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Der Bevölkerung

Das Kunstwerk Der Bevölkerung von Hans Haacke wurde im Jahr 2000 im nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes nach Beschluss des Bundestages errichtet. Es besteht aus einem Kasten, gefüllt mit Kies und Erde, aus dem verschiedene Pflanzen sprießen, und in dessen Mitte der von innen beleuchtete Schriftzug „DER BEVÖLKERUNG“ angebracht ist. Der Schriftzug ist von allen Etagen des Gebäudes aus zu lesen. Die Förderung aus öffentlichen Mitteln dafür betrug umgerechnet ca. 200.000 €. Das Kunstwerk wurde im Rahmen von „Kunst am Bau“ realisiert.[1]

Die Arbeit bezieht sich auf den Schriftzug „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ am Reichstag. Der Künstler spielt mit dem Bedeutungsunterschied zwischen Volk und Bevölkerung: Der Begriff Bevölkerung schließt alle Menschen ein, die in einem Land leben. Hans Haacke hat sich bei seiner Aktion von einem Satz Bertolt Brechts inspirieren lassen:

„Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung […] sagt unterstützt schon viele Lügen nicht.“[2]

Mitglieder des Deutschen Bundestages sind aufgefordert, Erde aus ihrem Wahlkreis in die Arbeit einzubringen. Die Pflanzen wachsen spontan aus zufällig gelandeten Samen. Dies ist ein Verweis auf ein Ritual, welches laut Plutarch bei der Gründung der Stadt Rom vollzogen wurde und an die Multikulturalität dieser Stadt erinnern soll.[3]

Inhaltsverzeichnis

Kontroversen


Abgeordnete des Deutschen Bundestags vor der Abstimmung

Aufgrund der politischen Stellungnahme des Kunstwerkes kam es zunächst zu einer politischen Kontroverse über seine Errichtung. Volker Kauder, Mitglied des Kunstbeirats des Bundestags, wandte sich als Einziger in diesem Gremium[4] gegen das Kunstwerk:

„Ich sage Nein zu diesem simplen und für unser Haus unwürdigen Kunstwerk. Ich sage Nein dazu, dass der Versuch unternommen wird, das deutsche Volk verächtlich zu machen, auf eine kurze Zeit seiner Geschichte zu reduzieren. Ich sage Nein zu dem Versuch der Distanzierung des Deutschen Bundestags von seinem eigenen Volk.“

Im Bundestag widersprachen besonders Abgeordnete der CDU wie Norbert Lammert, aber auch die damalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer von den Grünen zunächst einem Ankauf der Arbeit. Es handele sich, so Lammert, dabei um eine „skurrile Bundesgartenschau“[5] und eine „Albernheit“. Wenn Abgeordnete sich dabei praktisch beteiligen sollten, müssten sie auch darüber diskutieren dürfen.

Für das Kunstwerk setzte sich Gert Weisskirchen (SPD) ein:

„Hier werden nicht die Widmungen ‚Dem Deutschen Volke‘ und ‚Der Bevölkerung‘ als Feindbegriffe einander gegenübergestellt, sondern beide Begriffe werden zueinander gestellt, um miteinander einen Dialog zu führen über die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir künftig leben? Das will uns der Künstler sagen.“[6]

Für den FDP-Politiker Ulrich Heinrich symbolisiert Haackes Kunstwerk den Übergang vom Ius sanguinis zum Ius soli.[7]

Ein fraktionsübergreifender Gruppenantrag gegen die Errichtung des Kunstwerkes wurde schließlich mit 260 gegen 258 Stimmen abgelehnt.[8]

Kommentare aus den Reihen der Medien und der Gesellschaft

Die FAZ bezichtigte Haacke in einem Kommentar, er wolle den Bundestag dem deutschen Volk „wegnehmen“, und die Arbeit sei verfassungswidrig, ein Urteil, zu dem auch ein von der CDU in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten gelangte.[9]

Dass jeder Bundestagsabgeordnete einen Sack Erde aus seinem Wahlkreis in einen Erdtrog schütten sollte, bewerteten Ästheten unter Haackes Kritikern „als kirchentagshaftes Gemeinschaftskitschritual“, andere Kritiker „als problematische Reminiszenz an NS-Bodenrituale“.[10]

Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler kritisierte, dass nicht der Kunstbeirat des Bundestags, sondern der Deutsche Bundestag selbst die Entscheidung über die Anlage des Kunstwerks zu treffen hatte, da einzelne Abgeordnete versucht hätten, „ihre persönlichen Geschmacksurteile in Bezug insbesondere auf das Kunstwerk von Hans Haacke durch Plenarabstimmungen mehrheitsfähig zu machen und dadurch ein unzuständiges Gremium, nämlich das Plenum des Deutschen Bundestages, mit Entscheidungen zur Qualität von Kunstwerken befassen.“[11]

Urheberrecht am Kunstwerk


Zu überraschender Aufmerksamkeit im Internet kam das Kunstwerk später noch einmal, als der Künstler es verbieten ließ, dass auf einer privaten Website[12] ein Foto der Installation gezeigt wird. Über die Verwertungsgesellschaft VG Bild-Kunst untersagte er der Besitzerin des Blogs die Nutzung für die fotografische Darstellung seines Kunstwerks im Internet. Während der Künstler aufgrund des deutschen Urheberrechts juristisch im Recht ist (ein allgemeines Recht auf öffentliche Präsentation von Fotos von Kunstwerken besteht nur, soweit diese Kunstwerke im öffentlichen Raum stehen; das Innere des Reichstagsgebäudes gilt nicht als öffentlicher Raum), wird in Kommentaren immer wieder auf den Widerspruch zum Inhalt des Schriftzugs hingewiesen.

Literatur


Weblinks


Einzelnachweise


  1. bundestag.de
  2. Bertolt Brecht: Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. 1935
  3. Lukas Wossagk: Die seltsamsten Orte der Antike: Gespensterhäuser, Hängende Gärten und die Enden der Welt. München, ISBN 978-3-406-72704-7.
  4. Christian Bauschke: Der deutschen Bevölkerung. In: Die Welt, 7. Dezember 1999
  5. 97. Sitzung. 5. April 2000. (PDF) Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, S. 9035
  6. 97. Sitzung. 5. April 2000. (PDF) Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, S. 9036
  7. 97. Sitzung. 5. April 2000. (PDF) Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, S. 9041
  8. Vanessa Müller: Provokante Triebe. Bundestag muss über Blumenbeet-Kunstwerk entscheiden. In: Spiegel Online, 25. Februar 2000
  9. Jörg Lau: Deutscher Mutterboden. In: Die Zeit, Nr. 9/2000
  10. Niklas Maak: Kunst kritisch? In: FAZ,22. Dezember 2006
  11. bbk-bundesverband.de (Memento des Originals vom 15. April 2005 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Pressemitteilung des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler, 12. März 2000
  12. Petra Tursky-Hartmann: Bevölkerung gehört Verwertungsgesellschaft. In: tursky.blogspot.de. 13. November 2006, abgerufen am 17. Dezember 2015.

Koordinaten: 52° 31′ 8″ N, 13° 22′ 34″ O




Kategorien: Bevölkerung | Kunstwerk im öffentlichen Raum | Bildende Kunst (Berlin) | Kunstwerk (Installation) | Werk (20. Jahrhundert)


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