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Decretum Gratiani

Das Decretum Gratiani (um 1140) war das Hauptwerk des in Bologna lebenden und als Vater der Kanonistik geltenden Kamaldulensermönchs Gratian.

Es bildet den ersten Teil einer Sammlung von sechs Rechtsbüchern, die im Corpus Iuris Canonici zusammengefasst sind. Name und Idee dieses Corpus laufen parallel zum Corpus Iuris Civilis, einer spätantiken Sammlung vornehmlich klassischen römischen Rechts.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte


Gratian, der als Mönch in einem Kloster in Bologna lebte, lehrte Kirchenrecht. Gratians Quellen waren das römische Recht, die Bibel, Dekretalen (Papstbriefe), Konzils- und Synodalakten und ältere Rechtssammlungen, wie die sogenannte Sammlung in drei Büchern, eine nur in zwei Handschriften erhaltene Sammlung[1] die wesentlichen Einfluss auf die zweite Redaktion des Decretum Gratiani ausübte. Er sammelte die in Jahrhunderten entstandenen Regeln und fasste sie – wenngleich noch recht unsystematisch – zusammen. Die Beschäftigung mit diesem Sujet ließ es als sinnvoll erscheinen, ein dem Corpus Iuris Civilis vergleichbares Standardwerk auch für das Kanonische Recht zu besitzen. Kanon, eine Vorschrift des Kirchenrechts, entspricht dem römisch-rechtlichen Begriff der lex, wie er sich in den Digesten findet.[2] Die Vorstellung zur Abfassung eines kanonischen Standardwerks, bedeutete die Geburtsstunde des Decretums. Dessen Erstellung hatte Signalwirkung: Ab dieser Zeit wurde das kanonische Recht an der Rechtsschule von Bologna wissenschaftlich gelehrt und bearbeitet.

Das Decretum Gratiani gilt als Beginn der Kanonistik als eigenständige Wissenschaft einerseits.[3] Da Irnerius zeitgleich und zudem in der gleichen Stadt sich der Aufarbeitung des römischen Rechts widmete, beeinflussten sich beide wechselseitig und das zukünftige Rechtswesen gleichermaßen. Ihre vergleichbare Vorgehensweise führte zu einem einheitlichen Prozess, der Ausstrahlung bis in die Moderne haben sollte, denn sie schufen ein ius commune, ein allgemeines Recht, das als Recht von „Legisten und Kanonisten“ die Zukunft prägen sollte.[2]

Eingebettet waren die beiden Rechtsprozesse in eine historische Situation, in der die Kirche und der Papst die Vorherrschaft in Europa ausübten. Sie befanden sich auf dem Gipfel ihrer Macht. Die Kirche war mittlerweile eine hierarchisch gegliederte und mächtige Großorganisation geworden. Dies gelang ihr besonders durch die Durchsetzung des Zölibats im Investiturstreit. Sie war mit staatlichen Herrschaftselementen ausgestattet, die alsbald Vorbildfunktion für das Machtstreben der Landesfürsten ausübte. Um diesen Apparat zu stützen, musste ein einheitliches Recht gelten, das zumindest eine Grundordnung besitzt. Diese konnte Gratian schaffen und auf seiner Ratio aufbauend war es möglich, die Ordnungsprinzipien weiterzuentwickeln, ohne – wie später im Mittelalter – in eine Selbstregulatorik zu verfallen.[2]

Weiterentwicklungen der Sammlung Gratians fanden durch neue päpstliche Entscheidungen ihren Niederschlag, so beispielsweise im Liber Extra von 1234 und im Liber Sextus von 1298. In den 1580er Jahren erhielt das Werk Corpus iuris civilis von Gothofredus (1583) in seiner Ausgabe den heutigen Namen. Er lehnte sich dabei an den ebenfalls neuen Begriff des gratianischen Werkes, Corpus iuris canonici, an.

