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Bassam Tibi



Bassam Tibi (arabisch بسام طيبي, DMG Bassām Ṭībī; geboren am 4. April 1944 in Damaskus) ist ein deutscher Politikwissenschaftler syrischer Herkunft. Von 1973 bis 2009 war er Professor für Internationale Beziehungen an der Georg-August-Universität Göttingen, hatte darüber hinaus zahlreiche Lehr- und Forschungsaufenthalte an ausländischen Hochschulen und wurde über Buchveröffentlichungen und Medienauftritte vor allem in Deutschland auch einem breiten Publikum als Experte für die Arabische Welt und den Politischen Islam bekannt. Er hat 1991 den Begriff des Euro-Islam und 1998 den der Leitkultur geprägt und eingeführt. Seit 2015 kritisiert er die deutsche Flüchtlingspolitik als konzeptlos. Er plädierte dafür, dass Deutschland sich von einem Zuwanderungsland zu einem Einwanderungsland entwickelt. Dabei sprach er sich nicht grundsätzlich dagegen aus, dass Deutschland viele Flüchtlinge aufnimmt, sondern kritisierte, dass es ihnen „außer Unterbringung, Alimentierung und Sprachkursen nichts anzubieten“ habe.[1][2] Zudem warnt er vor zugewandertem Antisemitismus.[3][4] Diese Warnung vor dem neuen Antisemitismus war auch zentrales Thema seiner Rede, die er anlässlich des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 3. Mai 2019 vor dem österreichischen Parlament hielt.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk


Bassam Tibi stammt aus einer traditionsreichen Gelehrten-Familie (Banu al-Tibi) in Damaskus und ist sunnitischer Muslim.[5] Als Kind lernte er bis zu seinem sechsten Lebensjahr den Koran auswendig zu rezitieren, womit er sich das Prädikat Hāfiz erwarb.[6] 1962 kam er nach Deutschland und studierte ab 1965 Sozialwissenschaft und Philosophie – unter anderem bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – sowie Geschichte an der Universität Frankfurt am Main, wo er 1971 mit seiner Dissertation Nationalismus in der Dritten Welt am arabischen Beispiel promoviert wurde. Sein Doktorvater war Iring Fetscher. 1973 wurde er zum Universitätsdozenten und kurz darauf ohne Habilitation zum Professor berufen. Tibi habilitierte sich 1981 an der Universität Hamburg.

Neben seiner Professur in Göttingen war er Visiting Scholar und Research Associate an der Harvard-Universität (1982–1993) und dort auch Bosch Visiting Professor von 1998 bis 2000. Im akademischen Jahr 2003/2004 war er Gastprofessor für Islamologie an der Universität St. Gallen und im Herbst 2003 Gastprofessor an der Islamischen Universität Jakarta in Indonesien (Islamic State University of Jakarta). Seit 2004 hat er den A.D.-White-Lehrstuhl an der Cornell University, zuvor wirkte er als Erma O’Brien Distinguished Professor am European Union Center des Scripps College im kalifornischen Claremont und lehrte 2006–2009 jährlich einen Kurs für Islamologie an der Diplomatischen Akademie Wien.

Von 1986 bis 1988 hatte er mehrmals Gastprofessuren des Deutschen Akademischen Austausch-Diensts (DAAD) in Asien und Afrika inne, unter anderem in Khartum im Sudan sowie in Yaoundé in Kamerun. Er hatte eine Harvard-Fellowship und weitere in Princeton und Ann Arbor (Michigan). Von 1989 bis 1993 war er Mitglied des Fundamentalismusprojekts der American Academy of Arts and Sciences. 1994 war Tibi Gastprofessor an der University of California in Berkeley und 1995 und 1998 an der Bilkent-Universität in Ankara, zudem A.D.-White-Professor der Cornell University in Ithaca, New York bis 2010 und im akademischen Jahr 2008/09 Senior Research Fellow an der Yale University, USA.

Tibi schloss seine akademische US-Karriere 2010 als Senior Resnick Fellow for the Study of Antisemitism am Center for Advanced Holocaust Studies in Washington D.C. ab, wo er sein Buch Islamism and Islam schrieb.

