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Armee 61




Armee 61 ist der umgangssprachliche Ausdruck für die mit der Truppenordnung[1] 1961 (TO 61) begonnene Modernisierung. Sie machte die Schweizer Armee zu einer starken Milizarmee und zur grössten Armee der Schweizer Geschichte.[2] Sie löste die Truppenordnung 1951 (TO 51) ab, welche noch auf den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs beruhte, um auf die geänderte Bedrohungslage infolge des Kalten Krieges zu reagieren. Die Truppenordnung 61 blieb 30 Jahre in Kraft, wurde über 60 Mal revidiert und weiterentwickelt und am 1. Januar 1995 durch die Armee 95 abgelöst.

Inhaltsverzeichnis

Sicherheitspolitische Lage


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hoffnung auf eine Friedensdividende, um die militärischen Anstrengungen herunterfahren zu können, bald zerschlagen.

Die Entstehungszeit der Armeekonzeption 1961 war geprägt vom Kalten Krieg zwischen den Militärbündnissen der NATO (1949) und dem Warschauer Pakt (1955–1991).

Der Eiserne Vorhang war eine Politik der Abgrenzung, die durch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 und nachdem die Sowjetunion 1949 selbst Kernwaffen entwickelte, zu einem Wettrüsten führte, auf dessen Höhepunkt die beiden Staaten rund 70.000 Atomsprengköpfe besassen. Dass Europa zu einem nuklearen Schlachtfeld werden könnte, war der breiten Bevölkerung in der Schweiz bewusst und es gab kaum Opposition gegen eine starke Armee, wie sie mit der Konzeption Armee 61 verwirklicht wurde.

Als Anzeichen für die Expansionspläne der Sowjetunion galten der Aufstand des 17. Juni 1953 in der DDR, der Ungarische Volksaufstand 1956, die Berliner Mauer (1961–1989) und der Prager Frühling 1968. Insbesondere während der Berlin-Blockade (1948–49) drohte der kalte Krieg in einen heissen umzuschlagen. Mit dem Moskauer Memorandum von 1955 erklärte sich Österreich zur militärisch neutralen Zone, wodurch das Szenario eines möglichen sowjetischen Vormarsches von der Tschechoslowakei und Ungarn durch den neutralen Korridor bis an die Schweizer Grenze auftauchte. Wie der Bundesrat die zunehmende Gefahr beurteilte, kam im Zivilverteidigungsbuch zum Ausdruck, das er 1969 an alle Haushaltungen der Schweiz verteilen liess.

Bis zur Ablösung der Truppenordnung 61 im Jahr 1991 kam es laufend zu neuen Bedrohungsbildern[3], die zu einer ständigen Anpassung und Weiterentwicklung der Armee 61 führten. Die Kolonialkriege wurden mit dem Indochinakrieg (1946–1954), Koreakrieg (1950–1953), Vietnamkrieg (1955–1975), Afghanistankrieg (seit 1978) usw. fortgesetzt. Mit den modernen Kriegswaffen nahmen die Kriegsopfer unter der Zivilbevölkerung dramatisch zu.[4] 1962 führte die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba zur Kubakrise und an den Rand eines Dritten Weltkriegs. Die internationalen Verflechtungen mit der zunehmenden, vor allem wirtschaftlichen Globalisierung führte zu Ungleichgewichten, Wirtschaftskriegen um Ressourcen (Öl, Gas, Uran).[5]

