. Richard Wagner Mein Leben I Seite 182
  39. Englische Übersetzung Tschaikowskis Rezension der Bolschoi-Inszenierung .
  40. Bohumil Herlischka . Abgerufen am 30. März 2020.
  41. Der Freischütz in Berlin . Abgerufen am 30. März 2020.
  42. Hunter’s Bride . Abgerufen am 23. März 2020. Auf der DVD und ihrer Hülle stimmen die Abbildungen der Sänger nicht mit den darunterstehenden Namen überein.
  43. Benno Schollum .
  44. Michael König .
  45. Swing frei, Schütz .



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