Er war Gründungsmitglied der Arabischen Organisation für Menschenrechte und beteiligte sich am „Cordoba-Trialog“ für den jüdisch-islamisch-christlichen Austausch. Er ist ein Kritiker des Islamismus und des traditionellen Islam und verlangt religiöse Reformen und Akzeptanz einer Synthese von europäischen Werten und Islam (Euro-Islam). Im Jahr 2010 war Tibi Gründungsmitglied des Verbandes Demokratisch-Europäischer Muslime VDEM in Aachen.[7][8]

Als seine wissenschaftliche Hauptleistung gilt die Grundlegung der historisch sozialwissenschaftlichen Islamologie seit 1980.

Tibi lebt im Stadtteil Geismar in Göttingen und ist seit 1976 in zweiter Ehe verheiratet. Aus erster Ehe (1969–1975) hat er einen Sohn, Fabian Tibi. Tibi ist seit 1976 deutscher Staatsbürger.[9][10] Von 2004 bis 2011 lebte und forschte er in den USA. In Deutschland meldete er sich im Jahr 2016 publizistisch zurück mit einem großen Interview in der Welt[11], einer überarbeiteten Neuauflage seines Werkes Europa ohne Identität sowie mit regelmäßigen Gastbeiträgen in der Basler Zeitung. Diese wurden teilweise auch von der Basler Zeitung an den Blog Achse des Guten lizenziert; Tibi selbst hat allerdings nie für die Achse des Guten geschrieben. Seine Beiträge für die Basler Zeitung veröffentlichte er 2018 gesammelt in Buchform, 2019 erweitert und ergänzt, jeweils unter dem Titel Basler Unbequeme Gedanken. Seit November 2017[12] ist Tibi regelmäßiger Gastautor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

Positionen


Im Rahmen seines umfänglichen publizistischen Schaffens hat Tibi mehrere Begriffe geprägt oder mitgeprägt, darunter Leitkultur, Parallelgesellschaft, Euro-Islam und „Scharia-Islam“. In seiner Theorie vom Traum von der halben Moderne, einer kritischen Auseinandersetzung mit den Entwicklungstendenzen der islamischen Zivilisation, unterscheidet er zwei Aspekte: Zum einen die institutionelle Moderne, welche Wissenschaft und Technik sowie die traditionellen Lebensbereiche besetze, und zum anderen die kulturelle Moderne, die für freiheitliche Grundwerte, Menschenrechte, Demokratisierung und Chancengleichheit stehe. Die halbe Moderne sei demnach eine partielle Modernisierung durch Übernahme der Instrumente insbesondere auf den Gebieten Wissenschaft und Technologie bei gleichzeitiger Ablehnung der kulturellen Moderne, d. h. der Werte und Weltsicht der modernen Welt.

In seinem Buch Die fundamentalistische Herausforderung – Der Islam und die Weltpolitik aus dem Jahr 1992 sieht er den islamischen Fundamentalismus nicht als religiöse Richtung, sondern als Ideologie, die aus der Konfrontation des Islam und der nach seiner Ansicht rückständigen islamischen Welt mit der Moderne entstanden sei. In seinen zentralen Büchern zeigt Tibi anhand von Feldforschung in 22 islamischen Ländern, dass der Islamismus zwar politisch ist, dennoch aber sehr viel mit Religion zu tun hat. Denn im politischen Islam würden alle gesellschaftlichen Probleme religionisiert. Den Begriff der Religionisierung hat Tibi in seiner Forschung geprägt. Der Islamismus als primär sunnitisch-arabische Bewegung ist seiner Ansicht nach als Antwort auf die in der muslimischen Welt nicht bewältigte Globalisierung entstanden. Dem Fundamentalismus gehe es dabei um die Zerstörung von Nationalstaaten und die Errichtung einer islamischen Weltordnung inklusive Scharia.[13]