Sicherheitspolitische Gesamtkonzeption


Die Armee 61 war ein Konzept der militärischen Landesverteidigung, das erstmals in eine Gesamtstrategie schweizerischer Sicherheitspolitik eingebettet war. Gemäss der am 27. Juni 1973 erlassenen Konzeption trug der Bundesrat die Verantwortung für die Gesamtverteidigung (Armee, Kriegsvorsorge und Kriegswirtschaft, Zivilschutz).[6] Die Armee 61 war eine typisch schweizerische Konzeption, die auf dem Kampf aus Festungen, den drei Heeresklassen (Auszug, Landwehr, Landsturm) und den ortsfesten Truppen mit ihrer Verwurzelung in der Bevölkerung basierte. Sie baute auf die Milizarmee mit ihrem Erfahrungspool von militärischen und zivilen Kenntnissen und Erfahrungen und ihrer Flexibilität in Zeiten realer Bedrohung aus dem Volk rasch mobilisiert werden zu können. Die Dienstzeit betrug 49 Wochen, zusammen mit den ausserdienstlichen Pflichten (Inspektion, Schiesspflicht) ein Jahr. Die Tauglichkeitsrate bei der Rekrutierung lag jährlich über 85 %. Die Allgemeine Wehr-, die lange Dienstpflicht und die vertrauten militärischen Strukturen waren eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren der Milizarmee: Die gut geschulten Bürgersoldaten mit ihrer beruflichen Vielfalt als Politiker, Unternehmer, Arbeiter, Handwerker, Lehrer und Familienväter waren im Volk breit verankert.

Die zunehmende Mechanisierung der Armeen in Europa führte zum politischen Auftrag, die Schweizer Armee auf das neue Bedrohungsbild auszurichten. Allen Seiten war klar, dass die Armee vor allem beweglicher gestaltet werden sollte. In der Planung bildeten sich zwei Lösungsansätze heraus:

  1. Starke Verteidigungsstellungen im Alpenraum mit weiterem Ausbau des Reduits. Ausbau der Festungswerke entlang des Schweizer Juras. Aufbau von Grenzbrigaden zur Verlangsamung eines eindringenden Gegners. Mechanisierte Verbände sollten aus starken Verteidigungsstellungen heraus, den durch die Grenzbrigaden abgenutzten und gebremsten Gegner, im Mittelland in die Flanken fallen und vernichten.
  2. Aufbau von Grenzbrigaden zu Verlangsamung eines eindringenden Gegners und Ermöglichen der Mobilmachung. Das gesamte Mittelland wird mit drei stark mechanisierten Armeekorps in gestaffelten Verteidigungsstellungen verteidigt. Ein Armeekorps nützt den Gegner ab, das zweite stoppt ihn und das dritte – falls nicht schon geschehen – vernichtet ihn. Die Alpentransitachsen werden durch starke Gebirgsinfanterie- und Festungverbände (inklusive Festungsartillerie)[7] geschützt.

In der Lösung wurde ein Kompromiss aus beiden Varianten gefunden: Grenzbrigaden schützen den Grenzraum, im Mittelland operieren drei Feldarmeekorps, der Alpenraum wird von einem Gebirgsarmeekorps unterstützt von Festungsbrigaden im ausgebauten Reduit verteidigt. Somit gab es erstmals in der Schweizer Armeegeschichte zwei grundsätzliche verschiedene Strategien, die gleichzeitig umgesetzt wurden. Die Umsetzung erfolgte von 1961 bis 1969 und wurde mit endgültigen Einführung der Truppenführung 69 abgeschlossen. Damit wurde die lineare Truppenführung der Armee 51 durch das Konzept der Abwehr ersetzt. Es wurde nicht mehr eine Linie verteidigt, sondern in einem Abwehrraum gleichzeitig verteidigt und angegriffen.

Die neue Gefahr strategischer Überfälle auf die zentralen Nervensysteme (Flugplätze, Wirtschaftszentren, Kommunikationssysteme, Verkehrs- und Stromnetze, Staudämme usw.) eines Staates brachte die Entwicklung neuer weitreichender Waffentechnologien (Raketen, Marschflugkörper usw.) oder terroristische Anschläge (1970: Swissair-Flug 330). Dieser Gefahr wurde mit einer neuen Führungsstruktur (unterirdische Führungsanlagen, institutionalisierte Führungsgremien) und einem neuen, gestaffelten Mobilmachungssystem (ständige Präsenz von WK-Truppen (Bereitschaftstruppen), Flughafenregimenter, Mobilisierung der Armee von 625.000 Angehörigen innert höchstens 48 Stunden) begegnet. Auf der ersten Seite im Dienstbüchlein jedes Soldaten klebte ein Mobilmachungszettel mit Weisungen für das Einrücken bei Kriegsmobilmachung, wo Einrückungsort und -zeit sowie die notwendigen Mobilmachungsinformationen angegeben waren.[5]

