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Christlicher Zionismus

Als Christlichen Zionismus beschreibt man die vor allem im evangelikalen Christentum verbreitete Ansicht, dass Christen den Staat Israel aus theologischen Gründen unterstützen müssen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und Herkunft


Ideengeschichtlich lässt sich der christliche Zionismus aus den protestantischen Schwesterbewegungen Puritanismus und Pietismus ableiten, die zu einem zunehmenden Engagement in der Judenmission führten. In England waren die philosemitischen Strömungen stärker als in Deutschland, namentlich in einer Bewegung, die seit dem frühen 19. Jahrhundert als evangelical bezeichnet wird, woraus sich das neuere deutsche Wort evangelikal entwickelte.

Der eigentliche christliche Zionismus begann mit dem Entstehen des von Theodor Herzl vorangetriebenen politischen Zionismus und Herzls Bestreben, aus strategischen Gründen Nicht-Juden zur Unterstützung seiner Idee heranzuziehen: „Leider ist es so, daß die Angaben eines arischen Barons die upper Jews stärker beeinflussen, als was immer unsereiner sagen könnte.“[1] Als Geburtsjahr kann 1896 gelten, als der anglikanische Pfarrer William Hechler als Chaplain an der britischen Botschaft in Wien wirkte, Herzls Judenstaat las und sich daraufhin dem jüdischen Zionistenführer als Gehilfen anbot. Auch bei Hechler erkennt man, dass es pragmatische Gründe waren, warum sich der Zionismus auf seine christlichen Bewunderer einließ. So schrieb Herzl über den anglikanischen Botschaftsgeistlichen, dass er „ein feines Instrument für meinen Zweck“ sei.[2]

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Großbritannien das Land mit dem größten Anteil an christlichen Zionisten, wurde dann aber in diesem Rang von den USA abgelöst. Heute fungieren die christlichen Zionisten unter den Evangelikalen in den USA als eine starke Lobby zugunsten des Staates Israel und nehmen als solche Einfluss auf die Außenpolitik Washingtons.

Der jüdische Zionismus fand um 1900 nicht nur Unterstützung unter den Evangelikalen, sondern auch unter Angehörigen eines eher liberalen Christentums, gerade in Deutschland und Österreich. So verstand sich der liberale Protestant Hermann Maas, der 1903 am 6. Zionistenkongress teilnahm, als (christlicher) Zionist.[3] Auch der mit dem Sozialismus sympathisierende Theologe Friedrich-Wilhelm Marquardt, ein Pionier des christlich-jüdischen Dialogs, versuchte zeitlebens den politischen Zionismus auch im Rahmen einer christlichen Theologie zu bejahen. Für christlich-liberale oder linke Unterstützer des Zionismus und des Staates Israel wird heute allerdings nicht der Ausdruck „christlicher Zionismus“ verwendet. Heute gilt: Viele christliche Zionisten sind Evangelikale, aber bei weitem nicht alle Evangelikalen sind christliche Zionisten, vor allem in Mitteleuropa nicht.

Die recht kleine Bewegung des christlichen Zionismus unterschied sich seit ihrer Entstehung von den übrigen apokalyptischen Lehren pietistischer Couleur (z. B. im Rahmen der im 19. Jahrhundert aufkommenden Württembergischen Tempelgesellschaft oder der Gemeinschaftsbewegung) durch ihren klaren Philosemitismus, während die anderen Endzeitchristen mehr vom traditionellen christlichen Antijudaismus geprägt waren. Dies änderte sich erst in der Zeit nach der Staatsgründung Israels, mehr noch im Zuge des Sechstagekrieges 1967, als der christliche Zionismus mehr und mehr evangelikale Christen für sich gewinnen konnte. Die neue Attraktivität des christlichen Zionismus kann auf rationaler Basis damit erklärt werden, dass dessen religiöse Deutung verschiedene innerevangelikale, aber auch allgemein-politische Bedürfnisse befriedigte:

Lehre


Hechlers Theologie entspricht in ihren Grundzügen bis heute der Lehre der christlichen Zionisten: Die alttestamentliche Verheißung, dass die Juden am Ende der Zeiten nach Palästina zurückkehren würden, erfülle sich gerade jetzt. Deshalb sei es die Pflicht der Christen, die Juden bei der Ansiedlung in Palästina zu unterstützen. Christlicher Zionismus und der starke Glaube an die Endzeit bilden in der Regel zwei Seiten einer Medaille. Die Gründung des Staates Israel 1948 wird hier als das bedeutendste Zeichen der Endzeit gesehen, als Hinweis darauf, dass Jesus Christus als der jüdische wie christliche Messias bald (wieder)komme.