Angesichts ausgreifender islamistischer Strömungen forderte Tibi 1998 in seinem Buch „Europa ohne Identität“ eine „europäische Leitkultur“ und führte diesen Begriff im Rahmen der Diskussion über die Integration von Migranten in Deutschland gegen einen wertebeliebigen Multikulturalismus ins Feld, auch um der fortschreitenden Ausbildung von Parallelgesellschaften entgegenzuwirken. In diesen Zusammenhang gehört auch seine Forderung, die in die europäischen Staaten eingewanderten Muslime müssten die jeweiligen Rechts- und Verfassungsordnungen ihrer Aufnahmeländer respektieren. Tibi entwirft hierfür die Vision eines Euro-Islam. Vom Konzept einer „deutschen Leitkultur“ distanzierte er sich jedoch („Ich habe immer betont, dass es gefährlich ist, von einer deutschen Leitkultur zu sprechen. “[14]).

In seinem 2005 erschienenen und 2007 erweiterten Werk Mit dem Kopftuch nach Europa? markierte Tibi deutliche Vorbehalte gegenüber einem EU-Beitritt der Türkei, die er unter der damaligen AKP-Führung nicht auf dem Weg in die europäische Wertegemeinschaft sah. Die AKP, Partei des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seit November 2002 mit einer absoluten Mehrheit im türkischen Parlament, werde von ihren führenden Repräsentanten zwar als islamisch-konservativ dargestellt, verfolge aber in Wirklichkeit islamistische Ziele. Ein Beleg dafür sei die zunehmende Uniformierung der Frauen unter dem Kopftuch, das nicht mehr vorrangig überkommenes Volksbrauchtum ausdrücke, sondern immer mehr als islamistisches Zugehörigkeitsbekenntnis propagiert und eingefordert werde. Außerdem fördere Erdoğans Regierung İmam-Hatip-Schulen als Konkurrenz zu den kemalistisch-laizistischen staatlichen Schulen. Beide Ansätze würden auch in die türkischen Migrantengemeinden insbesondere in Deutschland exportiert und förderten dort die Ausbildung islamistisch geprägter Parallelgesellschaften, die die Scharia (Gottesgesetz) über das jeweilige staatliche Recht stellten. Mit einem Beitritt der Türkei in die EU unter den gegenwärtigen Voraussetzungen verbinde sich daher die Gefahr eines Marsches verkappter Islamisten durch die europäischen Institutionen. Diesem Islamismus hätten die Altmitglieder wegen ihrer multikulturellen Ausrichtung und des zu weit gefassten Toleranzbegriffs wenig entgegenzusetzen. Allerdings lehnte Tibi eine künftige EU-Mitgliedschaft der Türkei nicht rundweg ab. Sein Prüfkriterium war die vollständige Integration und Akzeptanz türkischer Migranten in Deutschland. Zu deren Gelingen müssten beide Seiten mit vereinten Kräften beitragen, indem sie sich von ihrer bisherigen Linie lösen: zum einen die einstweilen fahrlässig uninteressierte deutsche Zivilgesellschaft, zum anderen die ihrerseits noch wenig konstruktiv handelnden politisch und sozial gestaltenden Kräfte in der Türkei. Scharia-Islam und Kopftuch-Uniformierung jedenfalls sind für Tibi geradezu Gegenindikatoren des anzustrebenden Integrationsprozesses. Im Gelingensfall wäre der Integrationsprozess nach Tibi aber sehr wohl geeignet zu zeigen, dass die Türkei für Europa die ihr bisher nur zugedachte Brückenfunktion zu anderen islamisch geprägten Gesellschaften ausüben könnte. Dies werde sich aber wohl erst in einem längeren als dem jetzt für den Beitrittsprozess anvisierten Zeitraum erweisen können.

Tibis Werk in deutscher Sprache umfasst 30 Bücher, die im Zeitraum von 1969 bis 2009 entstanden sind. Seine Hauptwerke sind eine umfassende Ideengeschichte des Islam, 1996 erschienen unter dem Titel „Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart“ sowie eine Zivilisationsgeschichte des Islam, 1999 erschienen unter dem Titel „Kreuzzug und Djihad“. Beide Werke erschienen in mehreren Auflagen.