Werk


Gratian selbst nannte sein Werk Concordia Discordantium Canonum (lat. Übereinstimmung entgegenstehender Regeln) und stellt einen nicht streng systematischen, nach scholastischer Methode abgefassten Leitfaden des Kirchenrechts bis zum zweiten Laterankonzil von 1139 dar. Der Name ist Programm: Gratian versuchte scheinbar gegensätzliche Canones miteinander zu harmonisieren, er diskutiert unterschiedliche Meinungen und entscheidet sich für eine Lösung. Es wurde gelegentlich behauptet, Gratian habe Burchard von Worms' Decretorum Libri XX nicht verwendet. Diese Behauptung ist unzutreffend. Zwar wurden andere Rechtssammlungen wesentlich systematischer von Gratian verwandt, doch kommt der Name Burchards sogar zweimal im Decretum vor: Beide Male D.73 c.1. Freisen weist sogar nach, dass Gratian eine von Burchard verwendete, wohl verfälschte Stelle in sein Dekret aufnimmt und sie korrigiert: C.35 q.5 c.1 und C.35 q.4 c.1 – bei Burchard Bur. 7.10 (Lit.: Freisen, S. 16, 417, 421).

Die dialektische Arbeitsweise machte es für andere Rechtslehrer interessant, mit dem Dekret zu arbeiten und eigene Lösungen und Kommentare zu entwickeln. Gratian hatte allgemeine Sätze (distinctiones) entwickelt, formulierte fingierte Rechtsfälle für deren Darstellung (causae), stellte Rechtsfragen (quaestiones) und harmonisierte Widersprüche in dicta (paragraphi). Diese Kommentare wurden zunächst – ebenso wie in der Legistik – in der Form von Glossen verfasst. Gedruckte Ausgaben des 16. oder 17. Jahrhunderts sind sehr häufig mit Glossen ediert. Sammlungen von Glossen nennt man Glossenapparat oder Lectura in Decretum (siehe auch Glossatoren). Systematische Kommentare nennt man Summen. Sehr bald waren einige dieser Summen zum Dekret im Umlauf und erlangten vergleichbare Berühmtheit. Frühe Kommentatoren waren Paucapalea (vor 1148) und Magister Rolandus, den man – wohl irrtümlich – mit Papst Alexander III. (1159–1181) identifizierte.

Die wohl wichtigsten Kommentatoren waren Rufinus von Bologna († vor 1192) und Huguccio († 1210). Weniger bekannt, vielleicht weil vom gewichtigeren Werk Huguccios und Rufins überlagert, war das des Simon von Bisignano. Sein Werk besteht aus Glossen zum Dekret und der Summa Simonis.[4]

Eine der wichtigen Auswirkungen des Decretum Gratiani war die Tatsache, dass das altkirchliche Zinsverbot in der mittelalterlichen Kirche allgemeine Verwendung fand. Aber auch der in eine Vorschrift gegossene Gedanke zum „gerechten Preis“ (iustum pretium) rührt aus der Quelle. Gegen das sich parallel entwickelnde römische Recht, konnte sich das Decretum dahingehend behaupten, dass die rechtsgeschäftlichen Formvorschriften gelockert wurden.[5]

Ausgabe


Literatur


Weblinks


Einzelnachweise


  1. Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 3831, und Pistoia, Archivio Capitolare del Duomo, C 109.
  2. a b c Uwe Wesel: Geschichte des Rechts. Von den Frühformen bis zur Gegenwart. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Beck, München 2006, ISBN 3-406-47543-4. Rn. 217.
  3. Ulrich Rhode: Kirchenrecht. Kohlhammer, Stuttgart 2015 (Studienbücher Theologie; Bd. 24), ISBN 978-3-17-026227-0, S. 19.
  4. Vgl. Daniel Schwenzer: Simon von Bisignano. In: Traugott Bautz: Biographisch-bibliographisches kirchenlexikon (BBKL), Bd. 16, 1999, Sp. 1442–1446.
  5. Vgl. insoweit die vier formgebundenen Rechtsgeschäftstypen des älteren römischen Rechts: Konsensualvertrag, Verbalvertrag, Realvertrag und Litteralvertrag.



Kategorien: Christentum (12. Jahrhundert) | Rechtsquelle (kanonisches Recht) | Recht (Mittelalter) | Römisches Recht | Rechtsgeschichte (Italien)

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