Nach der christlich-zionistischen Endzeitlehre, die sich aus dem traditionellen Chiliasmus und dem Dispensationalismus des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, wird es am Ende der Zeiten zur gewaltigen Völkerschlacht in Armageddon (= Megiddo) kommen. Die Nationen, die versucht haben, den Staat Israel auszulöschen, würden durch den nun auf dem Ölberg in Jerusalem wiederkommenden Jesus Christus zurückgeschlagen. Weil hier die Juden Jesus als ihren politischen Befreier erlebten, würden sie ihn kollektiv als ihren eigenen Messias anerkennen. Nun beginne das Tausendjährige Reich (= Millennium), in dem Jesus Christus als neuer jüdischer König über die Erde herrsche. Diese Sichtweise erklärt, warum christliche Zionisten die Nahostgeschehnisse beobachten und jede israelfeindliche Äußerung eines arabischen oder islamischen Präsidenten als Teil der ihrer Ansicht nach heraufziehenden apokalyptischen Endzeitgeschehnisse bewerten.

Die Geschichtstheologie des christlichen Zionismus beruht auf zahlreichen Bibelstellen des Alten und Neuen Testaments, die nach einer spezifischen Art und Weise miteinander kombiniert werden und nach gewissen Analogien mit aktuellen politischen Ereignissen in Verbindung gebracht werden.

Beispiele christlich-zionistischer Bibelauslegung:

Kritik


Dass der christliche Zionismus von seiner theologischen Basis und seinen politischen Äußerungen her vielfach im Gegensatz zur säkularen Moderne steht, hat zu stetig wachsender Kritik geführt, weniger in wissenschaftlicher Literatur als in den Medien (siehe einige der Weblinks). Hier ist die Kritik meist an tagespolitische Ereignisse geknüpft – in Verbindung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt oder der Außenpolitik der USA – und geht in der Regel nicht auf die ursprünglichen theologischen und politischen Intentionen des christlichen Zionismus ein. Einerseits werden zum Nahostkonflikt immer wieder Sensationsmeldungen veröffentlicht, andererseits wird in den Medien oft der Anschein erweckt, dass christlich-zionistisch und evangelikal deckungsgleich seien.

Vorwurf der Judenmission

Der christliche Zionismus ist keine einheitliche Bewegung. So gibt es Gruppierungen, die offen Juden zu missionieren versuchen, andere, die diese Versuche konsequent ablehnen. Eine Solidarität zu sogenannten messianischen Juden ist aber allen christlichen Zionisten eigen. Allgemein kann man sagen: Auch wenn die ersten christlichen Zionisten meist aus judenmissionarischen Tätigkeiten kamen, führte ihr freundschaftlicher Umgang mit zionistischen Juden vielfach zu einem faktischen (wenn auch nicht theoretischen) Verzicht auf Judenmission. Dabei ist es im Grunde bis heute geblieben. Der praktische Verzicht auf Judenmission galt um 1900 als „modernistischer“ Abfall vom rechten Glauben, als besonders offizielle lutherische Kreise gezielt Juden zu missionieren trachteten. Heute jedoch, nachdem die großen Kirchen judenmissionarische Tätigkeiten aufgegeben haben, wirkt die christlich-zionistische Lehre, wonach die Juden bei der Wiederkunft Christi diesen als ihren eigenen Messias annehmen würden, als veraltet-konservativ und intolerant.

Vorwurf der einseitigen Unterstützung Israels

Auch hier ist der christliche Zionismus nicht einheitlich. Einige Gruppierungen beschränken sich auf politische Solidarität mit dem Staat Israel, ähnlich wie die Deutsch-Israelische Gesellschaft. Andere Kreise fordern allerdings aufgrund einer spezifischen Lesart des Alten Testaments, dass das heutige Israel die in der Bibel beschriebenen Landesgrenzen einzunehmen habe, woraus sich eine Groß-Israel-Theologie ergibt, in der kein Platz für einen souveränen Palästinenserstaat ist. Wer der letzteren Auffassung folgt, neigt automatisch zu einer radikalen Ausschließlichkeit, die keine politischen Kompromisse mehr kennt und auf Ausgleich setzende Friedenslösungen kategorisch ablehnt. An prominenter Stelle ist hier der Fernsehprediger Pat Robertson zu nennen, der Anfang 2006 die Krankheit von Ariel Scharon als Strafe Gottes dafür ansah, dass er den Gaza-Streifen räumen ließ.

Christlich-zionistische Gemeinschaften und Personen


In Deutschland, Schweiz und Österreich:

In Israel:

In den USA:

Literatur


Weblinks


Einzelnachweise


  1. Theodor Herzl: Briefe und Tagebücher 2, S. 500
  2. Theodor Herzl, op. cit., S. 313
  3. So Gronauer, Gerhard: Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972 (AKIZ.B57). Göttingen 2013. S. 109.



Kategorien: Zionismus | Evangelikalismus | Christlich-jüdische Beziehungen

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Quelle: Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Christlicher Zionismus (Autoren [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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