Kritik


Gazi Çağlar, türkischstämmiger Fachhochschulprofessor für Soziale Arbeit, attestierte Tibi 2009 Affinität zu konservativen Positionen: Tibi stelle ein Zivilisationsparadigma auf, dessen geschichtsphilosophische Grundlage an Oswald Spengler und Arnold J. Toynbee erinnere und damit einen gefährlichen „ideologische[n] Brandsatz“ darstelle.[15] In dem Buch Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus folge Tibi der Theorie Samuel P. Huntingtons vom Kampf der Kulturen.[16][17] Gleichwohl distanziert sich Tibi im selben Buch (Kap. 7) von Huntingtons Deutungsansätzen.[18]

Veröffentlichungen (Auswahl)


Ehrungen und Auszeichnungen


Literatur


Weblinks


Commons: Bassam Tibi  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Bassam Tibi: Humanitäre Politik ist keine Einwanderungspolitik. In: Cicero, 23. Oktober 2016
  2. Benedict Neff: Diese Männer denken: Deutsche Frauen sind Schlampen. Bassam Tibi, Syrer und Schüler Theodor W. Adornos, ist ein Kenner des Islams. Worüber er spricht, will in Deutschland niemand hören: Judenhass der Araber, Sexismus und deutscher Extremismus. In: Basler Zeitung, 7. Juli 2016, S. 2–3
  3. Bassam Tibi: Die Rückkehr des Judenhasses. Basler Zeitung online, 13. März 2017 (Gastbeitrag)
  4. Bassam Tibi: Islamische Zuwanderung und ihre Folgen. Der neue Antisemitismus, Sicherheit und die „neuen Deutschen“. 2018, S. 82 ff.
  5. Bassam Tibi: Europa ohne Identität? München 1998 (Tb., Siedler Verlag), S. 136
  6. Bassam Tibi: Ballot and Bullet: The Politicisation of Islam. (PDF), Vortrag vom November 2009, Webseite der Universität Aarhus, abgerufen am 31. August 2015 (englisch)
  7. Regina Mönch: Die anderen Muslime Frankfurter Allgemeine Zeitung 17. Mai 2010
  8. Interview Klaus Pokatzky mit Reza Hajatpour: „Und uns ist es wichtig, mit anderen säkularen Verbänden in Dialog zu treten“ Deutschlandfunk 21. Mai 2010
  9. Bassam Tibi: Heimatlos und entwurzelt zwischen den Kulturen: Autobiographische Notizen anlässlich des eigenen 70. Geburtstags. (PDF) 2014
  10. spiegel.de
  11. Andrea Seibel: Bassam Tibi: „Fünf bis zehn Prozent der Muslime leben europäisch“. In: Welt Online. 4. Juli 2016 (welt.de [abgerufen am 22. Juni 2018]).
  12. Bassam Tibi: Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht. In: NZZ. 25. November 2017, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 22. Juni 2018]).
  13. Samuel Salzborn (Hrsg.): Klassiker der Sozialwissenschaften – 100 Schlüsselwerke im Portrait. Springer VS, Wiesbaden 2014, S. 353–356
  14. Yassin Musharbash: „Wir brauchen eine europäische Leitkultur“. Spiegel Online, 23. November 2004; Interview mit Tibi
  15. Bassam Tibis Blick zurück im Zorn. Spiegel Online, 21. Oktober 2009
  16. Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen , Zusammenfassung, Unrast Verlag
  17. Die Neuerfindung des Islam , Tagesspiegel, 19. Februar 2006
  18. Vgl. außerdem Tibis Kritik an Huntington in: Roman Herzog: Wider den Kampf der Kulturen. Eine Friedensstrategie für das 21. Jahrhundert. Fischer, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-10-030210-9.
  19. Georg-August-Universität Göttingen – Prof. Dr. Bassam Tibi . Institut für Politikwissenschaft, uni-goettingen.de. Abgerufen am 16. Juli 2016.
  20. Medienbericht .



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