Die Militärausgaben (1970: 2 Milliarden Franken, 1980: 3,6 Mia., 1990: 6 Mia. = 1,5 % vom BIP, Total 1960–1990: 54 Mia) für die kostengünstige Milizarmee behinderten andere Staatsaufgaben nicht. Neben der Armee 61 konnten der Zivilschutz, das Sozialsystem, die Verkehrsinfrastruktur und das Bildungswesen in einmaliger Weise ausgebaut werden.

Operative Planung und Grunddispositiv «Zeus»


General Guisan hatte im Abschlussbericht von 1945 an die Bundesversammlung auf den Mangel an vorbereiteten Operationsplänen hingewiesen.[8] Aufgrund des Berichts des Bundesrates zur Konzeption der militärischen Landesverteidigung vom 6. Juni 1966 begann die Schweizer Armeeführung erstmals mittels einer rollenden operativen Planung grundlegende Einsatzpläne der Armee im Voraus zu erstellen. Die mit den Armeeleitbildern der 1980er- und 1990er-Jahre gestärkte Kampfkraft der Armee (Leopard Panzer, Panzerabwehrlenkwaffe Dragon, Panzerjäger TOW Piranha, 12 cm Minenwerfer, Panzerhaubitzen, Fliegerabwehrlenkwaffe Rapier, modernisierte Tiger und F/A-18 Flugzeuge) mit grösseren Schussdistanzen erforderten neue Einsatzplanungen.

Ausgehend vom weitgehend fixen Mobilmachungsdispositiv wurde per 1992 als Kampfdispositiv das Grunddispositiv «Zeus» entwickelt, das rasch aus dem Mobilmachungsdispositiv bezogen werden konnte. Der Vorteil von «Zeus» war, dass die Miliztruppe Land, Leute und Kampfinfrastruktur kannte und den Abwehrkampf in diesen Räumen regelmässig in den Wiederholungskursen dynamisch übte.[5]

Wichtigste Änderungen gegenüber der Armee 51


Die Armee 61 wurde im Rahmen der sicherheitspolitischen Gesamtkonzeption ausgebaut und neu gegliedert, um eine starke, schnell einsatzbereite Armee zu schaffen:

Bestand und Ausrüstung


Zur Umsetzung der geplanten Kampfkraftsteigerung wurde die Truppenstärke erhöht, moderne Waffentechnik beschafft und die Infrastruktur ausgebaut (die Zahlen beziehen sich auf 1988). Die Rüstungsgüter wurden, wenn immer möglich, in der Schweiz entwickelt und hergestellt. Neben strategischen Gründen (Unabhängigkeit, Dezentralisation) diente dies der Wirtschaftsförderung (Lizenzherstellung, Know How-Transfer, Gegengeschäfte) inklusive wirtschaftlich schwachen Regionen und Kleinbetrieben: So stellten Sattler und Schumacher aus der ganzen Schweiz die Militärrucksäcke beziehungsweise Militärschuhe her. Insbesondere bei Rüstungsgütern aus dem Ausland wurden grosse Ersatzteillager angelegt.

Waffen

Flugzeuge

Militärflugplätze

Aktuelle und heute ausgemusterte Militärflugplätze[12] (* ehemalige Reduitflugplätze):

Infrastruktur

Gliederung


Heereseinheiten

Verwaltungseinheiten

Ausbildung


Zusätzlich zur bestehenden Ausbildung wurde vermehrt auf das richtige Verhalten bei Einsatz von atomaren Kampfmitteln und der Kampf in überbautem Gebiet geübt. Als gesellschaftspolitisches Kuriosum ist noch zu erwähnen, dass im Jahr 1961 die Möglichkeit abgeschafft wurde, als Motorfahrzeugführer den Fahrausweis in der Rekrutenschule zu machen, es gab genügend zivil ausgebildete Fahrzeuglenker.

Mit dem Jahr 1963 begann die Umschulung vom Karabiner auf das Sturmgewehr 57. Mit der Integration von mechanisierten Divisionen in den Feldarmeekorps wurde die Zusammenarbeit zwischen Infanterie und mechanisierten Verbänden ab 1964 geschult.

Die nächste grosse Änderung in den Ausbildungschwerpunkten kam 1970, als arabische Terroristen neben anderen eine Swissair-Passagiermaschine entführten und eine El-Al-Maschine in Kloten beschossen. Auf Wunsch der Kantonsregierungen von Zürich und Genf wurden je ein Bataillon im Rahmen der normalen Dienstleistung zu Verfügung gestellt. Die Zusammenarbeit mit den kantonalen Polizeikräften erforderte vor allem auf Stabsebene eine völlig neue Zusammenarbeit und entsprechende Ausbildung der Kader. Dieser Ordnungsdienst wurde als Aktivdienst – der erste ab Ende des Zweiten Weltkriegs – geleistet.

Das Ausbildungsregime musste erneut 1973 geändert werden, als wegen der Ölkrise die Treibstoffzuteilung aller Verbände um bis zu 30 % gekürzt wurden.

Literatur


Weblinks


Commons: Armee 61  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise


  1. Die Truppenordnung (TO) hiess bis 1911 Armee-Einteilung, ab 1995 wurde sie als Armeeorganisation bezeichnet. Sie zeigt, welche Truppenverbände der Bund aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht aufstellen liess. Die TO wurde vom Verteidigungsdepartement (VBS) erarbeitet und vom Parlament genehmigt
  2. Gruppe Giardino: Neuauflage: Erinnerungen an die Armee 61
  3. Eine erweiterte Definition (P. Strutynsky, Nichts Neues unter der Sonne?) zählt 218 internationale- und Bürgerkriege für den Zeitraum 1945–2000
  4. Nach Schätzungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz („Revue ICR“, n. 789, Mai-Juni 1991) ist der Anteil an Zivilopfer in der Gesamtzahl der Opfer im Laufe des 20. Jahrhunderts von 5 % im Ersten Weltkrieg auf 90–95 % in den Kriegen, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben, gestiegen.
  5. a b c Louis Geiger, Franz Betschon: Erinnerungen an die Armee 61. Verlag Huber, Frauenfeld 2014, ISBN 978-3-7193-1513-9
  6. Bericht des Bundesrates über die Sicherheitspolitik der Schweiz (Konzeption der Gesamtverteidigung), 27. Juni 1973
  7. GMS: Gliederung Festungstruppen Truppenordnung TO 61
  8. Was hier vor allen Dingen festgehalten werden muss, ist der Grad der strategischen Vorbereitung, und so peinlich es auch sein mag, ich muss der Wahrheit zu liebe sagen, dass diese Vorbereitung eine empfindliche Lücke aufwies: wir besassen keine vorbereiteten und ausgearbeiteten Operationspläne. Und zwar hatten wir weder deren zehn noch deren fünf – wir besassen nicht einen einzigen. General Guisan 1945
  9. Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Änderung der Militärorganisation (Vom 30. Juni 1960)
  10. Gerhard Wyss: Evolution statt Revolution. Die Revisionen der TO 61 von 1962–1991. ASMZ Heft 7/8 Wehrhafte Schweiz, Band 157 1991
  11. 1992 besass nur die US Army mehr Panzerhaubitzen M109 als die Schweizer Armee
  12. Ausgemusterte Flugplätze
  13. Flugplatz Thun LSZW (Memento vom 3. Januar 2016 im Internet Archive)
  14. Festung Oberland: A 1689 «Schweizerhof» als Vorgänger des ABC-Labors Spiez (Memento vom 6. April 2015 im Internet Archive)
  15. ASMZ 1997: FLINTE das Internet der Luftwaffe



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